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Queerer Aktivismus schadet Menschen mit Transsexualität
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Trans-Verein kritisiert Aktivisten „Ein Penis IST ein männliches Genital! Wer derartige Fakten leugnet, verleugnet nicht nur die Biologie, sondern auch die Lebensrealität der Mehrheit der Menschen.“

ms - 03.10.2022 - 10:00 Uhr

Bis Ende dieses Jahres soll das geplante Selbstbestimmungsgesetz in Abstimmung mit einzelnen queeren Vereinen sowie staatlichen Behörden in seine letztgültige Form gegossen werden, bereits 2023 soll das Gesetz dann trotz massiver Bedenken von Seiten von Feministinnen und immer mehr Menschen auch aus der LGBTI*-Community in Kraft treten. Darüber erneut diskutieren will die federführende Partei, die Grünen, nicht, wie sie eindrucksvoll im Vorfeld der Bundesdelegiertenkonferenz Mitte Oktober klarmachte. Nachdem 70 Delegierte der Partei um eine erneute Diskussion baten, wurden sie von anderen Parteimitgliedern als Rassisten beschimpft. Diskussionsende. Nach außen hin wird dabei stets das Bild entworfen, dass innerhalb der Trans-Community Einigkeit über das neue Selbstbestimmungsgesetz herrschen würde. Doch ist das wirklich so? SCHWULISSIMO fragte nach bei dem geschäftsführenden Vorstand Frank Gommert der Vereinigung-TransSexuelle-Menschen e.V., einem gemeinnützigen Verein mit Sitz im Landkreis Osnabrück, der bundesweit Menschen mit Transsexualität berät.  

 

Bis vor wenigen Jahren wurden unter dem Begriff “Transsexualität“ jene Menschen zusammengefasst, die unter einer Geschlechtsdysphorie leiden, vereinfacht gesagt, Personen, bei denen das Geschlecht nicht übereinstimmend mit der neuronalen Entwicklung ist. Inzwischen kann sich jeder selbst als transsexuell definieren, der sich danach fühlt. Der Verein sieht das kritisch – wieso?

Weil es gesamtgesellschaftlich ein großes Problem ist, wenn es keine klaren und vor allem keine “körperbezogenen“ Geschlechtsbegriffe mehr gibt. Geschlecht und die Geschlechtszugehörigkeit sind immer ein Gesamtpaket, bei dem es um “Übereinstimmung“ geht. Bei Transsexualität (NGS) ist dies eine sehr klare Übereinstimmungs-Bedarfsebene.

 

Viele Trans-Aktivisten erklärten zuletzt immer wieder, dass sie eine Geschlechtsanpassung gar nicht mehr anstreben wie einstmals die meisten transsexuellen Menschen, denn, so die Begründung: “Ein Penis ist nicht per se ein männliches Geschlechtsteil.“ Wie blickt der Verein auf Menschen, die sich als transsexuell definieren, dabei aber in ihrem biologischen Körper verbleiben wollen?

Ein Penis IST ein männliches Genital! Wer derartige Fakten leugnet, verleugnet nicht nur die Biologie, sondern auch die Lebensrealität der Mehrheit der Menschen. Mit der Bezeichnung “Geschlechtsanpassung“ meint man dabei eine  genitale operative Angleichung. Dieser Aspekt ist für all jene Menschen wichtig, die unter der Diskrepanz von Bodymap (Körperabbild im Gehirn) und den ausgebildeten Genitalien leiden. Wer sich als transsexuell bezeichnet, aber einen gegensätzlichen Genitalkörper trotzdem als richtig erlebt, fügt Menschen mit Transsexualität (NGS) massiven Schaden zu, denn damit wird das Leiden dieser Menschen verleugnet.

 

Herausgeberin Alice Schwarzer setzt sich seit Jahrzehnten für die Rechte von Menschen mit Transsexualität ein, erklärte aber in diesem Jahr auch, dass sie gerade bei Jugendlichen einen Trend ausmache, sich als transsexuell zu definieren, ohne es wirklich zu sein. Oftmals würden andere Aspekte hineinspielen, beispielsweise eine verdrängte Homosexualität. Dafür wird Schwarzer seit Monaten scharf angegriffen, als TERF beschimpft und gerne auch ins politisch rechte Lager geschoben. Wie blickt der Verein darauf?

Auch ich, als öffentlich auftretender Vertreter der VTSM e.V., wurde schon diverse Male als “TERF“ bezeichnet und viele Male ins politisch “rechte Lager“ geschoben, ein heute probates Mittel zur Diskreditierung unerwünschter Positionen. Was Frau Schwarzer da anführt, ist gar nicht so unberechtigt, denn auch aus unserer Sicht ist Reflexion, oftmals mit erforderlicher Hilfe von sachkundigen Anderen, etwas unverzichtbar Notwendiges, damit es nicht zu Schritten kommt, die später zutiefst bedauert werden, die dann aber nicht mehr rückgängig gemacht werden können. Gerade für Jugendliche ist das Risiko groß, durch pubertätsbedingte Unsicherheiten in eine falsche Richtung abzubiegen, die mit angemessener Reflexion vermieden werden kann.

 

Auch der Verein selbst wird seit Jahren massiv angegriffen; wie sehen diese Angriffe genau aus?

Die Angriffe aus der Community waren einer der Gründe für die Gründung dieses Vereines. Die Vereinigung-TransSexuelle-Menschen e.V. hat sich durch ihre Gründung ganz klar und vorrangig zur Vertretung der Interessen von Menschen mit originärer Transsexualität bekannt, wobei wir diese Betroffenheit übrigens heute als Neuro-Genitales-Syndrom, kurz NGS,  beschreiben. Die Vorwürfe sind vielfältig, von “veralteten Ansichten“ über “ihr spaltet“ oder “ihr müsst euch anpassen“. Der Verein wurde 2015 auch deswegen gegründet, weil es keine andere Vertretung mehr gab, die sich mit den praktischen Aspekten der Betroffenen mit Transsexualität (NGS) beschäftigen wollte. Und zu dem Zeitpunkt ging es in den anderen Vereinen und der sogenannten Community damit los, Geschlecht nur noch über die “soziale Identitätsthematik“ zu definieren, was wir als Verleugnung unserer Realität ansehen.

 

Die Zahl der Jugendlichen, die sich selbst als transsexuell definieren, ist in den letzten zehn Jahren rapide angestiegen. Je nach Studie sprechen wir hier von einer Zunahme von mehreren tausend Prozent. Aktivisten erklären dies damit, dass die Welt liberaler geworden wäre und sich deswegen mehr Menschen als transsexuell outen würden. Kann das wirklich der einzige Grund sein?

Nein, das ist nicht der einzige Grund. Natürlich ist es für Betroffene heute leichter, als es zum Beispiel in meiner eigenen Kindheit und Jugend der Fall war, und das ist auch gut so. Aber wir leben aktuell in einer Zeit, in der gesellschaftlich trotz aller vermeintlichen “Genderoffenheit“ Kinder und Jugendliche wieder sehr stark in extreme Geschlechtsrollenbilder gepresst werden, hinzu kommen noch die enormen “Leistungsanforderungen“, die es Kindern und Jugendlichen sehr schwer machen, mit den immer umfänglicheren Anforderungen in Vorpubertät und Pubertät zurechtzukommen. Übrigens gibt es bezüglich der vermeintlich explodierenden Zunahme sehr große Unterschiede zwischen “Metropolen/Großstädten“ und “Landbevölkerung“. Aber auch die aktuelle politische und mediale Herangehensweise an diese Thematik nimmt großen Einfluss.

 

Nach den jüngsten Plänen des geplanten Selbstbestimmungsgesetzes sollen Jugendliche ab 14 Jahren künftig ihr Geschlecht via Sprechakt beim Standesamt ändern können – wenn die Eltern nicht einwilligen, mit Hilfe des Familiengerichts. Die Grünen wollen die Mitsprache der Eltern noch immer ganz streichen lassen, die SPDqueer in Berlin-Schöneberg wünscht sich, dass bereits Kinder ab sieben Jahren ihr Geschlecht wechseln können. Wie ist die Einstellung des Vereins dazu?

Kinder und Jugendliche benötigen die Möglichkeit, ihre eigene personale und auch geschlechtliche Identität entwickeln zu können. Dazu gehört auch ein “sich ausprobieren können“, aber der Geschlechtseintrag und die Geschlechtszugehörigkeit sind keine “Spielerei“ - das sollte aus unserer Sicht klarer betrachtet werden seitens der Politik! Würde es klare Regeln für eine Phase des “sich Ausprobierens“ für Kinder und Jugendliche geben, wäre diesen sehr viel mehr geholfen. Dass dabei auch eine rechtliche Anpassung nach einer erfolgreich reflektierten Sicherheit erforderlich sein wird, ist ebenso klar und sollte ohne extreme Hürden wie eine doppelte Begutachtung mit zum Teil enormen Kosten möglich sein; auch bei Erwachsenen sollte eine Reflexion und der anschließende Respekt gegenüber den Menschen mit entsprechend bekundeter Geschlechtszugehörigkeit selbstverständlich werden. Nur weil ein Mensch behauptet eine Frau zu sein, bedeutet dies leider nicht zwangsläufig, dass dabei auch der Respekt gegenüber Frauen mit weiblicher Geschlechtskörperlichkeit vorhanden ist.

 

Viele Ärzte und Psychologen wie aber auch Menschen mit Transsexualität erklären inzwischen, dass es weiterhin sinnvoll wäre, vor einer Geschlechtsangleichung eine medizinische und psychologische Betreuung gesetzlich als Grundvoraussetzung zu verankern. Grüne und FDP lehnen das strikt ab und erklären, nur jeder Mensch selbst könne darüber bestimmen. Wäre aus Sicht des Vereins eine gesetzlich verpflichtende Beratung oder Betreuung sinnvoll?

Ja, aus unserer Sicht wäre eine verpflichtende Beratung und Betreuung unbedingt wichtig, bei geplanten operativen Eingriffen auch zwingend notwendig! Wir arbeiten im Rahmen unseres “Netzwerks-TransSexuelle-Gesundheit“ sehr viel mit Fachärzten und Therapeuten zusammen und es gibt viele Aspekte bei einer Transition, wo eine begleitende Unterstützung wichtig ist.

 

Der Queer-Beauftragte Sven Lehmann hat erklärt, dass er gerade beim neuen Selbstbestimmungsgesetz alle Vereine und Gruppen, die maßgeblich mit der Thematik zu tun haben, mit im Gespräch haben will. Früher wurde ihr Verein ja bereits vom Bundesfamilienministerium zu Rate gezogen. Fand denn unter der Ampel-Koalition ein Gespräch statt? Hat Herr Lehmann beim Verein nachgefragt?

Herr Lehmann ist von sich aus gar nicht auf uns zugekommen. Auf ein Anschreiben unsererseits hat er jedoch so oberflächlich reagiert, dass uns bewusst geworden ist, dass Herr Lehmann “Transsexualität (NGS)“ offensichtlich nicht versteht. Ein Gespräch hat bis heute nicht stattgefunden, da von Herrn Lehmann eher Desinteresse herauszulesen war.

 

Der Verein hat auch ein Positionspapier zum Selbstbestimmungsgesetz an alle Parteien geschickt, eine inhaltliche Antwort sind bisher alle Parteien schuldig geblieben. Der Verein kritisiert darin unter anderem, dass hier Politik für Menschen mit Transsexualität gemacht werde, ohne dass wirklich jene angehört werden, die es direkt betrifft. Warum ist das so?

Weil sich viele “Trans*Vereine“ als “Vertretende für Alle“ bezeichnen, diese Vereine erhalten Fördermittel aus der Politik, da sie in die politische Ausrichtung passen. Geschlecht, und vor allem die nur verbal vielgepriesene “geschlechtliche Vielfalt“ passen nun mal nicht in eine Politik, in der es abseits von oberflächlicher Vereinigung, mehr um Vereinnahmung geht. Begleitet werden diese Prozesse durch eine geforderte und geförderte narzisstische Selbstdarstellung a la “schrill, bunt und laut“, das heißt, die auffällige Verpackung ist das Einzige, was zählt. Dem gegenüber vertreten mehrere unserer Vereinsmitglieder inzwischen die Auffassung, dass wir als eigentlich Betroffene heutzutage schon allein deshalb schlechte Karten haben, weil wir letztendlich “viel zu normal“ sind.

 

Ein Kritikpunkt von Feministinnen ist der mögliche Wegfall von Schutzräumen. Der Verein schreibt dazu im Positionspapier: “Ein Missbrauch durch Männer, die vorgaukeln Frauen zu sein, um ihre Triebe auszuleben, muss verhindert werden!“ Wie könnte man dieser Problematik bestmöglich begegnen?

Indem klare Grenzen definiert und anerkannt werden: Frauenschutzräume sind vollumfänglich körpergeschlechtlichen Frauen vorbehalten. Da auch “Trans*Frauen“ ebenso wie “nicht-binäre Personen“ Schutzbedürfnisse haben, sollte dies zu eigenen Schutzräumen führen, statt zur Übernahme vorhandener Frauenschutzräume. Es geht im Übrigen auch um die große Anzahl besonders schutzbedürftiger Frauen und Mädchen, die Erfahrungen mit sexuellen Übergriffen gemacht haben und für die das traumatische Erlebnis in einem für sie vermeintlich sicheren Schutzraum durch die unerwartete Konfrontation mit einem, als bedrohlich empfundenen männlichen Genital erneut auftritt. Dies führt in der Konsequenz wahrscheinlich dazu, dass viele dieser Frauen vorsorglich künftig von der Nutzung entsprechender Räume – Umkleiden, Sport- oder Schwimmeinrichtungen – gänzlich abgehalten werden.

 

Welche Forderungen hat der Verein an alle Parteien mit Blick auf das neue Selbstbestimmungsgesetz?

Unsere Hauptforderung ist es, dass gerade mit Bezug auf die geschlechtliche Selbstbestimmung zuerst einmal die Klärung der Optionen mit allen Gruppen, die dadurch betroffen sind, geklärt werden. Denn eine “echte Selbstbestimmung“ kann ja nur erfolgen, wenn dafür die Grundlagen klar und eindeutig sind! Warum sollte es möglich sein, dass Menschen, die gar nicht “eindeutig“ Frau sein wollen, sich trotzdem so definieren dürfen und dies mit Erzwingung aller frauenspezifischer Bereiche? Durch das unreflektiert umgesetzte Selbstbestimmungsgesetz käme es zu einer neuen Form der Fremdbestimmung, die diesmal von einer Minderheit ausgeht, deren Angehörigen es anscheinend egal ist, ob sie damit anderen Menschen Schaden zufügen; das nennt man Minderheitendiktatur! Geschlecht, Geschlechtszugehörigkeit aber auch körperliche Geschlechtsaspekte spielen für sehr viele Menschen in vielen Bereichen ihres Lebens eine zu gravierende Rolle, als dass dies so egalitär ignoriert werden darf! Das letztendlich nur der betroffene Mensch selbst sagen kann, welche Geschlechtszugehörigkeit für ihn jeweils stimmig ist, kann ja nicht gleichzeitig bedeuten, dass es gar keine gesellschaftlichen Definitionen und Regeln für die jeweiligen Möglichkeiten geben darf!

 

Siebzig Delegierte von Bündnis 90 / Die Grünen wollten auf der Bundesdelegiertenkonferenz noch einmal sachlich über das neue Selbstbestimmungsgesetz sprechen. Sie wurden deswegen von ihren eigenen Parteimitgliedern übelst beschimpft und als rechte Extremisten dargestellt. Warum kommt es immer wieder zu dieser verbalen Extremismus-Keule?

Da kann ich auch nur spekulieren. Bei den Grünen dürfte aber explizit Tessa Ganserer eine gravierende Rolle in Bezug auf diese “Extremismus-Vorwürfe“ spielen, denn Tessa Ganserer stellt sich dann als “persönlich Betroffene“ dar, die gerade “zutiefst diskriminiert wird“ und da ja gerade die Grünen auf gar keinen Fall derartige “Diskriminierungen“ in ihren eigenen Reihen zulassen können, wird direkt auf die “vermeintlich Diskriminierenden“ verbal eingedroschen. Das bedeutet vereinfacht gesagt, dass der Wunsch zu einer sachlichen Debatte zu kommen über emotionale Überempfindlichkeiten zu einem absoluten Tabubruch stilisiert werden soll!

 

Wie würde sich denn der Verein als Vertreter-Organisation von direkt Betroffenen ein neues Selbstbestimmungsgesetz wünschen?

Es muss klare und eindeutige Begriffe für die verschiedenen Gegebenheiten und Phänomene mit entsprechenden Definitionen geben, die keine Personengruppe schädigt. Dazu sollte die Möglichkeit zu einem selbstbestimmten Wechsel der Geschlechtszugehörigkeit gegeben sein, aber unter Reflexion der Rechte und Pflichten, die damit einhergehen. Zudem sollte das Verwaltungsverfahren kostengünstig gestaltet werden und nicht mit übermäßigen Hürden verbunden sein.

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