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Eine Stiftung für die LGBTI*-Community
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hms Eine Stiftung für die LGBTI*-Community

ms - 05.11.2023 - 17:00 Uhr

Die Hannchen-Mehrzweck-Stiftung (hms) ist eine gemeinnützige Stiftung mit Sitz in Berlin. Sie wurde vor über dreißig Jahren (1991) mit dem Ziel gegründet, das Selbstbewusstsein und die Handlungs¬spiel¬räume von LGBTI*-Personen in Deutschland zu stärken – dabei fördert die hms vor allem Projekte aus der LGBTI*-Community. Seit rund einem Jahr neu im Vorstand ist der Visual-Artist Tomka Weiß, der seit über dreißig Jahren queere Kunst macht. SCHWULISSIMO wollte mehr wissen über seine spannende Stiftungsarbeit.

Tomka, dich interessiert vorrangig Kunst, die auf gesellschaftliche Gegebenheiten reagiert und LGBTI*-Realitäten mit einbezieht. Innerhalb wie außerhalb der Community geschieht gerade viel, politisch wie gesellschaftlich. Wie muss ich mir diese Zeit als Kunstwerk vorstellen?

Ein Objekt, das so umfassend für uns LGBTIQ* Communitys in dieser Zeit steht, wäre für mich eines, das Verbindungen beschreibt. Ein Netzwerk oder vielleicht eins dieser gigantischen, stabilen Klettergerüste vom Spielplatz, bei denen alles miteinander verbunden ist. Aus dicken Seilen und glattem Metall, mit federndem Boden darunter. Solidarität und Verbundenheit würde ich also, ganz utopisch denkend, inhaltlich in den Vordergrund stellen. Für die neue Rechte würde ich irgendwo im Hintergrund eine Metapher finden, vielleicht wäre eine Leberwurst schön.

Du beobachtest seit Jahren auch die Entwicklung der Emanzipation der LGBTI*-Community und bemerkst,  dass immer mehr LGBTI*-Menschen spüren, wie wichtig es ist, gerade jetzt füreinander da zu sein. Was beeindruckt dich da besonders?

Ich bin immer wieder begeistert von den Selbstverständlichkeiten der jüngeren Generationen. Ich erlebe sie als teils wenig verhaftet in geschlechtlicher Binarität und Heteronormativität. Mein Wunsch ist, dass die Gesellschaft sie darin unterstützt und nicht zuletzt durch allgemeine Bildung hilft, sich diese Freiheit und Schönheit zu erhalten. Ich bin selbst Vater und sehe, dass da viel Luft nach oben ist. Fehlende Bildung führt zu mehr Ausgrenzung. Mobbing und Gewalt sind vorprogrammiert. Die Politik hat teils noch nicht die Problematik erkannt, dass die neue Rechte nicht zuletzt queere Menschen als Hassobjekte im Fokus hat und allein darum gute Bildung für alle dringend nötig ist. Zum Beispiel werden trans* Kindern und Jugendlichen traditionell viele Lebensjahre geklaut. Jahre, die sie damit verbringen müssen, nicht gefördert zu werden, sondern im Gegenteil Steine aus dem Weg zu räumen, die dort nicht liegen müssten. So viel Zeit und Energie gehen flöten mit Nonsens. Diese Jahre sind Lebensjahre, in denen sie an Ihrer Karriere arbeiten könnten, in der Schule großartiges leisten, statt sich zum Beispiel mit der diskriminierenden Sportlehrerin zu beschäftigen. Jahre die auch besser gelebt wären mit Verliebtsein, mit Lebensfreude und Jugendfreundschaft, mit Wertschätzung und Förderung. Die älteren Generationen LGBTIQ* können das oft gut nachvollziehen, was es bedeutet, sich nicht entfalten zu können. Die hms als unabhängige und nicht staatlich finanzierte Stiftung ist an der Stelle sehr wichtig; wir fördern Bildung, queere Kultur und Wissenschaft. Aber wir sind ja nur eine relativ kleine Stiftung. Unsere Mittel hängen sehr von der Spendenfreudigkeit unserer eigenen Community ab und davon, ob jemand uns im Testament berücksichtigt.

Du willst mit deiner Stiftungsarbeit auch verschiedenen Stimmen Gehör verschaffen; ich stelle mir die Arbeit hier sehr spannend vor.

Es ist spannend, wie verschieden die Blickwinkel auch innerhalb von LGBTIQ* Communitys sind. Mit Neugierde höre ich, wie die uns verbindenden biografischen Elemente Unterschiedliches in uns machen. Ich bewundere die humorvolle, stilsichere, kämpferische Selbstverständlichkeit jüngerer Queers. Und ebenso beeindrucken mich die älteren, die noch §175, die zweite Frauenbewegung und die AIDS-Krise erlebt haben und für die ich die gleichen Adjektive wählen könnte. Wir sind sehr verschieden und das ist ungemein bereichernd. Wir sollten lernen, uns gegenseitig besser zuzuhören.

© Alex Giegold

Die hms ist eine Community-nahe Stiftung, dir liegen besonders kleine Communitys am Herzen, die du zusammen mit der Stiftung stärker fördern willst, beziehungsweise eine Art von Starthilfe geben willst. Woran mangelt es hier oft noch?

Strukturelle Diskriminierung ist in uns alle eingeschrieben. Bestimmte LGBTIQ*-Communitys sind gewohnt, mit ihren Anliegen „nicht förderwürdig“ zu sein. Dieser Struktur möchte die hms entgegenwirken. Gerade für DIY-Projekte sind kleine Förderungen der erste Schritt, sich zu stabilisieren bzw. auch das System Förderlandschaften kennen zu lernen.

Du willst auch ein trans* Archiv im Schwulen Museum erstellen. Warum ist dieses Archiv so wichtig?

Trans* Geschichte ist an vielen Punkten schlecht dokumentiert. Wir haben Probleme, auf unsere Trans*cestors (trans* Vorfahren) zurückzugreifen, sie zu zitieren und zu zelebrieren. Trans* Geschichte begründet sich zu viel auf der Sicht von außen. Die Kultur wird nicht spürbar. Es ist auch eine Frage, wer sich selbst, wie, ernst nimmt. Mein tiefer Wunsch ist es, trans* und non-binary Kultur und Geschichte zugänglich und erlebbar zu machen. Mich interessiert, wie unser Community-Wissen erfahren, ausgetauscht, weitergegeben, gebündelt, genutzt, gefördert werden kann. Ein trans* Archiv innerhalb des SMU-Archivs ist ein denkbar gewordener Traum.

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