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Leserumfrage // © JackF
Rubrik

Leserumfrage Wie wichtig ist Dir Gendern?

vvg - 04.05.2022 - 10:00 Uhr

Seit Jahrhunderten werden in unserer Sprache hauptsächlich Männer genannt und andere – wenn überhaupt – nur mitgemeint. Ist z.B. irgendwo die Rede von Ärzten oder Anwälten oder Richtern oder Handwerkern, haben die meisten von uns automatisch das Bild von Männern im Kopf. Die Hälfte unserer Gesellschaft wird dadurch oft unsichtbar gemacht – in der Politik, im Beruf, in der Wissenschaft, in der Nachbarschaft. Die Vielfalt in unserer Gesellschaft muss aber unbedingt sichtbar gemacht werden – aus folgendem Grund: Unsere Sprache beeinflusst unser Denken. Unser Denken beeinflusst unser Handeln.

Ich will, dass in unserem Land alle Leute mitgedacht – und nicht mehr nur mitgemeint werden. Dabei geht es ausdrücklich nicht nur um das Sichtbarmachen von cisgender Frauen. Es geht auch um trans, nicht-binäre und intergeschlechtliche Menschen. 

Wer Frauen und queere Personen in der eigenen Sprache inkludiert, tut dies auch im Handeln. Ich bin davon überzeugt, dass eine inklusivere Sprache über lange Sicht ein gerechteres und respektvolleres Miteinander nach sich zieht, das ist es, was unsere Gesellschaft dringend braucht.

Für viele mag die Veränderung der Sprache anstrengend sein, manche auch gänzlich überfordern. Diese Anpassung braucht Übung und Zeit. Wiederholung führt zu Gewohnheiten. Wir brauchen Geduld mit uns selbst und Nachsicht mit anderen. Wir sollten dabei nicht müde werden, skeptischen Menschen ruhig und sachlich zu erklären, warum Gendern wichtig ist und was es für unser Miteinander bedeutet.

Egal ob Doppelpunkt, Unterstrich oder Sternchen: Gendern ist ein wichtiger Schritt in eine faire Zukunft für alle. Sprache hat sich immer verändert. Die Menschen in unserem Sprachraum gewöhnten sich immer wieder an Neuerungen, gegen die sich anfangs gewehrt wurde. Erstmals haben wir die Chance – allein durch das Anpassen unserer Sprache – den ­­Grundstein für eine bessere Gesellschaft zu legen.
Tom aus Berlin
 

Tom // © vvg

Ich halte mich in meiner Mail-Kommunikation relativ genau ans Gendern. Wenn ich weiß, wer mir gegenüber ist, spreche ich ihn gern so an, wie er angesprochen werden möchte. Ich kann nicht verstehen, warum einige das nicht machen wollen oder sich dagegen sträuben.

Es ist für mich ein Unterschied, ob ich das schriftlich oder mündlich mache. Im allgemein sprachlichen, ist das bei mir noch nicht so drin, vor allem mit diesem „Pause machen“. Freunde von uns machen das inzwischen schon selbstverständlich, ohne groß darüber nachdenken zu müssen. Ich würde es mir auch gern so angewöhnen und empfinde es nicht als Hemmnis in der Sprache. Die junge Generation benutzt es schon selbstverständlich und verteidigt es auch vehement. Es wird sich durchsetzen.

Sprache ist Kultur und lebendig. Sie hat sich immer verändert und wir benutzen heute Begriffe nicht mehr, die vor 100 Jahren üblich waren. Wir haben neue Worte geschaffen, weil die Welt sich ständig verändert und beschreibbar bleiben soll. Würde sich nichts verändern, würden wir heute immer noch „Fräulein“ sagen. Das ist ein mit dem heutigen Gendern vergleichbarer Schritt gewesen. Es hat damals die Rechte des weiblichen Geschlechts gestärkt, wie heute das Gendern.

Auch das Verwenden von persönlichen Pronomen wird in den Sprachgebrauch einfließen.  Es gibt so viele Wörter für jeden Blödsinn, da kann man auch für Geschlechtsbezeichnung noch einige Wörter hinzufügen. Wenn ich mein Gegenüber aber mag, sollte es doch nicht schwer sein, dies auch sprachlich auszudrücken. Es ist eine Frage des Respekts meines Gegenübers, ihn so anzusprechen wie er das möchte. 
Karl-Heinz aus Frankfurt
 

Karl-Heinz // © vvg

Die Genderdebatte war einerseits nötig, wurde aber übertrieben, übermächtig und zu sehr präsent. Ich glaube, dass wir in den letzten Jahren sehr viel erreicht haben, was die Anerkennung von queeren und diversen Menschen betrifft. Alles was derzeit passiert, führt eher dazu, dass wir wieder negativ gesehen werden und in unserer gesellschaftlichen Anerkennung zurückdriften. Ich als schwuler Mann habe angefangen, mich vor 30-40 Jahren zu outen, offen zu leben, um unsere Anerkennung und Gleichberechtigung zu kämpfen. Wir haben ein gutes Miteinander erreicht und ich möchte nicht, dass dieses zerstört wird. Manches Mal spüre ich heute schon leichte Anfeindungen, weil ich mein Schwulsein nicht verstecke. Das Erkämpfte zu bewahren ist oft schwieriger, als es zu erkämpfen.

Das Problem ist, dass der Bürger nicht mehr unterscheiden kann, worum es geht. Es nerven die immer gleichen Debatten um Anerkennung, Wiedergutmachung und Entschuldigung. Egal, ob es um Emanzipation, Sexualität, Geschlechterrollen, Rassismus oder Aneignung ethnischer Traditionen geht. Jeder möchte ein besonderes Individuum sein und im Kampf des Einzelnen, wird jede und jeder andere egalisiert.

Meinetwegen können wir die Sprache so verändern, dass wir, was bisher in der maskulinen Form war, in die weibliche Form bringen. Ich hätte nichts dagegen und würde mich deswegen nicht ausgeschlossen oder diskriminiert fühlen, wie viele Frauen bei der maskulinen Form auch. Aber dieser Streit verstört die Menschen und da sollte es eine Vereinfachung und keine Verkomplizierung geben. Allein die Variantenvielfalt der Schreibweise, mit Doppelpunkt, Unterstrich, Leerzeichen oder Großschreibung im Wort könnte doch mal vereinheitlicht werden.

Ich denke jedoch, das Thema wird durch Corona und den Ukrainekrieg vorerst in den Hintergrund gedrängt.
Jörg B. aus Köln
 

Jörg B. // © vvg

Ich bin froh, dass ich ein Mann bin und finde es gut, dass es Männer und Frauen gibt. Ich bin Innenarchitekt und habe oft mit Innenarchitektinnen zu tun. Da steht oft im Raum, dass die Frauen ein besseres Farbempfinden hätten als Männer. Bei meiner Anstellung hat man sich für mich entschieden, weil ich ein Mann mit gewünschter Qualifizierung bin. Sich für eine Frau nur wegen einer Quote zu entscheiden, würde ich nur gutheißen, wenn die gleiche Eignung vorliegt. Was dabei herauskommen kann, haben wir ja bei den Grünen zur Bundestagswahl gesehen . Im Schriftverkehr finde ich Gendern schwierig und halte von der Gleichmacherei der Geschlechter wenig. Das fängt in der Parfümerie bei den Unisexdüften an. Ich finde ein Mann kann ruhig nach Mann riechen und eine Frau darf auch ein Damenparfum tragen. Emanzipation finde ich gut, wichtig und leider immer noch zeitgemäß. Eine Frau muss heute deswegen kein Mann sein oder umgekehrt.

Einen viel wichtigeren Punkt als das Gendern, empfinde ich, wenn es wirklich um Gleichberechtigung geht. Ganz klar zu sehen bei den immer noch ungleichen Gehältern für Männer und Frauen, wenn die Arbeitsleistung die gleiche ist. Als Halbitaliener finde ich es auch schade, wenn die deutsche Sprache zu Wortfindungen kommt, die dieser Sprache nicht guttun. Inhaltlich sind sie vielleicht richtig, aber sie stören den Sprachfluss. Warum kann man nicht weiterhin „Damen, Herren und trans*“ sagen und muss eine Sprachpause vor „-innen“ machen? Wobei das Gendern, dabei auch die trans Menschen nicht berücksichtigt. Die Pronomen, die man seit Kurzem erwähnt, finde ich aber dagegen gut, weil man dem anderen damit seine Wertschätzung zeigt.
Denis aus Wiesbaden
 

Denis // © vvg

Ich bin für das Gendern, denn Sprache und Bewusstsein beeinflussen sich wechselseitig. So wie sich das Bewusstsein entwickelt, entwickelt sich eben Sprache auch. Das Gendern fordert die Anwendung einer sensiblen und gerechten Sprache, um die Belange unterschiedlicher Bevölkerungsgruppen und auch Minderheiten größtmöglich zu berücksichtigen. Im Zuge der verfassungsrechtlichen Anerkennung des dritten Geschlechts und damit nichtbinärer Geschlechtsidentitäten ist es mir aber wichtig, dass das Gendern nicht nur durch eine männlich-weiblich-Konstruktion erfolgt, so bei „Bürgerinnen und Bürger“, sondern mithilfe eines Gender-Sternchens oder anderer Formen. Und auch beim Sprechen sollte dies vermittelt werden, etwa durch eine kleine Pause bei der Aussprache, zum Beispiel bei „Bürger*innen“. Dies tut nicht weh und kostet keine Zeit und Energie. Darüber hinaus ermöglicht es vor allem ein Wegkommen von der jahrhundertealten dichotomen kulturellen Debatte zwischen Mann und Frau. Es stärkt ein wundervolles Miteinander ganz eigener und eigenständiger Menschen.

Bei der Debatte finde ich es noch interessant, wer sich überhaupt zu Wort melden darf: die Mehrheitsgesellschaft oder lediglich die durch die kulturelle Praxis der Mehrheit getroffene bzw. sprachlich diskriminierte Minderheit? Kann ich als Mann beurteilen, ob sich jemand durch die Verwendung des generischen Maskulinums diskriminiert oder zumindest „nicht mitgemeint“ fühlt? Diese Debatte sollte meines Erachtens mit- und nicht gegeneinander geführt werden.

Sprache ist ein Abbild des Bewusstseins und sollte zugleich anwendbar und auch schön sein. Daher wird sich zeigen, wie sie sich auch beim Gendern weiterentwickelt und welche schönen Formen wir hierfür finden werden.

Wem das alles nicht gefällt, weil „die anderen ja schon immer mitgemeint“ seien, dem empfehle ich, doch einfach seine Sprache in ein generisches Femininum umzuwandeln: zukünftig nur noch die weiblichen Formen zu nutzen und so die anderen „mit zu meinen“.
Christian, Berlin
 

Christian // © vvg

Gendern finde ich irrsinnig wichtig. Ich weiß zwar, dass es viele nervt, wenn man es aber nicht in den Alltag mit aufnimmt, geht es unter. Ich arbeite bei L’Oreal, wir leben das in der Firma, wir gendern und wir schreiben den Doppelpunkt und machen die Pause beim Sprechen. Ich glaube man sollte nicht so viel darüber reden, denn das ist es, was die Leute nervt. Man sollte es einfach tun.

Beim Schreiben ist es, glaube ich, das kleinere Problem, beim Sprechen muss man bewusst darauf achten, die Pause zu machen. Die Tonalität, also der Sprachfluss geht dadurch verloren, das habe ich schon selbst bemerkt, aber es wird eine Gewöhnung geben. Man hat Jahrhunderte in der Sprache nicht gegendert, da wird es wohl mindestens eine Generation dauert, bis es sich richtig anfühlt. Weiterhin gibt es ja auch die Möglichkeit, „Damen und Herren“ oder z.B. „Kunden und Kundinnen“ zu sagen. Ich mache es wegen dem Sprachfluss auch noch eher so, aber beim Schreiben empfinde ich es inzwischen sogar als Vereinfachung.

Ich denke auch, dass der Doppelpunkt sogar inkludiert, also die männlichen, die weiblichen und die diversen Personen einschließt. Ich sehe den Doppelpunkt dabei als aufgestellte ‚…‘ und damit benennt man alle Personen, die zwischen den Geschlechtern stehen. Gesprochen finde ich die schönste Ansprache: „Meine Damen und Herren und all in between.“

Warum es nervt? Ich denke es ist politisch falsch angegangen worden. Parteien die Verfechter des Genderns sind, haben das Thema einfach überstrapaziert. In der Österreichischen Nationalhymne wird von „Heimat großer Söhne“ gesungen. Was gab es für einen Aufstand, als eine Künstlerin von großen Töchtern und Söhnen gesungen hat. Aber zum Glück wurde sie 2011 gesetzlich geändert!
Andy aus Wien
 

Andy // © vvg

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