Direkt zum Inhalt

LGBTI*-Verein Stonewall in der Kritik „Wir teilen die Besorgnis über die Haltung der Organisation zur Meinungsfreiheit.“

Von ms - 04.07.2022 - 11:30 Uhr
LGBTI*-Verein Stonewall in der Kritik
Foto: IMAGO / ZUMA Wire
ANZEIGE
Loading audio player...

Wie der britische Telegraph exklusiv berichtet, hat das Bildungsministerium Großbritanniens beschlossen, die Finanzierung von Programmen der LGBTI*-Organisation Stonewall einzustellen und auch von weiteren Spenden künftig abzusehen. Damit reiht sich das Ministerium in die Riege einiger anderer Vereine, Firmen und Ministerien ein, die unlängst ebenso ihre Gelder zurückgezogen haben. Die Begründung lautet dabei zumeist, dass die LGBTI*-Organisation sich immer mehr radikalisiere und nicht mehr für die Meinungsvielfalt innerhalb wie außerhalb der LGBTI*-Community eintrete.

Stonewall ist die bekannteste und größte LGBTI*-Organisation im Vereinigten Königreich. Der Verein, benannt nach den Stonewall-Unruhen in New York, wurde 1989 gegründet. Im Laufe der Jahre arbeitete Stonewall mit rund 300 der größten britischen Arbeitgeber zusammen, darunter IBM oder die Royal Navy. Im Jahr 2005 stieß Stonewall die Kampagne “Bildung für alle“ an, mit der homophobe Übergriffe an britischen Schulen zurückgedrängt werden sollten – über 70 andere Organisationen hatten sich an der Aktion beteiligt.

In den letzten Monaten haben neben den Fernsehanstalten BBC und Channel 4 auch mehrere britische Ministerien ihre Zusammenarbeit eingestellt, darunter das Justiz-, Arbeits-, Wirtschafts- sowie das Gesundheitsministerium. Hintergrund ist stets die “radikale Lobbyarbeit“, die die Organisation inzwischen mit Blick auf die trans-Community umsetzen würde. Die Kritik lautet dabei, dass Stonewall Firmen und Organisationen dazu nötigen würde, ohne kritische Einwände alle politischen Ansichten zur trans-Community teilen zu müssen. Einer dieser strittigen Punkte ist das Programm "Diversity Champions", das offiziell darauf abzielt, die Diskriminierung innerhalb von Unternehmen zu beenden. Dabei wird auch ein Ranking von queer-freundlichen Firmen offiziell vorgestellt – Kritiker wie beispielsweise auch Außenministerin Liz Truss erklärten, dass Stonewall Unternehmen massiv unter Druck setze, jede Forderung von queerer Seite ungefragt abzusegnen, anderenfalls würden sie im Ranking herabgestuft, was wiederum wirtschaftliche und gesellschaftliche Auswirkungen auf eine Firma haben könnte. Stonewall selbst besteht darauf, dass die Teilnahme an ihren Programmen die Unparteilichkeit einer Organisation nicht beeinträchtigten würde.

Immer wieder wird dabei zudem die Kritik laut, dass auch das “Preis-Leistungs-Verhältnis“ nicht mehr stimme – vor der Absage einzelner Ministerien hatten diese in den vergangenen fünf Jahren rund 350.000 Euro an Stonewall bezahlt. Einige Skeptiker innerhalb der Regierung argumentierten inzwischen, dass die Ministerien so durch ihre Teilnahme praktisch dafür bezahlen, Lobbyarbeit unkritisch zu betreiben. Zuletzt zieht so nun das Bildungsministerium einen Schlussstrich. Gegenüber einem der leitenden Politik-Redakteure beim britischen Telegraph, Christopher Hope, erklärte ein Sprecher des Ministeriums: "Wir sind der Meinung, dass die Organisation für die von ihr erbrachten Dienstleistungen kein angemessenes Preis-Leistungs-Verhältnis bietet, und wir teilen die Bedenken der Regierung hinsichtlich der Haltung der Wohltätigkeitsorganisation zur Meinungsfreiheit. Die Entscheidung ändert aber nichts an unserem absoluten Engagement, alle unsere LGBTI*-Mitarbeiter zu unterstützen, und wir werden weiterhin sicherstellen, dass wir ein integratives Umfeld für alle schaffen.“

Von Seiten der britischen Regierung um Premierminister Boris Johnson war zu hören, dass man längere Zeit Bedenken bezüglich dieses Schrittes gehabt habe – dies könnte falsch in der LGBTI*-Community aufgenommen werden. Schlussendlich überwiegten aber anscheinend trotzdem die Hinweise über eine Radikalisierung der LGBTI*-Organisation Stonewall.

Anzeige
ANZEIGE

QUEERE PRESSESCHAU

DER STANDARDRegenbogenbank in Berliner Tiergarten nach CSD-Anschlag erneut beschädigttazTürkisches Nachrichtenportal gesperrt: Türkei immer abgehängterDie PresseBei aller Liebe, keinen Sex bitte: Mareike Fallwickls neuer Roman [premium]Frankfurter Allgemeine Zeitung„LGBT-Propaganda“: Warum die Türkei wirklich gegen ein renommiertes Onlineportal vorgehtAlle Meldungen ansehen
ANZEIGE

Umfrage der Woche

Wie sollte das Abstammungsrecht für Regenbogenfamilien geregelt werden?

Choices
Artikel zur Umfrage lesen
ANZEIGE
ANZEIGE
ANZEIGE
ANZEIGE
ANZEIGE
ANZEIGE

Auch Interessant

36 Jahre Deutsche Einheit

Leben nach dem Mauerfall

Vom Mauerfall bis zur Ehe für alle: Für LGBTIQ+-Menschen brachte die deutsche Einheit neue Freiheiten – aber auch unerwartete Rückschritte.
NHL entdeckt „Heated Rivalry“

Schwule Romanze soll Fans locken

Mit der PR-Aktion „Hot for Hockey“ greift die NHL den Erfolg von „Heated Rivalry“ auf – doch die Marketingstrategie stößt bei Fans auf viel Kritik.
Tom Ford zeigt Haut

Männer-Tanga wird Luxusmode

Tom Ford macht den Männer-Tanga zum Luxus-Look: Kreativdirektor Haider Ackermann verbindet in Paris schwulen Sexappeal mit eleganter Herrenmode.
US-Basketball-Coach sagt Ja

Liebe auf den ersten Blick

US-Basketballtrainer Matt Lynch und Cody Aaron haben sich nach mehr als zwei Jahren Beziehung verlobt – die Hochzeit soll 2027 folgen.
Mehr Schutz in Bangladesch

Petition gegen Diskriminierung

Studenten und Aktivisten in Bangladesch fordern mit einer Petition besseren Schutz für LGBTIQ+-Menschen und ein Ende der Diskriminierung.
Abstimmung über die Ehe

Virginias Änderung der Verfassung

Der US-Bundesstaat Virginia stimmt darüber ab, die Ehe für Homosexuelle in seiner Landesverfassung zu schützen. Ein Schritt mit viel Symbolkraft.
Eklat in Österreich

Streit um queere Touristen

Die FPÖ will Pride- und LGBTIQ+-Themen aus Österreichs Tourismuswerbung zurückdrängen – andere Parteien widersprechen.
Am Ende des Regenbogens

Kulturkampf in den Niederlanden

Niederlands Gemeinde Oldebroek will seine LGBTIQ+-Politik abschaffen und sorgt damit landesweit für Schlagzeilen und Entsetzen in der Community.
Mord auf den Philippinen

Militär tötet queere Aktivistin

Die trans* Aktivistin Kai Sorem wurde auf den Philippinen getötet. Die bisherigen Untersuchungen legen eine Vertuschung durch das Militär nahe.