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Der Umgang mit dem Tod // © Marjan_Apostolovi
Rubrik

Was kommt danach? Der Umgang mit dem Tod

kk - 21.11.2020 - 10:00 Uhr

Es ist wohl das letzte Tabu in unserer offenen westlichen Gesellschaft: der Tod. Eine ungeahnte Krise wie Corona hat das Thema jedoch wieder ins Bewusstsein vieler gerückt, man macht sich Sorgen um liebe Mitmenschen und auch um sich selbst. Doch hat sich auch unser Umgang mit dem Tod verändert? Stellt man vielleicht andere Fragen als zuvor und viel wichtiger: Gibt man sich andere Antworten? Ein paar Antworten oder Gedanken zu dem Thema im Folgenden.

Das Unfassbare realisieren...

Es ist wohl das Schlimmste und Schockierendste im Leben, wenn der geliebte Partner plötzlich verstirbt. Allein die Vorstellung ist angsteinflößend und dennoch hilft es, vorbereitet zu sein – denn so banal es klingt, es ist unumstößlich wahr: Wir werden alle irgendwann sterben.
Niemand will ihn sich vorstellen, diesen Moment, wenn einem mitgeteilt wird, dass ein geliebter Mensch gestorben ist. Man kann sich noch so viel mit dem Thema befassen, vielleicht wegen einer unheilbaren Krankheit sogar vorbereiten – die Trauer und der Schmerz werden einen dennoch unvermittelt treffen. Wie also damit umgehen? Dieser eine Moment teilt das Leben in ein ‚davor‘ und ein ‚danach‘ und auch wenn man mit Angehörigen oder Freunden zusammen trauert, bleibt man mit dem Leid letztendlich doch allein und muss damit leben (lernen). Und genau dieses individuelle Trauern ist eine Folge der gesellschaftlichen Verdrängung des Todes. Das eigentlich Unfassbare zu realisieren wird somit schwer, denn es fehlen oft verlässliche Riten. Was jedoch oft gleich ist und somit einen Leitfaden zur Hilfe darstellt, sind die vier Phasen der Trauer, die jeder meist durchläuft.

 

Der Umgang mit dem Tod // © jhandersen

Die vier Phasen der Trauer....

Die Schweizer Psychologin Verena Kast hat den Trauerprozess in vier Phasen untergliedert, die folgendermaßen aussehen:

Phase 1: Leugnen und Nicht-Wahrhaben-Wollen.

Phase 2: Wut und andere aufbrechende Emotionen.

Phase 3: Innere Auseinandersetzung mit dem Verlust.

Phase 4: Neuer Selbst- und Weltbezug.

Die erste Phase speist sich aus dem Schockzustand, in dem man sich durch den Tod eines geliebten Menschen befindet. Das Gefühl des völligen „Erstarrtseins“ kann tagelang anhalten und in dieser Phase benötigt man eventuell Hilfe für die alltäglichsten Aufgaben von außen. So schaffen es Trauernde anfänglich kaum aufzustehen, sich anzuziehen oder zu essen. Diese Phase ist physiologisch gut erforscht, denn unsere Hirnprozesse sind gestört worden. Im Hirnstamm betrifft dies das Kleinhirn und das limbische System, also die Zentren für Gefühle und Gedächtnis, aber auch die Gebiete Essen, Schlafen und Atmen. Verschwindet dieses erste Schockgefühl allmählich, brechen Emotionen der Wut auf und es wird nach einer Erklärung für das Unerklärliche gesucht. Betroffene geben sich die Schuld wie: „Hätte ich ihn am Rauchen gehindert, wäre er nicht an Krebs gestorben“, oder: „Hätte ich verhindert, dass er an dem Tag Auto fährt, wäre es zu keinem Unfall gekommen“. Auch bei solchen irrationalen Überlegungen oder „Erklärungen“ ist es gut, wenn jemand einfach nur zuhört, ohne diesen Trauerschritt zu übergehen oder gar rationalisieren zu wollen. Es ist kein guter Rat, den Verstorbenen doch jetzt langsam mal zu vergessen, man kann nämlich auch eine neue Ebene der „Beziehung“ finden und beispielsweise zunächst weiter in Gedanken mit dem verlorenen Partner sprechen. Laut Trauerbegleitern ist dies ein vollkommen normales und auch befreiendes Verhalten, das ebenfalls in die Kategorie Rituale fällt. In der dritten Phase beruhigt sich das Gefühlschaos zwar, dennoch werden immer wieder Erinnerungen daran wach, dass es den geliebten Menschen nicht mehr gibt. Diese Phase kann Wochen, aber auch Jahre dauern und ist individuell sehr unterschiedlich ausgeprägt. Innerlich spielt sich ein Suchen und Trennen von der Person ab, und diese innere Auseinandersetzung mit dem schmerzlichen Verlust erfordert viel Geduld vom Umfeld mit der trauernden Person. Erst wenn diese Phase etwas abschwächt, ist man nämlich in der Lage, die Welt und auch sich selbst neu zu sehen. Diese vier Phasen sind jedoch kein starres Schema, sie sind nur ein Hilfsgerüst mit ähnlichen Verhaltensmustern, die diese schwer zu fassenden Dinge erklären helfen.

 

Der Umgang mit dem Tod // © damedeeso

Die Frage nach dem Sinn...

Welchen Sinn der Tod hat oder welchen Sinn hat das Leben an sich? Wir müssen selbst Sinn stiften und auch wenn alles, was bleibt, Erinnerungen sind, kann und soll man sie ehren. Nicht im Sinne eines Museums, sondern als lebendig gestaltete Erinnerung. Vielleicht kann man so den Tod als eine Art Verwandlung sehen. Ohne dabei gleich an übernatürliche Dinge zu glauben, bleibt der Tote uns auf diese Art nahe – die verbindenden Erinnerungen sind nämlich ein Teil von uns. Neurowissenschaftlich ist dies sogar erwiesen und solche inneren Zwiegespräche schaffen zweierlei: Wir fühlen uns dem Toten sehr nahe und spüren aber gleichzeitig, dass er weg ist. Die eigenen widersprüchlichen Gefühle werden so besser verarbeitet und auch in einen neuen Sinn überführt. Der Schriftsteller Antoine de Saint-Exupéry hat es einmal so formuliert: „Der Tod ordnet die Welt neu. Scheinbar hat sich nichts verändert, und doch ist alles anders geworden“. Und wie dieses Neue aussieht, liegt auch an uns selbst.

Umgang mit Trauernden...

So individuell diese Sinnsuche ist, so unterschiedlich ist auch die Art des Trauerns. Deshalb ist es auch für nicht direkt Betroffene wichtig, hier nicht von sich auf andere zu schließen. Auch Ratschläge, was die Dauer einer Trauer anbelangt, sind unangebracht, genauso wie banale Phrasen wie „Das wird schon wieder“. Aufmunterungen sind hier ebenfalls fehl am Platz, besser beschränkt man sich aufs Zuhören und Dasein und zeigt dem Trauernden auf diese Weise, dass man sie nicht alleine mit ihrem Schmerz lässt. Speisen Sie den Trauernden jedoch nicht mit Worten wie „Lass mich wissen, wenn Du etwas brauchst“ ab. Unterstützen Sie ihn lieber aktiv: Bringen Sie kleine Geschenke vorbei, helfen Sie mit alltäglichen Dingen oder laden Sie ihn zum Essen ein.

Wenn man Hilfe braucht...

Für manche Trauernden gibt es jedoch keine abgeschlossenen Phasen, sie leiden dauerhaft. In diesem Fall sollte man sich professionelle Hilfe suchen und sich dessen nicht schämen, denn jeder trauert anders. Wichtig ist zudem zu erkennen: Trauern ist keine psychische Krankheit, sondern sie ist sinnvoll. Durch sie realisieren wir den Verlust und erst danach ist es mental möglich, sich auf neue Situationen einzustellen. Manchen helfen dabei Grabbesuche, Gebete oder eben Gespräche. Die Trauerforscherin Rita Rosner rät jedoch auch dazu: „Wichtig ist, dass die Hinterbliebenen den Blick dabei nach innen richten, den Verlust akzeptieren, ihre Beziehung zum Verstorbenen verändern und dadurch wieder nach vorne schauen können“. Wer den Tod nicht annehmen kann, verfällt in ein dauerhaftes Hadern und gerät in eine Abwärtsspirale, aus der man nicht alleine wieder herauskommen kann. Man nennt diesen Prozess „Komplizierte Trauer“. Sie resultiert aus den unterschiedlichsten Gründen: Manche Menschen fühlen sich schuldig, wenn sie zu Trauern aufhören und lange mit einem Verstorbenen zusammen waren. Andere haben in ihrer Beziehung zu wenig Eigenleben entwickelt und wissen nun nicht, was sie ohne die Person eigentlich im Leben wollen. Das Gespräch über den Tod lässt dessen Schrecken ein wenig verblassen, denn man kann gemeinsam damit umgehen (lernen), aber man muss eben auch alleine weiterleben können. Eine enge Bindung zu einer Person ist natürlich erstrebenswert, wer aber in völliger Symbiose mit dem Partner lebt, wird es schwer haben, nach einem Todesfall wieder zurück ins Leben zu finden. Und so gehört zu einer funktionierenden Beziehung auch, sich in dieser eine Eigenständigkeit zu bewahren.
Oder psychische Faktoren lassen einen in der Komplizierten Trauer verharren, da man vielleicht in der Kindheit keine sicheren Bindungen erleben konnte und so nun wieder eine Gefährdung durchlebt. Ein Psychologe kann helfen, die Ursachen des schmerzhaften und andauernden Trauerprozesses aufzubrechen.

Seelische Stärke...

Die seelische Stärke, die man beim Verlust eines geliebten Menschen aufbringen muss, ist enorm. Manche Menschen haben diese große Widerstandskraft, die man Resilienz nennt. Das Wort ist aus dem lateinischen „resilire“ abgeleitet und meint, dass resiliente Menschen durch diese Kraft auch in schwierigen Situationen wieder schneller Halt finden. Und dennoch: Trotz aller Eigenständigkeiten wird der Verstorbene schmerzlich fehlen und das Loslassen wird schwerfallen. Schließlich wird alles in der gemeinsamen Wohnung, aber auch an Plätzen im Heimatort an ihn erinnern. Trauerphasen sind dabei unterschiedlich lang und jeder muss für sich selbst wissen, wann er beispielsweise Kleiderschränke leerräumt. Egal, ob es für manch einen wichtig ist, dies sofort zu tun oder erst nach einer Weile – man sollte jeden Tag ein bisschen mehr loslassen können. Dabei können Rituale helfen, die ganz individuell sind. Regelmäßige Gespräche mit anderen Trauernden oder Gebete für sich allein – für jeden gestaltet sich diese Verarbeitungsphase anders. Hilfreich ist es auch, ein Erinnerungsbuch zu schreiben. Darin kann man viele gemeinsame Stationen im Leben festhalten, an gute wie an schlechte Zeiten denken und in Gedanken das gemeinsame Leben noch einmal wiederaufleben lassen. Sich so eine gewisse Portion Resilienz – man könnte dazu auch „Ich-Stärke“ sagen – im Leben anzueignen, ist demnach eine große Hilfe auch in den düstersten Momenten. Laut Resilienzforschern kann man sich diese seelische Widerstandskraft auch als Erwachsener noch aneignen. Dazu sollte man immer wieder in sich hineinhören und die eigenen Bedürfnisse zu ergründen suchen. Und vielleicht hilft beim Finden der Ich-Stärke auch ein Blick aus dem Alltag heraus, in andere Denkweisen und andere Kulturen.

Der Tod in anderen Kulturen...

Vielleicht fehlen uns sichtbare, ja lebendige Rituale zum Umgang mit dem Tod, wie sie in anderen Kulturen zelebriert werden. Während hier eine Beerdigung meistens nicht zu einem gemeinschaftlichen Verarbeiten des Verlusts führt und jeder abgekapselt mit seinem Schmerz bleibt, hat der Tod in Mexiko beispielsweise einen besonderen Status. Am „Dia de Los Muertos“ (dem „Tag der Toten“, in etwa vergleichbar mit unserem „Allerseelen“) werden bunte Blumengestecke und Getränke sowie Mahlzeiten auf den Friedhof gebracht. Man sitzt zusammen bei den Gräbern, man musiziert und man feiert den Tod, denn er wird als wertvoller Teil des Lebens angesehen, der uns mahnt, unser Leben sinnvoll zu gestalten. Dieser fröhliche Umgang mit dem Tod stellt dabei kein Verdrängen dar, in die Musik mischen sich so immer wieder auch Klagelaute um die Verstorbenen ein, um danach aber wieder gemeinsam lachen zu können. Lachen über den Verstorbenen? Was in unseren Ohren vielleicht unangemessen klingt, ist im „Fröhlichen Friedhof“ im rumänischen Dorf Săpânţa Konzept: Dort stehen an die 800 farbenfroh bemalte Holzkreuze, auf denen individuelle, sarkastische Nachrufe zu lesen sind, die aber auch moralische Tipps an Überlebende richten. Auf einer Inschrift ist so zu lesen: „Der Schnaps ist rein, er bringt uns viele Schmerzen ein. Wer viel Schnaps trinkt, gleich mit ins Grab springt“. Das hindert aber auch die Rumänen nicht, am Fest der Toten – ähnlich wie in Mexiko – mit viel Kerzenlicht umgeben die Nacht auf dem Friedhof zu verbringen, an die Toten zu denken und dabei ihnen zu Ehren zu essen, zu trinken und auch zu tanzen.

Kultur, Kinder und Co.

Während der Tod in unserem Alltag weitgehend verdrängt scheint, zieht er doch vermehrt in viele TV-Serien ein, die sich mit dem Thema humorvoll, geistreich und vielleicht so auch hilfreich befassen. So sind es ausgerechnet oftmals Comedians, die einen tiefgreifenden und auch traurigen Zugang zum Verlust finden, der einen als Zuschauer nicht hilflos zurücklässt. Der englische Schauspieler Ricky Gervais verarbeitet z. B. in „After Life“ den Tod seiner Ehefrau und tut dies auf zunächst zynische Weise. Er weigert sich zu trauern, wie man es allgemeinhin erwartet und stößt sich dabei an Mitmenschen, die nicht bereit sind, ihn aufzugeben. Die Serie vermittelt derart unkitschig eine Mitmenschlichkeit, die einen nachsichtigen Blick auf Trauernde und sogar den Tod bietet. Und auch in Deutschland ist es eine Komikerin, die den Verlust eines geliebten Menschen zu verarbeiten hilft. In „Das letzte Wort“ macht Anke Engelke in der Rolle einer plötzlichen Witwe eine Ausbildung zur Trauerrednerin. Im Laufe der Geschichte ergeben sich bitter-süße-traurige Geschichten, die voller Reflexion und Realismus sind. Keine Comedy, sondern warmherzige, humorvolle und hilfreiche Geschichten für Stunden, in denen vielleicht niemand zum Reden oder Zuhören da ist. Solche Serien rücken den Tod vielleicht auch wieder in das Familienleben, wo doch heutzutage das Altern und Sterben ausgegliedert wird und dieser Prozess so kaum mehr sichtbar ist. Kindern ist der Tod deshalb heutzutage schwerer zu vermitteln, aber man muss mit ihnen darüber reden – denn leider werden auch sie irgendwann auf den Tod stoßen und sind dann völlig unvorbereitet.

Gespräche suchen...

Sich anderen Menschen mitzuteilen hat sich jedenfalls darüber hinaus stets als hilfreich erwiesen, denn daraus entstehen auch gemeinsame Aktivitäten wie Spaziergänge, Besuche von Konzerten oder Kinofilmen, die dem Leben wieder einen gewissen Sinn geben, wenn einem derart der Boden unter den Füßen weggezogen wurde. Aber nicht nur Menschen können im Trauerfall helfen, oft sind es gerade stumme Tiere, die Trost spenden, ohne eine Erwartungshaltung an den Trauernden zu haben. Viele Trauernde holen sich deshalb genau in dieser Lebensphase ein Haustier wie eine Katze oder einen Hund. Und darüber hinaus ist ein Haustier auch eine Verantwortung sowie eine alltägliche Aufgabe: Sie motivieren einen Hinterbliebenen, sich dem Leben erneut zu öffnen.
Und genau das ist vielleicht auch das Geheimnis von Leben und Tod: Sich klar zu machen, wie wertvoll jeder gelebte Tag ist. Denn wie erklären es diese berühmten Comicfiguren so weise?

 

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