Direkt zum Inhalt

Die Lage ist aussichtslos Homosexuelle werden immer mehr zu politischen Sündenböcken

Von ms - 28.09.2022 - 14:30 Uhr
Die Vereinigten Arabischen Emirate im Kampf gegen Schwule
Foto: iStock / franckreporter
ANZEIGE
Loading audio player...

Die Lage in den Vereinigten Arabischen Emiraten (VAE) wird für LGBTI*-Menschen immer besorgniserregender und aussichtsloser – zu diesem dramatischen Schluss kommen jetzt mehrere VAE-Experten, darunter auch Ryan Centner, Professor an der School of Economics in London nach mehrjährigen Forschungsarbeiten vor Ort. Ein freies Leben für Schwule, Lesben oder queere Menschen ist bekannterweise seit langem in den Emiraten nicht möglich, doch gab es immer wieder vereinzelt Errungenschaften und Anzeichen dafür, dass homosexuelles Leben bis zu einem gewissen Ausmaß unter der Hand toleriert wurde – diese Entwicklungen haben sich in den letzten Monaten aber offenbar immer mehr in Luft aufgelöst.

Einzig noch hinter verschlossenen Türen fand und findet noch vereinzelt eine gewisse Form von schwulem Leben statt, so Centner gegenüber der Deutschen Welle: "Ein Großteil des schwulen Nachtlebens in Dubai findet nur noch in den zahlreichen internationalen Hotels der Stadt statt, die technisch gesehen allen offen stehen, die es sich leisten können. Kein einziger Veranstaltungsort verwendet auf seiner Website mehr das Wort 'schwul' oder ähnliche Euphemismen, und es gibt auch keine Anzeichen dafür, dass er sich an ein schwules Publikum richtet.“ Homosexuelle Besucher wie auch Einwohner kontaktieren sich nur noch gelegentlich über die sozialen Medien beziehungsweise finden Treffen nur noch über Mundpropaganda statt.

Wie so oft gibt es dabei einen Unterschied, zwischen den offiziellen Entwicklungen und den realen Gegebenheiten vor Ort. So verzeichnete die internationale LGBTI*-Organisation ILGA in den letzten fünfzehn Jahren zwar “nur“ 21 Fälle, in denen Homosexuelle aufgrund ihrer Sexualität strafrechtlich verfolgt worden sowie mit Geld- oder Haftstrafen belegt worden sind. Die gelebte Realität in den Vereinigten Arabischen Emiraten zeigt indes, dass das Klima immer strikter und radikaler werde – habe man früher noch mancherorts “weggeschaut“, werde inzwischen sehr explizit nach “illegalen homosexuellen Aktivitäten“ gefahndet. Derzeit im medialen Rampenlicht aufgrund der Fußballweltmeisterschaft steht das Emirat Katar und die dortige dramatische Menschenrechtslage für Homosexuelle. Dabei übersehe man gerne, dass auch in den Nachbarländern die Zeichen sich mehren, dass die Stimmung immer mehr kippt: In Saudi-Arabien beispielsweise wurden erst vor wenigen Tagen alle Produkte im täglichen Bedarf verboten, die in Regenbogenfarben gestaltet sind. Im Libanon werde gerade massiv von den Behörden versucht, Befürworter und Veranstalter von Pride-Angeboten ausfindig zu machen. Und das Bildungsministerium der Vereinigten Arabischen Emirate aktualisierte erst in diesem Monat seinen Verhaltenskodex, der für alle Lehrkräfte unmissverständlich klarstellt: "Diskussion über Geschlechtsidentität, Homosexualität oder andere Verhaltensweisen gelten in der Gesellschaft der VAE als inakzeptabel." Explizit wurden dabei auch Ausländer angesprochen, die beispielsweise als Englischlehrer im Land tätig sind. Es ist das erste Mal, dass der Verhaltenskodex eine solche Formulierung kundtut. Die Deutsche Welle fragte beim Bildungsministerium nach, ob dies der erste Schritt eines konkreten Vorgehens gegen die LGBTI*-Community sei – eine Antwort bekam das Presseorgan nicht.

 

Nach Rücksprache mit weiteren Experten für den Nahen Osten in DW-Interviews scheint klar zu sein, dass die VAE konkret zwischen Schritten in die Moderne und den geforderten Werten der breiten Mehrheit der Bevölkerung abwägen will. Mostafa Minawi, Professor für Geschichte des Nahen Ostens an der Cornell University dazu: „Bei den koordinierten Bemühungen in den Vereinigten Arabischen Emiraten, Saudi-Arabien, Katar, dem Libanon und auch der Türkei, die allesamt gegen die Symbolik jeglicher LGBTQ-Existenz in der Öffentlichkeit vorgehen, wie zum Beispiel die Regenbogenflagge, zeichnet sich ein Muster ab. Saudi-Arabien und die Vereinigten Arabischen Emirate haben ihre Beziehungen zu Israel neu gestaltet, was bei Teilen der Bevölkerung sehr unpopulär ist. Welche bessere Methode gibt es also, um der lokalen Bevölkerung zu signalisieren, dass sie an ihren Traditionen festhält?" So werde jetzt die heimische LGBTI*-Community und im Speziellen Homosexuelle zu politischen Sündenböcken gemacht.

Anzeige
ANZEIGE

QUEERE PRESSESCHAU

tazNach dem CSD-Anschlag: Viele Bekundungen, kaum KonkretesndQueer | Razzia in Casa Kuá schüchtert Berliner trans* Community eintazRazzia in queerem Community-Ort: Alles wegen ein paar TablettenFrankfurter Allgemeine ZeitungMit Hilfe von Leihmutter: Niederländischer Ministerpräsident und sein Verlobter bekommen ein BabyAlle Meldungen ansehen
ANZEIGE

Umfrage der Woche

Wie wichtig ist dir ein LGBTIQ+-freundliches Arbeitsumfeld bei der Wahl eines Arbeitgebers?

Choices
Artikel zur Umfrage lesen
ANZEIGE
ANZEIGE
ANZEIGE
ANZEIGE
ANZEIGE
ANZEIGE

Auch Interessant

Trauer um Coos Huijsen

Vorreiter der Community ist tot

Der Niederländer Coos Huijsen bekannte sich 1976 als erster Parlamentarier weltweit öffentlich zu seiner Homosexualität. Nun ist er gestorben.
Ted Cruz sorgt für Empörung

„Transgender-Hexen“ als Feindbild

US-Senator Ted Cruz macht mit einer Äußerung über „linke Transgender-Hexen“ Schlagzeilen. Hintergrund ist der Kampf um die Mehrheit im Kongress.
Asylbetrug in Ceuta?

70 Prozent nennen Homosexualität

Asylbetrug in Ceuta? Rund 70 Prozent der marokkanischen Migranten vor Ort berufen sich bei Asylanträgen auf ihre vermeintliche Homosexualität.
Wende im Fall Meiwes

Vorerst keine Entlassung

Armin Meiwes bleibt in Haft. Sein Antrag ist zurückgezogen. Was über die Entscheidung bekannt ist und warum lebenslang nicht nach 15 Jahren endet.
Omas Antwort auf den Hass

„Liebe kennt keine Barrieren“

Nach der Hasswelle gegen Luca und Cristian meldet sich Lucas Oma Loretta zu Wort. Ihr Brief stellt das Glück ihrer Familie an erste Stelle.
Kreativer Widerstand

Zehnkämpfer zeigt Haut aus Protest

Frauenfeindliche sexistische Witze von US-Comedian Shane Gillis sorgen aktuell für viel Empörung. Zehnkämpfer Chase Lathrop antwortet kreativ und sexy
Sorge um queere Sichtbarkeit

Pride-Teams wollen Kräfte bündeln

Mehr als 100 CSD-Veranstalter trafen sich in Recklinghausen. Sie warnen vor Anfeindungen und wollen sich bundesweit stärker unterstützen.
Geheimnisse bei Heated Rivalry

Jacob Tierney erklärt Serienerfolg

Ein neues Buch zeigt, wie „Heated Rivalry“ entstand, welche Szenen gestrichen wurden und was die zweite Staffel vorbereitet.
Rob Jetten wird Vater

Premier erwartet erstes Kind

Niederlands Premierminister Rob Jetten und sein Partner Nicolás Keenan erwarten im Frühjahr 2027 ihr erstes Kind durch eine Leihmutter.