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US-Expertin für innere Sicherheit warnt vor Gewaltspirale
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Terrorismus gegen LGBTI* „Die Gefahr dieser Gewalt ist extrem!“

ms - 13.09.2022 - 15:00 Uhr

Der Kulturkampf in den Vereinigten Staaten von Amerika – immer fassungsloser blicken queere Menschen aus Europa auf die Situation in dem einstmals so großen Land der Mächtigen und Freien. In knapp zwei Monaten entscheidet sich bei den Zwischenwahlen im November, wohin das Land wandert. Können erstarkte Demokraten den mehr als 300 queer-feindlichen Gesetzen kraftvoll entgegentreten oder werden ab 2023 die Hardliner, Homophoben und Republikaner endgültig Amerika in eine moderne Form des Wilden Westens zurück verwandeln, in dem nur das Recht des Stärkeren zählt? Eine der bekanntesten Expertinnen für innere Sicherheit meldete sich jetzt zu Wort und erklärte, dass vor allem rechte Gruppen systematisch Terror im eigenen Land ausüben – im Fokus der Angriffe ist mehr denn je die LGBTI*-Community.

Juliette Kayyem ist Harvard-Professorin, CNN-Analystin für nationale Sicherheit, ehemalige Beraterin im Ministerium für Innere Sicherheit unter Präsident Barack Obama und Bestseller-Autorin. Sie spricht von sogenanntem “stochastischem Terrorismus", der derzeit in den USA beobachtet werden kann – allein die Geschehnisse dieses Sommers zeugten so eindrucksvoll von dieser Entwicklung. Unter stochastischem Terrorismus versteht man dabei eine Gewalteruption, die mit giftiger, hetzerischer Rhetorik beginnt und so lange einzelne Personen oder kleinere Gruppen aufstachelt, bis diese gewalttätig werden. Dieses Verhalten nutzen dann Politiker oder prominente Persönlichkeiten, um die Rhetorik weiter anzuheizen und so, für sie bestenfalls, Gesetze umzusetzen, die ganze Bevölkerungsgruppen wie die LGBTI*-Community angreifen.

Kayyem betont dabei: „Die Gefahr dieser Gewalt ist extrem, weil sie von Politikern und Medienpersönlichkeiten ausgeht, die nicht zur Rechenschaft gezogen werden. Der stochastische Terrorismus beruht auf einem psychologischen Phänomen, bei dem jemand durch Nachrichten, die er erhält, dazu angeregt wird, im Namen einer Sache, die er als falsch empfindet, Gewalt zu verüben. Mit anderen Worten: Es handelt sich um einen Terrorismus, der statistisch vorhersehbar, aber individuell nicht greifbar ist.“ So sind sich Fachleute und Experten einig, dass die Gewalt weiter eskalieren wird, gerade gegen vulnerable Gruppen. Nur lässt sich nicht voraussagen, welcher “Einzeltäter“ als nächstes zur Waffe greift und beispielsweise mit geladenen, vollautomatischen Pistolen in den nächsten LGBTI*-Club rennt. Es sei eine massiv ansteigende Bedrohung entstanden, dessen Attentäter bis zuletzt im Dunkeln bleiben, während die eigentlichen Verursacher weiter den Boden für die Gewalttaten bereiten.

Wie gut das funktioniert, zeigte zuletzt auch einmal mehr Donald Trump. Nachdem das FBI das Haus des ehemaligen Präsidenten in Palm Beach Florida, Mar-a-Lago, im August durchsucht hatte, begannen rechte Kreise - darunter auch Politiker sowie Trump selbst – die Bundespolizei verbal anzugreifen. Kurz darauf versuchte ein Einzeltäter einen Anschlag auf eine FBI-Außenstelle in Cincinnati zu verüben. Im Mittelpunkt der Angriffe in diesem Sommer von Gruppen wie den Proud Boys oder der Patriot Front waren LGBTI*-Organisationen und Veranstaltungen. Die geringste Gegenwehr kann dabei erneut zu einer katastrophalen Reaktion führen. „Das ist so ähnlich wie bei ISIS, die keinen konkreten Anschlag planen, sondern ein Umfeld schaffen, in dem Gewalt zu einem Arm der politischen Partei wird. Die Zuhörer interpretieren die Dämonisierung von Gruppen, die durch soziale Medien und rechte Propaganda gefördert wird, als Aufforderung zu gezielter Gewalt. Dabei sind diese Taten oft durch eine vage Sprache motiviert, die es dem Agitator ermöglicht, am Ende die Verantwortung zu leugnen“, so die Expertin weiter.

 

Laut dem Southern Poverty Law Center (SPLC), das extremistische Gruppen wie Patriot Front beobachtet, konnten in diesem Sommer größere Anschlage bisher eher durch Zufall verhindert werden, beispielsweise der geplante Angriff auf die Veranstaltung Pride in the Park in einer Kleinstadt im Bundestaat Idaho. Passanten hatten die vermummten Männer auf einem Parkplatz gesehen und die Polizei alarmiert, die die gewaltbereiten Rechtsextremisten rechtzeitig festnehmen konnte. Glück und Zufall werden auf Dauer nicht ausreichen, um weiteren Schaden von der LGBTI*-Community abzuwenden. Expertin Kayyem sagt dazu mit Blick auf die eigentlichen politischen Hetzer im Hintergrund: "Ich glaube, sie kennen den Schaden, den sie anrichten. Es ist ein politisches Kalkül, dass der Schaden den Gewinn wert ist, und das finde ich erschreckend."

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