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Georg Roth

Ausgequetscht Georg Roth

vvg - 09.09.2022 - 16:00 Uhr

Georg Roth, du bist Urgestein der Szene, Aktivist der 1. Stunde, Sänger, Schauspieler, Moderator und Gründungsmitglied diverser Vereine!

Genau, ich habe die Aids-Hilfen Köln und NRW mitbegründet, den Trägerverein SchuLZ (Schwulen- und Lesben-Zentrum Köln), den ersten schwulen Männerchor Triviatas, die Bundes Interessenvertretung schwuler Senioren BISS e.V. und war auch bei der Gründung der ARCUS Stiftung dabei.

 

Und du hast wie Dirk Bach und den meisten deutschen Comedians bei der Bonner Springmaus gelernt und mitgemacht!

1993 wurde ein zweites Tour-Ensemble aufgebaut; ich war von Anfang an dabei und habe fast 20 Jahre u. a mit Margie Kinsky gespielt. Impro-Theater ist was Tolles. Wir haben ja Vorschläge aus dem Publikum bekommen und daraus auch ganze Musicals improvisiert. Das hat viel Spaß gemacht, Dinge aus dem Alltag der Leute mit Witz und Humor zu spielen.

 

Als Dank für dein Engagement hast du 2006 das Bundesverdienstkreuz erhalten und bist gerade in Duisburg mit dem Akzeptanzpreis „Brücke der Solidarität“ ausgezeichnet worden.

Vor mir wurden zum Beispiel Thomas Hitzelsberger, die amtierende Bundestagspräsidentin Bärbel Bas und Klaus Wowereit geehrt. Ich glaube aber, ich war der erste Aktivist aus der Szene, der mit diesem Preis geehrt worden ist. Ich finde die Arbeit der Duisburger Comunity toll, weil auch in den mittleren und kleinen Städten das Engagement der Comunity für Sichtbarkeit und Akzeptanz so wichtig ist.

 

Dabei hast du Klaus Wowereit selbst schon einmal einen Preis überreicht.

Na ja, überreicht haben die Kompassnadel die Vorstände vom damals Schwulen Netzwerk und der Aidshilfe NRW. Ich fand ihn und sein Outing sehr mutig, denn die SPD war damals noch nicht so queerfreundlich. Er hat mit seinen inzwischen geflügelten Worten „Und das ist auch gut so!“ einen Ruck in der SPD und der Gesellschaft bewirkt. Wenn man sieht, wie viele Oberbürgermeister in Deutschland inzwischen schwul sind …

 

Was machen solche Ehrungen mit einem?

Auf der einen Seite empfinde ich große Anerkennung, weil damit sichtbar gemacht wird, was geleistet wurde. Andererseits habe ich das ja nicht alleine gemacht. Viele haben sehr viele am Erfolg mitgearbeitet. Etwa Jean-Claude Letist oder Jörg Vathke. Alle hätten diesen Preis verdient.

 

Hast du dir zu Beginn deiner Aktivitäten vorstellen können, dass wir zu so einer starken Bewegung werden?

Nein. Als ich damals einstieg, waren wir eher eine soziale Bewegung. Eine meiner ersten Aktionen war die Unterstützung der Gruppe Fliederlich aus Nürnberg, die gegen eine Neo-Nazi-Kundgebung demonstriert hatten und mit der Polizei aneinandergeraten waren. Wir sind zur Unterstützung zum Prozess nach Nürnberg gefahren. Damals gab es ein Netzwerk von schwulen Gruppen. Es gab bundesweite Treffen. Das waren auch die Anfänge vom Waldschlösschen. Ich habe gemerkt, dass es wichtig war, sich einzubringen und so sind z.B. die Triviatas entstanden, um mit Musik und Humor zeigen, wer wir sind. Es entstand das Kölner Schwulen- und Lesbenzentrum SchuLZ. Als die AIDS-Krise kam, merkten wir, dass es wichtig sein würde, feste Strukturen zu aufzubauen. Ohne diese Strukturen, wären alle auf einer Insel in Isolation gelandet oder wir wären alle registriert worden.

Die ältesten Bilder mit Georg von Anfang der 1990er Jahre stammen von der ersten Kölner CSD-Gala, die Georg gemeinsam mit Hella von Sinnen moderierte. © vvg

Hattest du damals bei deinem Outing Probleme?

Ich habe das eigentlich ganz gut hinbekommen. Die Probleme hatte ich, bevor ich geoutet war, danach nicht mehr.

 

Als "Mutti der schwulen Senioren" engagierst dich in der Bundesinteressenvertretung schwuler Senioren, kurz BISS.

Im Waldschlösschen organisiert Wolfgang Vorhagen seit vielen Jahren ein bundesweites Treffen von älteren Schwulen, die sich über ihr Altern austauschen, auch Aktive aus den gay+grey Gruppen. Aus diesem „Safttreffen“ ist BISS entstanden. Wir wollten eine Interessenvertretung auf Bundesebene. Und der Name sollte zeigen „Wir haben noch BISS“ J. Wir haben zum Beispiel erfolgreich für die Aufhebung der 175er Urteile gekämpft.

 

Du bist Role-Model für die "Ich weiß was ich tu –Kampagne".

Reinhard Klenke hat mich damals gefragt. Da habe ich gern zugesagt, denn das Thema Alter sollte auch vertreten sein. „Iwwit“ ist sehr erfolgreich. Es sind Ehrenamtler, die beim CSD oder auch auf Parties Infos z.B. zu Prävention und STI geben. Leider komme ich zeitlich nicht mehr dazu.

 

Weißt du immer, was du tust oder warst du auch mal unvernünftig?

Ich war eigentlich immer vernünftig und kann mich in einigen Dingen ganz gut kontrollieren.

 

Und warst du auch mal Role-Model / Vorbild für die junge schwule Generation?

Ein paar Mal haben mich Schwule angesprochen und mir gesagt, dass ich ein Vorbild für sie gewesen bin. Und letztens hat sich ein Vater per Facebook bei mir bedankt. Seine beiden Kinder sind lesbisch bzw. schwul und glücklich, weil wir Alten viel erkämpft haben. Das hat mich sehr berührt.  

Ein Gast war Romy Haag aus Berlin, die eine Zeit mit David Bowie zusammenlebte. © vvg

Früher hast du mit Hella die CSD-Galas moderiert - Die Galas sind verschwunden und auch die CSDs haben sich stark verändert. War früher mehr Lametta?

Früher war mehr Eigenes, die Künstler kamen aus der Szene, die Plakate für die Veranstaltung haben Freunde gestaltet. Alles was gemacht wurde, war aus der Szene für die Szene. Später sind daraus große Shows und Events geworden. Diese Entwicklung ist gut, weil es dadurch mehr Aufmerksamkeit gab. Mein Herz schlägt inzwischen für die kleineren CSDs. Ich war gerade in Solingen, da war sehr viel Engagement und Solidarität.

 

Dir ist die Sichtbarkeit älterer Menschen wichtig – sichtbarer auf den CSDs sind aber Unmengen junger Mädchen?

Ja, ich finde das schön und gut, dass sich so viele junge Leute bei den CSDs engagieren und mitmachen. Für Ältere ist es schwieriger beim CSD dabei zu sein: Da ist zum einen die Lautstärke, fehlende Sitzmöglichkeiten oder die Toilettensituation. Ich glaube nicht, dass die ältere Generation freiwillig dem CSD fernbleibt. Das zeigt ja auch das Zelt der ALTERnativen beim CSD in Kön. Ein tolles Angebot, sich zu treffen, sich auszutauschen. Das müsste es überall geben.

 

Wann fällt man(N) denn altersmäßig aus der Szene?

Ziemlich früh. Martin Dannecker, meine ich, hätte gesagt: ab 30 ist man nicht mehr jung genug. Aber die schwulen Szenen sind da ja ganz unterschiedlich. Ich sage auch nicht, „Ich bin älter", sondern „Ich bin alt“. Wenn sich die Bilder von Alter ändern sollen, müssen wir Alten zeigen, dass wir engagiert und lebendig sind. Jenseits unserer Lesebrillen, Stützstrümpfe oder anderer Einschränkungen.

 

Wie gehst du selber mit deinem Alter um? Du bist mit Ü 70 immer noch aktiv - zumindest auf dem Rad. Null Bock auf Ruhe?

Ich brauche schon mehr Ruhe als früher. Im RUBICON bin ich seit 10 Jahren mit meiner Kollegin Carolina Brauckmann für Altersthemen unterwegs. Seit diesem Jahr noch an drei Tagen in der Woche. Einen Tag halte ich mir frei für Ehrenamtliches und vier Tage gehören mir und meinem Mann Ingo.

Weitere Gäste waren die Politikerin Rita Süssmuth und Marianne Rogeé, bekannt von der „Lindenstrasse“. © vvg

Was macht dir persönlich Angst?

Angst würde ich es nicht nennen. Ich bin eher sehr beunruhigt, durch die politischen Entwicklungen momentan. Der Ukrainekrieg, eine mögliche Wiederwahl von Trump, die Energiekrise. Die Inflation, spürbar derzeit bei Lebensmitteln und Sprit. Wie sollen z.B. die Menschen mit kleinen Renten das alles schultern? Dann die rechten Strömungen in unserem Land, in Europa und der ganzen Welt. Und Corona. Das bewegt mich alles.

 

Was stört dich an der Szene?

An der Szene stört mich nichts, allerdings wünsche ich mir mehr Aktivismus. Es gibt in den sog. Metropolen viele Institutionen und Koordinationsstellen. Da denken viele, da brauche ich mich ja nicht mehr einzubringen. Dabei ist so viel Platz für neue Ideen und Projekte.

 

Wieviel Sister George steckt denn noch in dir?

Eine ganze Menge, aber die ruht momentan. Die Rolle spielt man ja mit dem, was in einem steckt. Mit Sister George als Rolle kann ich anders auf Menschen zugehen, auch freier in meiner Wortwahl - manchmal ist sie frecher, manchmal witziger, manchmal nachdenklich, aber immer in ihrer gewinnenden Art.

 

Was würde Sister George denn zum Thema Affenpocken sagen?

Da würde sie sagen: Wenn ihr etwas wissen wollt, informiert euch bei der Aidshilfe. Es ist derzeit vor allem ein Thema für schwule Männer und Männer, die Sex mit Männern haben. Versucht euch impfen zu lassen, wenn ihr denkt, es ist sinnvoll.

Das jüngste Bild mit Georg entstand beim Essener CSD 2022 mit HIV-Aktivisten von POSITIVHANDELN NRW. © vvg

Dein Mann ist 15 Jahre jünger, wärst du selbst gerne noch mal Twen?

Nö. Ich bin so glücklich, wie ich bin. Ingo und ich sind fast 29 Jahre zusammen. Und ich hoffe, dass wir noch viel glückliche Jahre miteinander haben.

 

Welche Pläne hast du noch?

Ich möchte mit meinem Mann noch schöne Reisen machen. Und für die Comunity möchte ich mich mit Menschen engagieren, damit wir uns vor Ort in die Alten-Politik einmischen.

 

Was würde Sister George dir persönlich noch wünschen?

Sie würde sagen: „Bleib wie du bist, da kommst du auch weiter glücklich durchs Leben."

 

Dem Wunsch schließen wir uns an und sagen Danke schön!

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