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Wann wird aktiv mehr für junge Homosexuelle und Queers getan?
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Internationaler Tag der Jugend Wann wird aktiv mehr für junge Homosexuelle und Queers getan?

ms - 12.08.2022 - 10:00 Uhr

Die Situation für LGBTI*-Jugendliche hat sich in denen letzten zweieinhalb Jahren seit Beginn der Corona-Pandemie noch einmal verschlechtert, mehrere Studien der letzten Zeit zeigen dabei auf, wie dramatisch sich stellenweise die Lebensrealität von jungen homosexuellen und queeren Menschen ins Negative gewandelt hat – der heutige Internationale Tag der Jugend will diese Probleme stärker in den Fokus rücken.

Bereits im letzten Jahr hatte die damalige Bundesjugendministerin Christine Lambrecht erklärt, dass viele junge Menschen eine schwere Zeit durchmachen würden – trotz zahlreicher Maßnahmen der Bundesregierung scheint sich auch unter der Ampel-Koalition an dieser Tatsache bisher wenig verändert zu haben. Im Gegenteil sogar: Die Situation scheint mit Blick auf die jüngsten Zahlen noch dramatischer geworden zu sein. Das Statistische Bundesamt bestätigte diese Woche, dass die psychischen Erkrankungen und Verhaltensstörungen inzwischen die häufigste Ursache für stationäre Krankenhausbehandlungen von jungen Menschen zwischen 15 und 24 Jahren sind. Im Schnitt jeder fünfte stationäre Aufenthalt eines jungen Menschen findet aufgrund psychischer Probleme statt – in tatsächlichen Zahlen sind das jedes Jahr rund 150.000 Personen. Psychische Krankheiten sind bei 15- bis 24-Jährigen binnen der letzten 15 Jahre von 12 auf 18 Prozent angestiegen.

Junge LGBTI*-Menschen sind dabei oftmals in besonderer Weise von psychischen Problemen betroffen, wie beispielsweise auch Studien von anyway in Köln belegen. Die Pandemie hat in den letzten zweieinhalb Jahren die Situation dort weiter verschlimmert, Depressionen und auch suizidale Gedanken gehören immer mehr zum Alltag von LGBTI*-Jugendlichen: Depressive Verstimmungen stiegen um rund 67 Prozent an, ein selbstverletzendes Verhalten um rund 18 Prozent. Nach wie vor ist auch das Suizidrisiko von Lesben und Schwulen zwischen 12 und 25 Jahren vier- bis siebenmal höher, als das von Jugendlichen im Allgemeinen, so eine Studie des Berliner Senats. Jeder sechste junge Homosexuelle hat auch bereits schon einmal daran gedacht, Suizid zu begehen.

Es gibt also wahrlich viel zu tun und der heutige Internationale Tag der Jugend wird da bei weitem nicht ausreichen. Die Europäische Union (EU) hat aufgrund der aktuellen Entwicklungen das ganze Jahr 2022 direkt zum “Europäischen Jahr der Jugend“ erklärt. In Deutschland gibt es aktuell rund 8,5 Millionen junge Menschen zwischen 15 und 24 Jahren, rund 1,9 Millionen davon definieren sich selbst als LGBTI*. Die Bundesregierung hat in den letzten zwei Jahren versucht, mit zahlreichen Aktionen die Situation für junge Menschen in Deutschland zu verbessern: Es gab einen zwei Milliarden Euro schweren Aktionsplan “Aufholen nach Corona“, der die Lernlücken an Schulen im Blick hatte, eine Jugendstrategie inklusive Jugend-Politik-Tage und Jugendparlamenten, die junge Menschen mehr aktiv an der politischen Willensbildung teilhaben lassen sollten und ein Ausbau der “jugendgerechten Kommunikation“ via Instagram. Auch wurden einige Förderprojekte für Jugendliche angestoßen, denen eine Perspektive für die Zukunft fehlt. Effektiv geholfen hat bisher keine Aktion, wenigstens lassen sich keine signifikanten Verbesserungen bisher feststellen.

Große Hoffnung ruht aktuell auf dem geplanten Nationalen Aktionsplan, der auch die Lebensrealität junger Menschen in Schule und Ausbildung im Blick haben soll – bis jetzt gibt es auch hier noch keine konkreten Pläne. Gegenüber SCHWULISSIMO erklärte Sven Lehmann, der Queer-Beauftragte der Bundesregierung: „Mir ist wichtig, dass die Community mit am Tisch sitzt, sprich die Verbände, und auch alle Ministerien. Bei diesem Aktionsplan sind alle Regelungsbereiche betroffen. Zudem wollen wir den Aktionsplan über Jahre anlegen, sodass er eine nachhaltige Wirkung erzielt. Ich sehe deswegen verschiedene Schwerpunkte. Mir ist das Thema Hasskriminalität sehr wichtig. Ein anderer Schwerpunkt ist natürlich das Thema Bildung und Aufklärung. Hier wollen wir auch mit den Bundesländern zusammenarbeiten, beispielsweise auch bei der Frage, ob aktuelle Bildungsmaterialien wie Schulbücher auf dem aktuellen Stand sind. Es geht darum, Kindern zu zeigen: Egal wie ihr seid, ihr seid okay und richtig so.“

Konkrete erste Eckpunkte sollen bis Ende 2022 vorgestellt werden, eine Umsetzung ist nicht vor 2023 geplant. Die queer-politische Sprecherin der Linken, Kathrin Vogler, hatte bereits mehrfach kritisiert, dass noch immer zu wenig von Seiten der Ampel-Koalition geschehen würde: „Mein Eindruck ist, dass die Ampel in der LGBTI*-Politik sehr viel Symbolik, aber wenig Konkretes vorzuweisen hat. Auch meine Frage, welche zivilgesellschaftlichen Organisationen an der Erarbeitung des Nationalen Aktionsplans beteiligt werden sollen, hat Sven Lehmann nicht im Detail beantwortet. Dabei wäre es wichtig, dass hier die gesamte Vielfalt der Community berücksichtigt wird, um diesen Plan auch an den Bedürfnissen derjenigen auszurichten, die häufig zu kurz kommen.“ So wird sich frühestens im Herbst 2023 zeigen, welche Gewichtung auf die Situation der LGBTI*-Jugend gelegt wird, bis dahin dürfte sich an der schwierigen Lage wenig ändern.

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