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Facharzt bittet um mehr Vernunft in der trans-Debatte
Rubrik

Rückkehr zur Sachlichkeit? LSVD ruft zu mehr Solidarität von Lesben und Schwulen auf

ms - 23.06.2022 - 11:00 Uhr

Seitdem die Welt-Zeitung Anfang Juni online einen ersten Aufruf von mehr als 100 Wissenschaftlern und Biologen veröffentlicht hat, die dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk eine einseitige und sachlich sowie wissenschaftlich nicht fundierte Berichterstattung zu Geschlechtsanpassungen und dem geplanten Selbstbestimmungsgesetz vorwarfen, erhitzten immer weitere Kommentare, Streitschriften, Entschuldigungen und darauf folgende Gegenargumente die Debatte. Klar ist bisher nur, dass die Diskussion immer mehr in der Mitte der Gesellschaft ankommt, womit ein Ziel der Autoren der ersten Stunde erreicht sein dürfte.

Einer jener ersten Autoren ist Alexander Korte, er ist Leitender Oberarzt an der Ludwig-Maximilians-Universität München und behandelt seit 2004 Jugendliche mit Geschlechtsdysphorie. Die Bundesregierung lud ihn bereits als ausgewiesenen Fachmann im Rahmen einer Sachverständigen-Anhörung in den Deutschen Bundestag ein. Korte bittet nun im jüngsten Gastbeitrag der Welt um eine Versachlichung der Debatte und eine Rückkehr beider Seiten zu einer Diskussion, in der wissenschaftliche Fakten im Mittelpunkt stehen. Es sei dabei wichtig, die „Debatte aus den Elfenbeintürmen der Wissenschaft, den geschlossenen Zirkeln einer kleinen woken Minderheit und den subkulturellen Milieus der Generation Z heraus in die Mitte der Gesellschaft zu bringen.“

Ausführlich nimmt Korte dabei auch Stellung zur wissenschaftlichen Betrachtungsweise und bekräftigt, dass es biologisch nur zwei Geschlechter gibt: „In den Naturwissenschaften ist die Unterscheidung zwischen dem männlichen und dem weiblichen Geschlecht eine bewährte und allseits akzeptiert. Geschlecht ist hier klar definiert als Zustand mit zwei Ausprägungen (…) Es gibt keine biologischen Prozesse, zu deren Erklärung weitere Geschlechter notwendig wären. Deswegen gibt es aus Sicht einer dem kritischen Rationalismus verpflichteten Wissenschaft keine Gründe für die Einführung weiterer Geschlechtsbegriffe. Diese wären nur dann sinnvoll, wenn man mit ihnen Theorien aufstellen und empirisch belegen könnte, welche die Realität besser erklären als die Annahme der Zweigeschlechtlichkeit. Solches Wissen wurde zumindest bislang nicht geschaffen.“

Dabei bekräftigt Korte im weiteren Verlauf, dass auch Intersexualität keine Widerlegung der Geschlechterbinarität sei, sondern es Menschen gibt, bei denen die geschlechtlichen Strukturen nicht vollständig differenziert wären. Die Mehrheit der Bundesbürger und auch die Mehrheit der Homosexuellen würden die aktuell geplanten Regelungen des neuen Selbstbestimmungsgesetzes sehr kritisch sehen. Dabei hinterfragt Korte auch die Erklärung des Queer-Beauftragten der Bundesregierung, Sven Lehmann. Zuletzt hatte auch das Netzwerk Wissenschaftsfreiheit den Politiker der Grünen aufgefordert, Stellung zu beziehen, welches Verhältnis er zur Meinungs- und Wissenschaftsfreiheit habe und ob sein Beitrag die Position der gesamten Bundesregierung wiedergebe. Korte schreibt dazu: „Der Queer-Beauftragte der Bundesregierung Sven Lehmann kritisiert, unser Text sei geprägt von ´Homo- und Transfeindlichkeit´. Er versteigt sich gar zu dem Vorwurf der ´Hetze´ und ´gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit´. Das ist falsch, entbehrt jeglicher Grundlage und wird von ihm auch durch nichts belegt. Homosexualitätsfeindlich ist aus unserer Sicht vielmehr die Transgender-Ideologie, die, indem sie auf Geschlechtsstereotypen fokussiert, eine Retraditionalisierung von Geschlechterrollen befördert. Bei vielen minderjährigen Patienten, die ihre großen psychischen Probleme darauf zurückführen, ´im falschen Körper zu leben´, zeigt die Analyse ganz andere Gründe, häufig beispielsweise eine verdrängte Homosexualität. Wir können den Betroffenen helfen, ihre Homosexualität zu erkennen, zuzulassen und ein selbstbestimmtes, auch sexuell erfülltes Leben zu führen.“

Mehrfach verweist der Facharzt dabei auch auf die aktuelle Situation in den Kliniken für Geschlechtsdysphorie, die meisten jugendlichen Patienten seien dabei Mädchen, die oftmals aus einer pubertären Krise heraus zu der „irrigen Annahme gelangen, im falschen Geschlecht“ zu sein. Völlig außer Acht gelassen würden dabei die „irreversiblen Folgen einer Früh-Medikalisierung“ betroffener Kinder. Mehrfach bittet Korte darum, zu einem sachbezogenen Dialog zurückzukehren und räumt auch ein, vielleicht auch selbst in der Kommunikation Fehler gemacht zu haben. Er stünde für jedes Gespräch bereit, denn sein höchstes Interesse von Berufs wegen sei das Wohl der Kinder. Abschließend will Korte auch den Vorwurf entkräften, er sei ein Feind von trans-Personen – eine Annahme, die wohl allein aufgrund seiner Tätigkeit als Oberarzt für Jugendliche mit Geschlechtsdysphorie für viele Beobachter der Debatte seltsam ist. Aber, so Korte abschließend: „Der Ruf nach Transrechten bedeutet eben nicht nur, mitfühlende Konzessionen zu machen, die es einer leidenden und marginalisierten Minderheit ermöglichen, ein erfülltes Leben in Sicherheit und in Würde zu leben (…) Es geht in besagter Gesetzesinitiative um nicht weniger als die Neudefinition von ´Geschlecht´ im deutschen Rechtssystem. Bislang beruht die rechtliche Kategorie ´Geschlecht´ auf den biologisch-körperlichen Merkmalen eines Menschen. Nun ist vorgesehen, diese auf der Grundlage einer gefühlten ´Geschlechtsidentität´ zu definieren (…) Eine liberale, säkulare Gesellschaft kann viele unterschiedliche Glaubenssysteme aufnehmen, auch sich widersprechende. Was sie jedoch nie tun darf, ist, die Überzeugungen einer Gruppe allen anderen aufzuzwingen. Es geht also auch um die Freiheit des Gewissens, der persönlichen Meinungsäußerung und nicht zuletzt die der Wissenschaft.“

Die jüngsten Aussagen von Korte werden von einigen Verbänden wie der LGB-Alliance unterstützt, erfahren andererseits aber auch starke Ablehnung von queeren Organisationen und Gruppen. Im Tagesspiegel rief Alfonso Pantisano, der Landesvorsitzende der SPDqueer Berlin und Bundesvorstand des Lesben- und Schwulenverband Deutschlands (LSVD), Lesben und Schwule dazu auf, solidarischer zu sein und erklärte dabei: „Wir sagen Artikel 1 des Grundgesetzes wie ein Mantra immer wieder auf, doch welche Bedeutung hat es, wenn trans-Menschen bei uns immer noch nicht ein würdevolles, selbstbestimmtes Leben leben dürfen?“

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