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Der normale schwule Mann verschwindet langsam immer mehr, er wird unsichtbar – aber warum eigentlich?
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"Die Unsichtbaren und die Normalen" Wie normal sind homosexuelle Männer heute? Und warum werden sie anscheinend immer mehr für einige von uns unsichtbar?

ms - 05.11.2022 - 12:00 Uhr

Das Wort “normal“ hat für Homosexuelle seit jeher einen bitteren Beigeschmack, denn gerade ältere schwule Männer erinnern sich noch an die Zeit, als noch überall zwischen den normalen und den nicht-normalen Menschen unterschieden worden war – wir waren die Nicht-normalen, die Schrillen, die Bunten, die Andersartigen. Insofern erheben bis heute viele Homosexuelle beide Hände und deuten demonstrativ Gänsefüßchen an, sobald sie beispielsweise erklären, sie seien “ganz normale Homosexuelle“. Ein wenig sicherlich geprägt aus dem Erlebten vergangener Tage heraus, doch mischt sich in den letzten Jahren oftmals auch eine Art von stiller Entschuldigung mit hinein, ganz so, als müsste man sich inzwischen dafür entschuldigen, nicht queer, bunt oder mehrfach marginalisiert zu sein. Natürlich liegt schnell der Verdacht nahe, es bei diesem Gedanken mit einer klassischen Täter-Opfer-Umkehr zu tun zu haben, aber kann die Kritik bei näherer Betrachtung wirklich Bestand haben? Müssen schwule weiße Männer automatisch jene sein, die innerhalb der Gruppe der LGBTI*-Minderheit angeblich im Ranking ganz oben stehen? Pauschalisieren wir schwule Männer damit nicht in gleicher Weise, wie wir das jahrelang bei den Medien kritisiert haben? Und bedarf es überhaupt einer solchen Einteilung, wer wie oft aufgrund von äußerlichen, sexuellen oder identitären Merkmalen besonders benachteiligt ist?

Aus den Normalen werden die Unsichtbaren. Gemieden nicht nur von den Fotografen und den Fernsehkameras, sondern auch von Teilen der Community. © iStock / francescoch

Das Gefühl wächst in der Gay-Community jener Männer jung wie alt, dass inzwischen vor jedem Gespräch beinahe eine Entschuldigung angebracht sei, wenn sie “nur normal schwul“ sind. Wahrscheinlich landet das Wort “normal“ indes bald auf dem Index jener Worte, die man nicht mehr aussprechen sollte, zu diskriminierend und ausgrenzend könnte es von anderen wahrgenommen werden. Dabei ist dieses eine Wort keineswegs eine Herabsetzung, es klärt lediglich darüber auf, dass in unserem Fallbeispiel eine Gruppe von Menschen den allgemein verbreiteten Formen des Zusammenlebens in einer Gesellschaft entspricht. Das Besondere damals wie heute: Die Normalen verschwinden zumeist im öffentlichen Fokus, von den Medien bis zum allgemeinen Bild in der Gesellschaft. Aus den Normalen werden alsbald so die Unsichtbaren. Sie laufen oftmals nicht auf den Pride-Paraden in vorderster Front mit und wenn sie es doch gelegentlich tun, meiden nicht nur die Pressefotografen und Fernsehkameras ihren Blick, sondern oftmals auch die anderen Teile unserer Community, denn die Normalen sind normal – sie sind dick, dünn oder normal gebaut, sind vielleicht grauhaarig oder glatzköpfig, tragen Brille oder eine normale Hose samt Hemd, zumeist kein Designeroutfit, schminken sich eher selten und haben auch nicht zwei bis drei Stunden vor dem Pride im Bad gestanden, um perfekt auszusehen. Das klingt nach Klischee, trifft aber oftmals den Kern. So erleben die normalen Schwulen schon seit Anbeginn eine Form von Unsichtbarkeit; für die einen sind sie nicht das perfekte, erstrebenswerte Lustobjekt, für die anderen sind sie einfach zu normal, um als Abbild der Community in Zeitungen und im Fernsehen zu landen. Dabei würde diese Normalität vielleicht zwar langweiliger als ein knallbuntes Outfit um die Ecke kommen, entspräche aber der überwiegenden Mehrheit der Gay-Community und könnte dadurch weit mehr zu einem positiven Umdenken in der Gesellschaft beitragen als so manche Regenbogenfahne. Wir neigen alle oftmals dazu, den Blick allzu gerne auf das Extreme, das Besondere, das Extrovertierte zu werfen, doch wissen wir zumeist im Hinterkopf noch um die Gegebenheiten der Realität. Anders sieht es da bei Menschen aus, die nur dann Kontakt zur Community haben, wenn sie in einem TV-Beitrag über den Bildschirm flimmert.

Das Gefühl wächst, dass inzwischen vor jedem Gespräch eine Entschuldigung angebracht ist, wenn man “nur normal schwul“ ist.

Gibt es diese Menschen überhaupt noch? Wenn wir einen Schritt aus unserer gedanklichen Blase heraustreten, erkennen wir sehr schnell, dass bis heute die Mehrheit der deutschen Bevölkerung sehr wenig bis gar keinen Kontakt zu schwulen, lesbischen oder gar queeren Menschen hat. Wenn wir in einer großen Stadt leben, verkennen wir oftmals die Realität der Mehrheit, der “normalen Deutschen“, wir wähnen uns in einer Welt, in der fast alle bei Worten wie Vielfalt und LGBTI* vor Entzückung strahlen und übersehen dabei, dass das alltägliche Leben ein gänzlich anderes ist – und das nicht nur für heterosexuelle Menschen, sondern eben auch für die große Mehrheit der Homosexuellen, die abseits einer Großstadt leben. Während sich die Bundespolitik um sicherlich stellenweise wichtige Fragen dreht von einer Änderung des Grundgesetzes bis zu einem immer noch schwammigen Aktionsplan, der das Leben aller irgendwie verbessern soll, stellen sich für viele “normale Homosexuelle“ abseits dieser Bubble Fragen wie: Wie hoch werden die Energiepreise diesen Winter steigen? Verliere ich vielleicht meinen Job? Oder abseits der Probleme planen sie vielleicht einen Urlaub, zahlen ihre gemeinsame Wohnung oder ein kleines Häuschen im Grünen ab, treffen sich mit Freunden, die homo- wie heterosexuell sind, freuen sich über einen einfachen Fernsehabend am Wochenende, gehen mit dem Hund raus, kümmern sich um mögliche Kinder, planen einen Autokauf oder überlegen, wie sie ihren Garten im nächsten Jahr bepflanzen sollen. Für die einen mag das an Langeweile nicht zu übertreffen sein, für die anderen ist es ihr Leben, mit dem sie glücklich und zufrieden sind. Vielleicht lässt sich anders gesagt auch festhalten: Politik ist wahrscheinlich dann gut, wenn es nicht nur reine Klientelpolitik ist.

Diese schwulen Männer, obgleich rein statistisch gesehen die deutliche Mehrheit, sind die Unsichtbaren. Natürlich wollen auch sie Gleichberechtigung und Akzeptanz, doch sie definieren ihr Leben nicht nach einer starren Parteidogmatik. Und ganz nebenbei tun sie oftmals mehr für das Verständnis und die Akzeptanz von Homosexuellen als jene, die in ihrer eigenen Filterblase im queeren Kiez sitzen und politische Forderungen unreflektiert wiederkäuen. Diese Unsichtbaren, diese Normalen, werden im Kreise von Freunden, beim Plausch mit den Nachbarn oder beim Einkaufen plötzlich sichtbar und tragen so zu der allgemeinen Erkenntnis bei, dass die “Anderen“ doch auch nur “ganz normal“ sind und das ganz ohne TikTok-Account und Regenbogenfahne vor dem Fenster.

Das Bild der gelebten Normalität samt Hund und Zweisamkeit mag vielleicht langweiliger als ein knallbuntes Influencer-Leben um die Ecke kommen, entspricht aber der überwiegenden Mehrheit der Gay-Community. © iStock / visualspace

Neu für diese Unsichtbaren ist, dass sie in letzter Zeit auch immer mehr Ausgrenzung innerhalb der Community erfahren und das nicht nur aufgrund ihres vielleicht durchschnittlich normalen Äußeren, sondern allein deswegen, weil sie weiß, männlich und schwul sind. Homosexuelle Männer sind innerhalb der Community ein Stück weit zu den Normalen geworden, allerdings nicht im positiven Sinne. Anstatt sich darüber zu freuen, dass Schwule und Lesben heute mehr denn je in der Mitte der Gesellschaft angekommen sind und angenommen werden, fällt ein Teil der queeren Aktivistenschar ein gänzlich anderes Urteil und macht die einstmals Unsichtbaren zu den neuen Feinden. Sie würden sich zu sehr der heteronormativen Norm anbiedern, seien also, wir ahnen es, zu normal und damit ein Abbild der Unterdrückung. Das trifft dabei nicht nur jene, die sich schon immer wenig mit der Szene identifizieren konnten, sondern auch Kämpfer der ersten Stunde, jene Männer und Frauen, die für Gleichberechtigung auf die Straßen gingen, als dieser Schritt noch kein buntes Happening, sondern eine sehr mutige Angelegenheit gewesen war. Wer zudem als vermeintlich Unsichtbarer kritisch mit einzelnen politischen Plänen oder Forderungen aus der Community umgeht, ist nicht nur normativ normal, sondern auch noch rassistisch und Phobiker.  

Großbritannien vermeldete über 26.000 Fälle allein aufgrund der sexuellen Orientierung gegenüber Homosexuellen

Natürlich gibt es auch heute noch Hass und Anfeindung gegenüber Homosexuellen und queeren Menschen und jeder Angriff ist einer zu viel, doch können heute LGBTI*-Menschen in Deutschland trotzdem freier leben als jemals zuvor in der bundesdeutschen Geschichte – ein Verdienst jener zumeist weißen alten Männer und Frauen, die jetzt für einige Aktivisten nicht mehr “anders genug“ sind. Und auch im internationalen Vergleich selbst unter Anrechnung einer hohen Dunkelziffer steht Deutschland noch verhältnismäßig gut da – zwar sind die offiziellen Zahlen der Hasskriminalität in der Bundesrepublik binnen eines Jahres rapide angestiegen, ein Trend, den es zu brechen gilt, doch liegt die offizielle Zahl mit 1.051 Fällen weit unter denen anderer Länder in Europa. Großbritannien vermeldete zuletzt binnen eines Jahres 156.000 Hassverbrechen, davon über 26.000 Fälle allein aufgrund der sexuellen Orientierung gegenüber Homosexuellen.

Und damit sind wir schon bei einem Kernthema, das für viele der unsichtbaren Homosexuellen ein zentraler Aspekt ist: Sicherheit. Ein befreundeter schwuler Schriftsteller schrieb vor kurzem einen Artikel, in dem er erklärte, er würde gerne auf die Homo-Ehe verzichten, wenn er dafür in Sicherheit mit seinem Mann leben könne, frei von der Angst, auf offener Straße aufgrund seiner Homosexualität angegriffen zu werden. Natürlich wiegt das eine das andere nicht auf und selbstverständlich wollen wir im besten Fall alles, doch zeigt sich in Gesprächen immer öfter, dass die Unsichtbaren unter uns nicht nur deswegen freiwillig nicht auf Pride-Paraden mitlaufen oder sich mit der Szene identifizieren, weil sie die “langweilig Normalen“ sind, sondern vor allem deswegen, weil sie den politischen Forderungen und vor allem der Prioritätensetzung von vermeintlichen Vertretern der Community nicht mehr viel abgewinnen können, kurzum, sich und ihre Ängste oder Hoffnungen nicht mehr repräsentiert sehen. Aktuelle Beispiele sind die tragischen Zwischenfälle, die sich diesen Sommer auf Pride-Paraden in Deutschland ereignet haben, beispielsweise der Totschlag des Trans-Mannes Malte in Münster. Nach Bekanntwerden der Tatsache, dass der mutmaßliche Täter ein gläubiger, junger Muslim war, verstummten die politischen Stimmen und ihre queeren Forderungen sehr schnell. Nicht alle Muslime sind homophob, sehr wohl zeigen aber seriöse Studien wie beispielsweise von der Antidiskriminierungsstelle des Bundes, dass der Islam Homophobie und Hass gegenüber LGBTI* in Deutschland immer wieder befeuern oder zumindest legitimieren kann. Warum hier viele Politiker auch als Vertreter der Community gerne schweigen, lässt sich natürlich mit der politischen Agenda einzelner Parteien erklären, es passt eben nicht ins gewünschte Bild, doch ändert die Erklärung selbst leider nichts daran, dass sich so noch mehr dieser “normalen Unsichtbaren“ von der Community abwenden. So bleibt am Ende die logische Schlussfolgerung: Die Unsichtbaren werden immer mehr. (ms)

 

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