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Marlon Schulte

Marlon Schulte „Männlichkeit ist das, was du selbst daraus machst“

km - 10.01.2022 - 10:00 Uhr

Marlon Schulte ist gelernter Journalist, Podcaster und Aktivist. Er setzt sich für queere Themen ein, genauso wie Feminismus, Menschenrechte und Maskulinität. Bei WDR und Funk war er Teil des Teams vom erfolgreichen Instagram-Format „Mädelsabende“. So erfolgreich, dass es sogar mit einem Grimme-Preis ausgezeichnet wurde. Im Interview mit SCHWULISSIMO spricht der Medienmensch aus Köln über TV und LGBTI*, Queerpolitik, queeren Journalismus und vieles mehr.

 

Wenn du bei einem Sender deiner Wahl eine Primetime Show gestalten könntest – wie würde die aussehen und wer würde in welcher Form daran teilnehmen?
Auf jeden Fall wäre meine eigene Show von Grund auf inklusiv und divers. Und ich meine nicht im Sinne von „wir laden Schwule oder Menschen mit Behinderung nur dann ein, wenn wir auch über „ihre“ Themen sprechen“, sondern: Ganz unabhängig vom Thema sind die Gäste, die Redaktion und die ganze Show von Grund auf selbstverständlich divers. Ich finde, so wird im Jahr 2021 leider immer noch viel zu selten gedacht und Programm gemacht.

Wie siehst du die Präsenz von LGBTI* in den Medien? Was fehlt, was ist gut, gibt es Formate, die mehr Nachteile bringen, da sie die Community falsch darstellen? Und gibt es Formate, die du liebst und aus welchen Gründen sollten gerade diese Formate gefördert werden?
Es macht mich total stolz zu sehen, wie viel mehr Sichtbarkeit die queere Community in den Medien heute hat. Besonders im letzten Jahrzehnt hat sich meiner Meinung nach viel getan. Ich hatte als Kind und auch als Teenager eigentlich keine LGBTI*-Vorbilder in den Medien, an denen ich mich orientieren konnte und die mir gezeigt haben, dass ich gut so bin, wie ich bin. Das ist heute Gott sei Dank anders und es gibt viel mehr Personen in der Öffentlichkeit, die zu ihrer Queerness stehen (können). Das finde ich total toll!

© WDR maedelsabende
© WDR maedelsabende

„Prince Charming“ und auch das Format „Mädelsabende“ sind mit dem Grimme-Preis ausgezeichnet. Meinst du diese Auszeichnung sorgt für eine bessere Wahrnehmung bei den Zuschauer*innen oder macht es LGBTI* interessanter für Medienschaffende?
Wir waren mit „Mädelsabende“ ja einer der ersten Accounts in Deutschland, die ganz offen über Themen wie Sexualität, Feminismus und auch Queerness vor tausenden von Menschen auf Instagram gesprochen haben. Meine Kolleginnen und mich hat es damals extrem stolz gemacht, dass wir dafür den Grimme Online Award bekommen haben. Was mir persönlich aber mindestens genauso wichtig ist, sind die Nachrichten und Kommentare aus der Community, die wir täglich bekommen. Das persönliche Feedback der Leute zeigt, dass wir auf jeden Fall eine größere Wahrnehmung von wichtigen Themen, wie eben Queerness, erreichen.

Was braucht es für queere Medien mehr? Geld, offene Menschen, offenlebende Menschen, Formate, Primetime oder ein bisschen von allem?
Ich finde es wichtig zu verstehen, dass wir heute nicht mehr davon abhängig sind, unsere Geschichten irgendwo erzählen zu „dürfen“. Wir können sie heute selbst erzählen. Vor Millionen von Menschen. Durch Social Media haben wir alle ein Sprachrohr, das uns die Möglichkeit gibt, etwas zu sagen und damit etwas zu verändern. Wir können selbst die Lücken füllen, die es immer noch gibt.

Was hältst du vom Koalitionsvertrag? Ist es ein queerpolitischer Aufbruch? Fehlt dir etwas und wenn ja, was?
Ich habe auf jeden Fall das Gefühl, dass einige Punkte im Vertrag vielen Menschen aus der Community wieder Hoffnung gegeben haben. Ich denke da z.B. an das Selbstbestimmungsgesetz oder an lesbische Paare, bei denen in Zukunft beide Frauen gleichwertig als Mütter des Kindes eingetragen werden können sollen. Trotzdem hätte ich mir viele der Veränderungen, u.a. auch z.B. die Streichung des Paragraphen 219a, schon vor etlichen Jahren gewünscht. Auf jeden Fall werden ab jetzt sehr viele Menschen ganz genau hinsehen, wann sich was tun wird.

© WDR maedelsabende
© WDR maedelsabende

Was liebst du an der LGBTI*-Community in Köln?
Ich liebe die ganze Queer Community. Ich liebe es mittlerweile generell sehr, queer zu sein. Das konnte ich nicht immer, weil einem von außen oft gesagt wird, dass es nicht gut ist, „so“ zu sein. Aber heute bin ich stolz darauf, queer zu sein und darauf, wie mutig und liebevoll unsere Community ist.

Die Stadt Köln ist laut dem eigenen Aktionsplan bekannt für ihre Weltoffenheit, Toleranz und Vielfalt und wird sowohl bundesweit als auch international als Hochburg von Lesben und Schwulen wahrgenommen. Merkst du das in Köln?
Fun Fact: Ich liebe es mit der Straßenbahn durch Köln zu fahren und alle Regenbogenfahnen zu zählen, die ich dabei in den Fenstern sehe. Mein High Score bei einer 20-minütigen Bahnfahrt liegt bei 48 Fahnen. Ich glaube, das zeigt schon ganz gut, was für eine tolerante und queer-offene Stadt Köln ist.

Maskulinität ist immer wieder ein Thema auf deinem Instagram-Kanal. Kann man Männlichkeit überhaupt definieren? Warum hat Kleidung oder Make-up nichts mit Maskulinität zu tun?
Ich sage immer: Männlichkeit ist das, was du selbst daraus machst. Für mich persönlich gibt es nichts männlicheres als einen Mann, der mit Stolz Nagellack oder Röcke trägt und sich nicht davon beeinflussen lässt, was andere darüber denken. Denn das zeigt mir, dass dieser Mann ein ganz genaues Bild davon hat, was für ihn selbst Männlichkeit ist und das nicht an anderen Männern festmacht. Das finde ich sehr männlich.

© WDR maedelsabende
© WDR maedelsabende

Hat die Gesellschaft ein Problem mit dem Konzept von männlich und weiblich? Wenn ja, wie kann man dieses Problem lösen?
Ich persönlich finde, wir ordnen Dinge sehr oft einer Geschlechterkategorie zu, obwohl wir das gar nicht müssten. Wir lernen diese Muster schon von klein auf, wenn wir als Jungs Autos und blaue Kleidung und als Mädchen ganz viel rosa Dinge geschenkt bekommen. Plötzlich bekommt eine Farbe ein Geschlecht und damit eine große Bedeutung zugeschrieben – obwohl sich durch die Farbe des Stramplers das Baby in ihm ja gar nicht verändert. Das denken wir aber oft, oder wir tun zumindest so. Das geht oft im Kindes- und im Erwachsenenalter so weiter und uns umgeben immer wieder Dinge, die als „typisch männlich“ oder „typisch weiblich“ gelten. Ich denke, wir könnten es uns selbst oft viel einfacher machen, indem wir einem Stück Stoff oder einer Farbe nicht diese immense Bedeutung beimessen würden.

Wie ungesund für die mentale Gesundheit schätzt du toxische Männlichkeit ein und warum?
Toxische Männlichkeit kann für alle Seiten gefährlich werden – für die Männer selbst, aber auch für ihr Umfeld. Laut dem Statistischen Bundesamt werden 75% aller Suizide von Männern begangen. Männern wird immer noch beigebracht nicht über ihre Gefühle zu sprechen, sich keine Hilfe zu suchen, wenn es ihnen schlecht geht, weil sie stark sein müssen und keine „Schwäche“ zeigen dürfen. Ich bin auch der Meinung, dass toxische Männlichkeit der Grund dafür ist, warum das Wort „schwul“ immer noch so oft als Beleidung verwendet wird.

Und auch Gewalt gegen Frauen und Partnerinnen sind große Probleme, die oft durch gewaltvolle Rollenbilder und Machtverhältnisse entstehen.

Kann Journalismus auch eine Art von Aktivismus sein?
Journalismus und die Berichterstattung können auf jeden Fall das Verlangen in Menschen auslösen, sich zu engagieren. Als ich beispielsweise über die Diskriminierung durch das Transsexuellengesetz berichtet habe, bemerkte ich, dass viele Menschen das Gesetz vorher gar nicht kannten. Und als sie es dann kannten, waren sie entsetzt und wollten unbedingt mithelfen, daran etwas zu ändern. Veränderung beginnt da, wo Wissen entsteht. 

Was liebst du an deinem Beruf und inwieweit kombinierst du deinen Beruf mit Queerness?
Dass sich die Menschen mir ihren persönlichen Geschichten mir anvertrauen und besonders, dass ich der Community immer wieder eine Stimme geben kann durch das, was ich tue. Das macht mich jeden Tag extrem stolz!

Was sind deine Hoffnungen und Ziele für das Jahr 2022?
Was mir als erstes einfällt (und ich weiß üüüberhaupt nicht wieso): Eine Show, die selbstverständlich divers und inklusiv ist. Das fände ich toll! (grinst)

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