Die Lage von LGBTI* in Europa Wird der Kulturkampf um LGBTI*-Rechte auch hier immer brutaler?
Mit sorgenvoller Miene blicken wir in diesen Tagen immer wieder in die USA, eine Horrormeldung jagt die nächste und mit banger Mine haben viele die Zwischenwahlen Anfang November im Blick – können die Republikaner im Repräsentantenhaus sowie im Senat eine Stimmenmehrheit für sich gewinnen, dürfte das für Schwule, Lesben und queere Menschen in den Vereinigten Staaten von Amerika nichts Gutes bedeuten. Über 300 LGBTI*-feindliche Gesetzesvorhaben sind bereits in der Pipeline, zudem droht noch immer die potenzielle Gefahr, dass der Oberste Gerichtshof die Legalisierung der gleichgeschlechtlichen Ehe zurücknimmt. Zum Glück kann so etwas in Europa nicht passieren – oder doch?
Mit Polen und Ungarn gibt es bereits zwei Länder im Herzen der EU, die sich mit aller Gewalt gegen die Gleichberechtigung und die Akzeptanz von Homosexuellen stemmen. Wohin entwickelt sich also Europa in puncto LGBTI*-Rechte? SCHWULISSIMO hat nachgefragt bei Rémy Bonny, er ist Direktor der europäischen LGBTI*-Organisationen Forbidden Colours, die sich in vielen Bereichen von der Bildung bis zu konkreten Gesetzesvorhaben in ganz Europa für die LGBTI*-Community einsetzt.
In diesem Jahr erleben wir immer wieder massiv Anfeindungen gegenüber der LGBTI*-Community in Ländern wie Polen, Ungarn oder auch Rumänien. Immer mehr queere Menschen befürchten eine Art von Rollback. Was sagst du dazu?
Wir haben in ganz Europa bereits Rückschläge in Bezug auf LGBTIQ+-Rechte erlebt. Rechtspopulisten haben die LGBTIQ+-Communitys als Sündenbock auserkoren, um die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit von den wirklichen Problemen abzulenken: Klimawandel, wirtschaftliche Ungleichheit und russische Aggression. Die Anti-LGBTIQ+-Bewegung hat sich in den letzten zwei Jahrzehnten sehr gut organisiert. Ihre Ressourcen sind unbegrenzt: Sie werden vom Kreml aber auch von amerikanischen evangelikalen multinationalen Konzernen unterstützt. Sie können im Grunde alles und jeden kaufen, wie sie wollen. Aus diesem Grund haben wir in Ländern wie Polen und Ungarn Gegenreaktionen erlebt. Das liegt nicht daran, dass die Menschen konservativer werden, sondern daran, dass die Machthaber nicht koschere Verbindungen zu Anti-LGBTIQ+-Akteuren haben. Die LGBTIQ+-Bewegung hat sich an vorderster Front für die Verteidigung der Demokratie und Europas eingesetzt. Ich muss aber auch sagen, dass ich nicht mehr so pessimistisch in die Zukunft blicke wie noch vor zwei Jahren. Ich bin zu mehreren Prides gereist, unter anderem in Polen, Ungarn und Bulgarien, und die Unterstützung für unsere Bewegung wird offensichtlich immer größer. Ich habe so viele Teenager gesehen, die manchmal mit ihrer ganzen Klasse zum Pride gekommen sind. Das zeigt, dass uns die Zukunft noch gehört.
In Deutschland wiegen sich viele noch in einer gewissen Form von Sicherheit. Mit der aktuellen Regierung erwartet die LGBTI*-Community eher Fortschritte, denn Rückschritte. Trotzdem sehen wir auch in modernen Gesellschaften wie in den USA beispielsweise, wie schnell sich der Wind drehen kann. Aus deiner Sicht: Fühlen wir uns zu sicher in Deutschland und Europa?
Ich warne seit Jahren davor, dass die Signale, die wir aus Polen und Ungarn und sogar aus Russland erhalten haben, ein Weckruf für jede einzelne LGBTIQ+ Person in Europa sein sollten. Die Anti-LGBTIQ+-Bewegung war noch nie so stark wie heute, weltweit. Sie haben viele internationale Verbindungen. Im Jahr 2019 war ich in der italienischen Stadt Verona, um eine internationale Anti-LGBTIQ+-Konferenz, den Weltkongress der Familien, zu beobachten. Russische Sicherheitsbeamte, die auf der Konferenz anwesend waren, erkannten mich und warfen mich nach ein paar Minuten hinaus. Die Leute, die dort waren, waren jedoch sehr beunruhigend: vom ungarischen Präsidenten bis zu russischen Oligarchen, von Bischöfen und Kardinälen des Vatikans bis zu Vertretern des Weißen Hauses von Trump. Von Matteo Salvini bis zu den Vertretern des brasilianischen Präsidenten Bolsonaro. Die Ultrakonservativen haben sie weltweit in ihrem Kampf gegen LGBTIQ+ Rechte vereint. Wir sollten uns also nicht wundern, wenn es in den USA und Großbritannien zu Gegenreaktionen kommt, und wir müssen uns auch in Westeuropa auf das Schlimmste vorbereiten.
Wo siehst du generell die größten Probleme für die LGBTI*-Community in Europa?
Auch wenn das größte Problem für die LGBTIQ+-Community in der Tat der ungleiche Kampf ist, den wir mit der ultrakonservativen Bewegung führen, glaube ich, dass wir auf die zunehmenden Spaltungen innerhalb unserer eigenen Gemeinschaft achten müssen. Leider sehe ich eine Zunahme von Rassismus und Transphobie innerhalb unserer eigenen Gemeinschaft. Ich glaube, wir sollten wirklich mehr mit unseren Mitmenschen darüber sprechen. Wir kämpfen alle gemeinsam für dasselbe: dass wir so sein können, wie wir sind. Mit Hass schaffen wir keine bessere Welt.
LEBENSLAUF:
Rémy Bonny ist Geschäftsführer von Forbidden Colours, einer in Brüssel ansässigen europäischen Interessengruppe, die sich dafür einsetzt, dass LGBTI*-Communitys nicht zum politischen Sündenbock gemacht werden. Mit viel Erfahrung in Mittel- und Osteuropa hat sich Rémy Bonny in den letzten Jahren zu einem Experten für die Opposition gegen die Gleichstellung von LGBTI* entwickelt. Er ist ein vielgefragter Redner an Universitäten, bei Regierungsinstitutionen und bei internationalen Medien. So war er beispielsweise einer der Redner bei der offiziellen 50. Gedenkfeier der Stonewall Riots in New York City im Jahr 2019, neben Bürgermeister Bill De Blasio.
In vielen Ländern Europas, auch in Deutschland, Österreich und der Schweiz, nimmt die Zahl der Hassverbrechen gegenüber LGBTI* rasant zu. Woran liegt das deiner Meinung nach? Und was könnte sich gegen diese Entwicklung machen lassen?
Nun, der Grund dafür ist immer schwer zu bestimmen. Aber es ist eine Mischung aus mehreren Dingen. Ich glaube, dass die Post-Corona-Welt dabei eine Rolle spielt. Manche Menschen haben offenbar vergessen, wie man sich benimmt. Aber es ist auch eine Tatsache, dass Hassverbrechen einfach mehr bei der Polizei angezeigt werden als früher. Hassverbrechen können nur verhindert werden, wenn die Polizei eine Null-Toleranz-Politik verfolgt. Die Polizeibehörden nehmen oft noch immer nicht jedes einzelne Hassverbrechen ernst, weil "es nur eine dumme Bemerkung ist". Wenn wir die schwerwiegendsten Hassverbrechen verhindern wollen, sollten wir damit beginnen, all diese "kleinen Kommentare" zu unterbinden.
Wir erleben hier sowohl innerhalb wie auch außerhalb der LGBTI*-Community eine Radikalisierung in verbaler Weise. Während auf der einen Seite heute LGBTI*-Menschen wieder offen verbal angegriffen werden dürfen, was als Meinung durchgeht, erleben wir auf der anderen Seite Sprechverbote aus der Community. Was würdest du der deutschen LGBTI*-Community gerne raten?
Wir leben in einer liberalen Gesellschaft, und in einer liberalen Gesellschaft gibt es sehr wenig, was man nicht sagen darf. Und ehrlich gesagt, ich denke nicht, dass wir das ändern sollten. Wenn das, was die Leute sagen, rechtlich zulässig ist, sollten wir mit ihnen diskutieren. Nur wenn wir das Gespräch auf respektvolle Art und Weise fortsetzen, können wir die Gesellschaft zum Positiven verändern. Als "Schwuchtel" bezeichnet zu werden, ist jedoch eine Beleidigung. Das Beleidigen von Menschen ist in allen EU-Ländern verboten.
Wir gehen in den Herbst 2022, bald schreiben wir 2023. Welche Hoffnungen hast du mit Blick auf die LGBTI*-Community in der Zukunft?
Junge Menschen sind die Zukunft, und sie werden den Wandel herbeiführen. Die Jugendlichen von heute sind bereit, eine bessere Welt zu schaffen. Und wir als professionelle Menschenrechtsexperten müssen ihren Enthusiasmus fördern und kanalisieren. Mit Forbidden Colours haben wir in Polen ein Projekt, das von Teenagern geleitet wird: das LGBTIQ+ School Ranking. Sie haben über 20.000 Umfragen unter Schülern durchgeführt und eine Liste der integrativsten Schulen für LGBTIQ+-Jugendliche erstellt. Sie haben die Debatte über LGBTIQ+-Inklusion an über 2.000 Gymnasien eröffnet, während die Regierung versucht, die LGBTIQ+-Communitys aus Polen zu vertreiben. Das ist der Wandel, von dem ich spreche. Junge Menschen interessieren sich nicht für alte, gleichgeschlechtliche Männer, die ihnen sagen, wie sie ihr Leben leben sollen, sie ändern es selbst.
Rémy, du selbst hast via Twitter angekündigt, dass du dein Dating-Leben auf Eis legst, solange du nicht gegen die Affenpocken geimpft sein wirst. Wie bewertest du diese Situation insgesamt in Europa?
Ich habe diese Bemerkung in erster Linie gemacht, um Druck auf die europäischen Regierungen auszuüben. Ich glaube nicht, dass es eine Frage ist, ob die Homosexuellen-Gemeinschaft mit den Affenpocken auf effiziente Weise umgeht. Die Regierungen gehen offensichtlich nicht effizient damit um. Wir haben einen Impfstoff zur Verfügung. Dennoch habe ich nicht den Eindruck, dass die Gesundheitsminister in Europa die Dringlichkeit erkannt haben. In mehreren Bundesstaaten der USA wurde der öffentliche Gesundheitsnotstand ausgerufen. Warum tun wir das nicht auch in Europa? Warum geht die Europäische Kommission in dieser Sache nicht voran und bestellt Millionen von Impfstoffen? Wenn die Affenpocken hauptsächlich auf heterosexuelle Menschen abzielen würden, gäbe es eine Notverordnung nach der anderen. Es gibt keine andere Erklärung für dieses fehlende Gefühl der Dringlichkeit als systematische Homophobie.