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Ist Weihnachten nicht die perfekte Zeit für Selbstreflektion?
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Finde deine schwulen Wurzeln! Ist Weihnachten nicht die perfekte Zeit für Selbstreflektion?

ms - 23.12.2022 - 17:00 Uhr

Die Tage werden wieder dunkler und kälter, Schnee bedeckt vereinzelt die Häuserdächer und ein altes Jahr neigt sich endlich dem Ende zu. Ein Jahr, das in vielen Bereichen durchaus hätte etwas schöner sein können, oder? Und wir? Wir ziehen uns in uns selbst zurück, schließen alle Fenster, um die Kälte auszusperren, und zünden Kerzen an, um Licht in unsere Herzen zu lassen. Morgens verlassen wir im Dunkeln das Haus auf dem Weg zur Arbeit und kehren meist erst wieder zurück, wenn die Sonne abermals verschwunden ist. Die Müdigkeit eines Jahres legt sich über uns und die Hektik der Vorweihnachtszeit peitscht uns den Takt der Winterzeit vor. Wollten wir es nicht dieses Mal ruhig angehen lassen? Doch dann laufen wir irgendwann trotzdem wieder mit im Beat der Christmas-Time, stets von George Michaels Evergreen-Song begleitet. Und immerhin haben wir beinahe drei Jahre Pandemie hinter uns, haben wir es uns da nicht auch redlich verdient, zu feiern und uns endlich wieder ins Getümmel zu werfen?  

Natürlich können wir uns die Zeit auch schön machen, Weihnachtsmärkte besuchen, Glühwein trinken, uns aneinander erwärmen – immerhin noch preisgünstiger als die Heizung zu Hause aufzudrehen. Doch trotzdem kehren die meisten von uns kurz vor Weihnachten beinahe schon wie bei einem unterbewussten Ritual zur Familie zurück. Wir kaufen Zugtickets, steigen in Flugzeuge oder fahren stundenlang über vereiste Autobahnen, um dort anzukommen, von wo wir einst weggegangen sind. Manchmal vielleicht auch geflohen sind. Es gibt wieder den Festtagsbraten, wieder herzliche Umarmungen, wieder Tannenbäume und Stunden mit einer Überdosis Heimeligkeit. Was für manche von uns wie eine filmische Umsetzung des ultimativen Horrors klingen mag, ist für andere tatsächlich eine wunderschöne Zeit. So oder so, eines haben wir alle gemeinsam, ganz gleich ob Besinnung im Kreis der Familie, mit dem Freund unterm Tannenbaum oder selbst allein zu Hause – mental kehren wir alle zu unseren Wurzeln zurück.  

© iStock / Orla

Bestimmt unser Ursprung, unsere Wurzeln die Gegenwart?

Wir alle haben individuelle Wurzeln und Prägungen, gute wie schlechte, die uns als erwachsene Menschen zu dem gemacht haben, der wir heute sind. Doch bestimmen diese Wurzeln uns noch heute? Und gefällt uns das überhaupt? Oder fühlen wir uns abgeschnitten von der Vergangenheit? Brauchen wir als schwule Männer eine neue Definition unserer Wurzeln? Ist es Zeit für schwule Wurzeln? Und was wäre das überhaupt? Wie heimisch, wie sehr verwurzelt und angenommen fühlen wir uns in der Gay-Community überhaupt noch? Welche Bedeutung hat heute LGBTI* noch für uns in einer Zeit, in der sich Teile der Community bereits aufspalten, zerstreiten und erklären, LGB sei genug Vielfalt in ihrem Leben.

In den schwulen Metropolen ist für einige homosexuelle Männer die Szene nach wie vor ein fester, geborgener Ort, der sie nicht nur definiert, sondern ihnen auf der einen Seite Halt und Kraft und auf der anderen Seite die Möglichkeit zur freien Lebensentfaltung gibt. Doch selbst unter ihnen gibt es einige, die sich in Städten wie Berlin, Köln oder Hamburg, umgeben von vielen schwulen Männern, einsamer fühlen als so mancher Homosexueller auf dem Land. Immer mehr schwule Männer können indes, glaubt man den Statistiken, kaum noch etwas mit der Szene anfangen. Abseits von Treffpunkten auf der Suche nach einem schnellen Abenteuer zieht es immer weniger Männer immer seltener in schwule Bars oder Clubs. Natürlich hat die Pandemie inklusive der damit einhergehenden, zahlreichen Lockdowns und den zwischenzeitlichen Schließungen die Situation noch verschärft. Anfangs durfte man nicht mehr in den Club, später fragte man sich mit dem Smartphone in der Hand: Wozu braucht man das überhaupt noch? Von Sex-Date bis Pizza, von Smalltalk bis Sushi, in den großen Städten gibt es praktisch nichts mehr, was nicht nach Hause kommt beziehungsweise geliefert werden kann. Das mag auf der einen Seite unsere individuelle Freiheit vergrößern, sorgt aber auf der anderen Seite oftmals dazu, dass sich meist unbewusst ein Gefühl in vielen Männern breit macht, welches sich so richtig erst in der “stillen Zeit“ Gehör verschafft: Wir fühlen uns irgendwie heimatlos. Selbst in der eigenen Stadt, in der wir in den letzten Jahren immer wieder dank Covid-19 ausgeschlossen worden sind. Wohin sollen diese Männer während den stillen Weihnachtstagen nun gehen, wenn weder die Community noch eine Familie ein Gefühl von Zugehörigkeit mehren können? Wo ist der Ruhepunkt in unserem Leben, wenn wir frei von jedweden Wurzeln unser Dasein bestreiten wollen?

Oder schafft das Kappen aller Seile eine neue Art von Freiheit? So sehr wir uns das gerne auch einreden, so ganz stimmt es meistens leider nicht. In Gesprächen mit Psychologen zeigt sich immer wieder, dass es nicht leicht ist, sich gänzlich von unserer Vergangenheit zu trennen. Wir können uns mit ihr arrangiert und negative Erlebnisse auch verarbeitet haben, doch tief im Inneren unserer Gehirne bleiben Restspuren davon verankert. Jene, die uns bisweilen noch immer unbewusst steuern oder unsere Entscheidungen mit beeinflussen. Vielleicht ist es an der Zeit, mit den alten Wurzeln zu brechen, sie auszugraben und eine neue Definition zu finden, einen neuen Blickwinkel, wohin unser Weg uns führen kann. Wir müssen uns klarmachen, dass wir unsere Prägungen aus Kindertagen wahrscheinlich niemals ganz hinter uns lassen können, aber anstatt ihnen zu erlauben, uns an Ort und Stelle festzuhalten, könnten wir aus diesen knorrigen Wurzeln Brücken bauen, die uns vielleicht an einen Ort führen, der spannend und so ganz anders ist als jener, an dem wir gerade sind. Das Motto könnte also lauten: Nicht verdrängen, sondern annehmen. Annehmen und verstehen. Verstehen und dadurch neue Wege gehen.  

Glücklich sind natürlich all jene, die zufrieden mit ihren Wurzeln sind, sich geborgen in ihrer Familie und bestenfalls auch angekommen in einer schwulen Gemeinschaft fühlen. All jene, die nicht zu Hause eine völlig andere Person sind als in der Szene. Doch scheint dies bis heute eine Minderheit zu sein, gerade innerhalb der jungen schwulen Community. LGBTI*-Organisationen wie der COMING-OUT-VEREIN bestätigen immer wieder, dass gerade das Zerrbild zwischen dem gefakten, stets fröhlichen Social-Media-Profil von uns und der Realität für Depressionen und viele graue Stunden sorgt, in denen viele gar nicht mehr wissen, wie sie sich eigentlich selbst definieren sollen, wie sie sich selbst sehen, welche Wurzeln wichtig und welche vielleicht unwichtig sein können.

Das Zerrbild zwischen dem gefakten, stets fröhlichen Social-Media-Profil von uns und der Realität sorgt für Depressionen und viele graue Stunden, in denen viele gar nicht mehr wissen, wie sie sich eigentlich selbst definieren sollen.

Um die Situation gänzlich zu klären, müssen wir also einen scharfen Blick darauf werfen, wie wir unsere Wurzeln definieren. Sind es die Prägungen und Werte, die wir von unseren Eltern mitbekommen haben? Sind es die Erfahrungen, die unsere Leben beeinflussen oder sind es gar unsere Gene? Eine groß angelegte, internationale Studie mit rund einer halben Million Teilnehmern, veröffentlicht 2019 im Fachblatt Science, legt die These nahe, dass unser Verhalten und unsere Denkmuster bis zu einem bestimmten Punkt festgelegt sind. Allerdings  sind die damit verbundenen kognitiven Vorgänge komplex und wir brauchen keine Furcht davor zu haben, dass Gene allein unser Schicksal bestimmen, sondern es sind eine Vielzahl von Einflüssen, die sich ganz individuell auf uns auswirken können. Zudem müssen wir erkennen, dass unsere Gene sich im stetigen Wandel befinden, von Generation zu Generation gibt es Variationen, die die Grundvoraussetzungen für jede Weiterentwicklung darstellen. Kurzum, wir sind Individuen, bekommen genetische Vorgaben und reagieren aber aufgrund äußerer Einflüsse stets anders auf diese Ereignisse. Das bedeutet auch, dass unsere Denkmuster nicht ähnlich denen unserer Eltern sein müssen.

Gene, Erziehung, Erlebnisse – und jetzt?

Unsere Gene tragen also zu unseren Wurzeln bei, doch wir sind viel mehr als ein biologischer Spielzeugkasten. Doch wie leben wir mit diesen Wurzeln, diesem manchmal konfusen, emotionalen Konstrukt aus Zugehörigkeit und Überforderung? Schwule Männer stellen sich unbewusst oder bewusst vermehrt gerne diese Fragen, da sie in den meisten Fällen oft über Jahre oder Jahrzehnte mindestens zwei Leben leben – vor dem Coming-Out jenes, das wir in der Öffentlichkeit zelebrieren und jenes, das tief in uns schlummert und befreit werden will. Nach dem Coming-Out behalten viele Männer diesen Zustand mit leicht veränderten Richtlinien bei, leben für die Familie und einige Freunde ein braves und gut situiertes Leben und tauchen mit ihrem zweiten Ich in die Tiefen der eigenen Lust und der Begierden ab, ganz gleich, ob sie diese ab und an ausleben oder diese andere Welt nur in ihrem Kopf für Ekstase sorgt. Können wir in beiden Welten Wurzeln schlagen, ohne dass sich die einzelnen Stränge immer mehr ineinander verknoten und irgendwann so die Gefahr besteht, dass wir stolpern? Wie bringen wir wilde, sexuelle Erlebnisse mit Mutters bravem Sohn zusammen?

Manchmal fühlen wir uns irgendwie heimatlos. Wohin sollen wir während den stillen Weihnachtstagen gehen, wenn weder die Community noch eine Familie ein Gefühl von Zugehörigkeit mehren können?

Beschenke dich selbst!

Vielleicht ist dafür in diesem Jahr die richtige Zeit! Egal ob wir in diesen Tagen wieder nach Hause fahren, unsere Zweisamkeit mit unserem Partner genießen oder uns an den Feiertagen mit sexueller Freiheit ausleben, sollten wir uns doch sehr bewusst einmal klarmachen und hinterfragen, was uns geprägt hat, was uns noch heute bestimmt und wo wir unsere, vielleicht frischen, neuen Triebe verwurzelt sehen wollen. Es dauert eine Zeit lang, bis wir wirklich verstehen, dass wir es nur sehr selten allen recht machen können. Aber je früher wir uns mit dieser Einsicht selbst beschenken, desto größer wird die Freude in unserem weiteren Leben sein. Natürlich können wir das Schauspiel je nach Belieben auch stetig weiterspielen, vielleicht auch, um nicht andere Menschen zu verletzen, aber verletzen wir uns damit nicht irgendwann am Ende selbst? Und schneiden diese Schnitte schlussendlich nicht viel tiefer als Verletzungen von anderen Menschen? Vielleicht ist es an der Zeit, etwas richtig Verwegenes zu tun und zu sich selbst zu stehen - auch auf die Gefahr hin, dass das nicht allen immer gefallen wird. Wer den Mut findet, seine Vergangenheit anzunehmen, sich den eigenen Wurzeln zu stellen und dabei vielleicht mit viel Neugier neue Keime pflanzt, wird schnell merken, wie befreiend und befriedigend dieses Leben sein kann. Es bedarf Kraft, fürwahr, aber wir sollten es uns wert sein. Wir haben es verdient, glücklich zu sein. Jeder von uns. Denn egal, wie kalt es außerhalb unserer verschlossenen Fenster und den wenig beheizten Wohnungen dieses Jahr auch sein mag, manchmal breitet sich in uns selbst eine viel schlimmere Kälte aus, ganz so wie ein Gefrierbrand im Tiefkühlfach. Dann ist es an der Zeit, den Eiskratzer zu nehmen, alles abzuschaben und mit viel Bewusstsein und Neugierde neu zu beginnen. Was uns gut tut, darf bleiben, darf von alten zu neuen Wurzeln heranwachsen, alles andere sollte endlich auf den Kompost. Wenn wir diese Freiheit, mit der wir seit unserem Coming-Out unser Leben abseits aller Vorgaben und Normen gestalten dürfen, mit unserer Vergangenheit verbinden können, dann haben wir die Chance, unsere eigenen, schwulen Wurzeln wachsen zu lassen.

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