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Affenpocken: Wie ist die aktuelle Lage? „Je weniger enger Körperkontakt, desto weniger Risiko.“

ms - 25.05.2022 - 10:45 Uhr

SCHWULISSIMO EXKLUSIV

Seit einer guten Woche sorgt der Affenpocken-Virus gerade auch innerhalb der Community für Verunsicherung und Angst.

Nachdem die ersten Fälle letzte Woche in Großbritannien aufgetreten sind, verbreitete sich der Virus vor allem unter schwulen Männern in Europa sowie den USA und Kanada. Einige schwule Einrichtungen wie eine spanische Gay-Sauna sowie zwei Gay-Events auf Gran Canaria und in Antwerpen könnten als Spreader fungiert haben.

Die Zahl der Infizierten ist inzwischen dreistellig, das Robert-Koch-Institut (RKI) empfiehlt bei einer Infektion mit Affenpocken eine Isolation von mindestens drei Wochen. Darüber hinaus gebe es auch eine dringende Empfehlung für Kontaktpersonen, sich für mindestens 21 Tage in Isolation zu begeben, so Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach, der gute Chancen sieht, den Erreger in Deutschland sowie in ganz Europa zu stoppen. Dabei stellte Lauterbach auch klar, dass es sich hierbei nicht um den Beginn einer neuen Pandemie handele.

Die europäische Seuchenschutzbehörde ECDC hat unlängst Empfehlungen für sogenannte Ringimpfungen herausgegeben – dabei werden alle engen Kontaktpersonen von Infizierten geimpft. Die britische Gesundheitsbehörde hat damit bereits begonnen und die ersten 1.000 Dosen des Pockenimpfstoffes Imvanex verabreicht, vornehmlich an schwule Männer.

Die Weltgesundheitsorganisation WHO hat einen Vorrat an Pockenimpfstoff eingelagert. Viele Länder wie auch Deutschland haben Bestände auf Lager. Das RKI empfahl zudem schwulen und bisexuellen Männern, bei Symptomen einen Arzt aufzusuchen. Erste Anzeichen sind Fieber, Kopf-, Muskel- und Rückenschmerzen und die Lymphknoten schwellen an. Es kommt zumeist auch zu auffälligen Hautveränderungen, die denen von Windpocken oder Syphilis gleichen können.

Über die aktuelle Lage und die Gefahr für schwule und bisexuelle Männer sprach SCHWULISSIMO mit Holger Wicht von der Deutschen Aidshilfe.

„Je weniger enger Körperkontakt, desto weniger Risiko.“ // © Privat

Das RKI stand in diesen Tagen in der Kritik, weil es explizit schwule und bisexuelle Männer warnte und so unbewusst die Gedanken an die “Schwulenseuche“ Aids entflammte. Eine berechtigte Kritik oder nicht?

Das ist ein sehr schmaler Grat, auf dem da gerade gewandelt werden muss. Auf der einen Seite müssen wir und auch das RKI kommunizieren, dass schwule Männer und andere Männer, die Sex mit Männern haben (MSM) zurzeit tatsächlich die am stärksten betroffene Gruppe bei diesen neuen Fällen sind. Es gehört dazu, darüber zu berichten, auch damit Menschen gewarnt werden und Entscheidungen zu ihrem Schutz treffen können.

Gleichzeitig darf natürlich nicht der Eindruck erweckt werden, dass das eine Erkrankung ist, die nur schwule Männer betreffen kann oder die nur beim Sex übertragen werden könnte. Es gibt auch schon jetzt andere Fälle, zum Beispiel gab es innerhalb einer Familie in Großbritannien zwei Fälle. Das RKI hat nur die Gruppe, bei der die meisten Fälle aufgetreten sind, zur Wachsamkeit aufgerufen und darauf hingewiesen, dass sie Symptome gegebenenfalls medizinisch abklären lassen sollten. Wir haben diese Empfehlung unterstützt. Aber natürlich muss sie auch für alle anderen Menschen mit Symptomen gelten.

 

Trotzdem spielt in vielen Medien wenigstens unterschwellig diese Annahme hinein: Da ist die nächste Seuche unter Homosexuellen, weil die zu freizügig leben und Sex haben. 

Diese Unterstellung tritt leider tatsächlich häufig zutage, und das ist nicht hinnehmbar. Pauschalen Schuldzuweisungen an schwule Männer müssen wir genauso entschieden entgegentreten wie Abwertungen bestimmter sexueller Verhaltensweisen. Wir dürfen nicht zulassen, dass wir erneut zur Gefahr stilisiert werden. Es gibt aber zum Glück sehr verschiedene Medienberichte in diesen Tagen, manche haben MSM aus Angst vor Diskriminierung gar nicht erwähnt, andere waren sehr bemüht, den richtigen Ton zu treffen, viele haben auch bei uns nachgefragt.

 

Kann man denn aktuell davon ausgehen, dass die Infektionen zumeist durch Sex übertragen worden sind? 

Wir wissen noch nicht genau, wie die Infektionen erfolgt sind. Klar ist: Es braucht keinen Sex, um diese Infektion zu übertragen. Das kann auch bei anderen, engen Körperkontakten passieren. Es ist also nicht zulässig, hier immer gleich auf Sex zu schließen.

 

Kann die Deutsche Aidshilfe schon Ratschläge geben, wie gerade MSM mit der Situation umgehen sollten?

Wir befinden uns im Abstimmungsprozess mit den staatlichen Stellen. Es wird sich jetzt bald herauskristallisieren, was hilfreich ist. Sicher ist: Je weniger enger Körperkontakt, desto weniger Risiko. Wie Menschen mit dieser Information umgehen möchten, ist eine sehr individuelle Entscheidung. 

 

Der Faktor “Safer Sex“ greift dabei allerdings nicht, oder? 

Wir müssen sehr stark darauf achten, nicht verschiedene Dinge durcheinander zu bringen.

In den letzten Tagen war mit Bezug auf die Affenpocken oft von “ungeschütztem Sex“ die Rede. Diese Formulierung bedient das Klischee angeblich verantwortungsloser schwuler Männer. Schon der Begriff passt hier einfach nicht: Wenn von geschütztem Sex die Rede ist, dann bezieht sich das ja meistens auf Maßnahmen, um eine HIV-Infektion zu verhindern. Wir wissen aber schon jetzt, dass diese nicht vor den Affenpocken schützen, die durch Haut- und Schleimhautkontakt viel leichter übertragen werden können als HIV, zum Beispiel auch durch benutzte Bettwäsche oder Umarmungen. Natürlich auch beim Sex ohne Penetration sowie beim Geschlechtsverkehr mit Kondom oder unter PrEP. 

 

So wie es aktuell aussieht, können wir mit weiteren Fällen rechnen, oder?

Die aktuellen Daten aus Europa, den USA und Kanada weisen darauf hin, dass dieses Virus sich tatsächlich in der schwulen Community weiter ausbreitet. Da die Inkubationszeit eine Woche und mehr betragen kann, werden in den nächsten Tagen vermutlich weitere Fälle diagnostiziert werden.

Die epidemiologischen Experten sagen, dass wir nicht mit einer großen und unkontrollierten Epidemie rechnen müssen wie bei COVID. Wohl aber mit einem ernstzunehmenden Problem, um das wir uns gut kümmern müssen. 

 

Müssen HIV-Positive besonders vorsichtig in puncto Affenpocken sein?

Es gibt bisher kein Hinweis darauf, dass Menschen mit HIV ein größeres Risiko haben. Die allermeisten Menschen mit HIV sind heute sehr gut therapiert und haben ein intaktes Immunsystem. Wir wissen noch nicht genau, wie viel anfälliger ein stark geschädigtes Immunsystem sein kann. Es könnte sein, dass dann schwere Verläufe wahrscheinlicher sind, aber dazu gibt es noch keine Daten. 

 

Immer wieder werden auch Vergleiche zu HIV gezogen. Ein Fehler?

Nun, die Affenpocken haben einfach überhaupt nichts mit HIV zu tun. Die Geschichte erinnert zwar oberflächlich stark an HIV – eine neue Viruserkrankung aus Afrika, die vor allem schwule Männer betrifft. Natürlich sind da bei vielen Menschen erst einmal alle Alarmglocken angegangen.

Bei genauerem Hinsehen stellen wir aber fest: Die Erkrankung verläuft meist nicht dramatisch, der Erreger ist bekannt und Todesfälle sind extrem selten. Was wir allerdings ähnlich wie bei HIV bereits jetzt sehen, ist die Stigmatisierung schwuler Männer, die als Gefahr aufgrund eines angeblich falschen Verhaltens betrachtet und dargestellt werden. Das erleben wir in besonders krasser Form in den Sozialen Medien. 

 

Das stimmt. Blickt man sich digital um, herrscht in der Community durchaus auch Angst und teilweise Panik. 

Panik ist nie ein guter Ratgeber. Dass Menschen Angst haben, ist verständlich, deswegen ist es wichtig, die Dinge nüchtern und realistisch darzustellen. Wir wissen, dass diese Krankheit zwar unangenehm ist, aber nur selten schwere Verläufe auftreten. Wir müssen auch berücksichtigen: Viele Menschen sind psychisch bereits an ihrer Belastungsgrenze.

Wir hatten erst COVID und die Lockdowns, dann den Krieg in der Ukraine, beides ist noch nicht vorbei. Und jetzt kommt schon die nächste Bedrohung, die Einschränkungen bei sozialen Kontakten und beim Sex verlangen könnte. Das alles ist für viele von uns nicht leicht zu verkraften. Lasst uns gut aufeinander achten!

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