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Georg Uecker // © Raimond Spekking

Im Interview Georg Uecker

vvg - 20.07.2016 - 09:00 Uhr

Georg Uecker ist der bekannteste Homosexuelle in den Medien, vor allem durch den ersten „schwulen“ Kuss im deutschen Fernsehen in der Serie „Lindenstraße“. Im Hintergrund arbeitete er für die Kultsendungen „Blond am Freitag“, „Kaffeeklatsch“ und „Schillerstraße“. Eine Legende ist er als Fachmann in Fragen Eurovision Songcontest und der wohl gefragteste Telefon-Joker bei „Wer wird Millionär?“.

Georg, mein erstes Interview mit dir war Anfang 1991. Damals sagtest du: „Wenn ich alt bin, würde ich gerne ein schriller Alter sein!“ Bist du diesem Wunsch schon näher gekommen?
Im Prinzip schon. Das Schöne ist ja, dass man die Definition von Alter immer vor sich herschiebt. Wenn mich also jemand als schriller Alter bezeichnen würde – das liegt ja immer im Auge des Betrachters – fände ich das völlig in Ordnung. Ich gehöre nicht zu den Leuten, die der ewigen Jugend hinterherlaufen. Wenn ich von mir sage „Der Anspruch steigt und der Marktwert sinkt“, ist das durchaus provokativ gemeint, denn ich finde es traurig, dass sich Menschen völlig unkritisch dem kapitalistischen Prinzip der Verwertbarkeit und Konsumierbarkeit unterwerfen. Das ist unproduktiv und unemanzipiert. Wir sind keine Ware, denn sonst würde gelten: Alt ist krank und siech, es riecht und ist nicht benutzbar. Da sage ich lieber „Grow up and get a life!“

Nur weil du 1987 als Carsten Flöter in der „Lindenstraße“ Günter Barton und dann 1990 Martin Armknecht geküsst hast?
Das Absurde ist, dass nicht der erste Kuss die Nation schockierte, sondern erst jener mit Martin Armknecht. Vielleicht war der intimer inszeniert, wir lagen danach zusammen im Bett und die Zuschauer ahnten, was „passiert“ ist. Es gab daraufhin Mord- und Bombendrohungen ohne Ende. Man hat mir nicht mehr alle Brief ausgehändigt, sondern sie vorher selektiert, weil die Macher der „Lindenstraße“ mich schonen wollten. In einer Ausstellung über den Wandel der Sexualmoral in der Bundesrepublik hingen jetzt ein paar dieser Originalbriefe, die ich zum Teil noch gar nicht kannte. Das war unfassbar, was da geschrieben wurde. Der Kuss sorgte für sehr heftige Reaktionen.

Wie alt warst du bei deinem ersten Kuss?
Der erste leidenschaftliche Zungenkuss? Lass mich überlegen; da war ich 15 und er war „steinalt“, nämlich 25. ? Ich hatte es darauf angelegt, und wir sind auch in der Kiste gelandet. Ich war recht groß und sehr selbstbewusst und wirkte wie 18. Als er hörte, wie alt ich war, bekam er schon einen Schrecken, denn das war ja illegal. Ich habe mich damals immer älter gemacht, weil ich nicht wie ein naives junges Küken behandelt und von Männern, die ich interessant fand, ernstgenommen werden wollte.

Wie lebst du heute? Bist du Single, hast du eine Beziehung?
Ich weiß nicht, wie viel ich über mein Privatleben erzählen will. Wenn ich sage, dass ich schwul bin, ist das ein politischer Aspekt, Thema Sichtbarkeit. Wenn man nach dem „Wie“ und dem „Mit wem“ gefragt wird, ist es privat. Ich war lange liiert und der Mann ist nirgendwo in der Presse erschienen, weil er das nicht wollte. Aber um die Frage zu beantworten: Ich habe noch Termine frei.

Trotzdem habe ich noch eine sehr private Frage: Man dichtete dir alle möglichen Krankheiten an. Willst du dazu antworten?
Es gab viele Gerüchte. Tatsache ist, und daraus habe ich auch nie ein Geheimnis gemacht, dass ich HIV+ bin. Mir geht es aber dank der Pharmaindustrie und einer in jeglicher Hinsicht positiven Lebenseinstellung sehr gut. Vor den ersten Kombitherapien habe ich schon geglaubt, ich hätte jetzt nicht mehr viel Zeit. Der Grund für meine „Unsichtbarkeit“: Ich war komplett überarbeitet. Neben meiner Rolle in der „Lindenstraße“ war ich Spielleiter in der „Schillerstraße“, Panel-Mitglied bei „Genial daneben“, Producer mehrerer wöchentlicher Sendungen wie z.B. „Blond am Freitag“ und hatte zwei eigene Bühnenprogramme. Da musste ich zwischenzeitlich mal einen Gang runterschalten. Heute ist alles wieder im grünen Bereich und ich bin topfit. Wahrscheinlich bin ich spätestens jetzt nach diesem Interview der prominente „Longtime Surviver“, der den Schritt nach vorne macht. Ich bin vermutlich weit über 30 Jahre HIV+ und weiß es definitiv seit 25 Jahren. Heute bin ich konstant unter der Nachweisgrenze, völlig fit und fest entschlossen, ein schriller Alter zu werden.

Du bist ein Mann, der in der ersten Reihe für die Community gekämpft hat. Hat sich das gelohnt?
Wir haben ja noch lange nicht alles erreicht. Was die Ehe für alle betrifft, wird Deutschland von vielen anderen Ländern überholt, jetzt sogar vom erzkatholischen Malta. Wir waren mal im guten Mittelfeld, mittlerweile bilden wir fast das Schlusslicht. Und selbst das, was wir erreicht haben, kann jederzeit wieder kippen. Die Geschichte soll uns eine Mahnung sein: Deutschland war Ende der 1920er-Jahre schwulenpolitisch eines der progressivsten Länder. Es gab eine riesige bunte Szene in Berlin Dazu eine aktive, von Magnus Hirschfeld mitbegründete Homosexuellen-Bewegung. Es gab Petitionen und Demonstrationen zur Legalisierung der Homosexualität vor dem Reichstag. 1933 kam die Machtergreifung,1934 der Röhm-Putsch und 1935 die Verschärfung des §175. Schwule wurden verfolgt, inhaftiert, ins KZ gebracht, gefoltert und ermordet. Uns muss eines klar sein: Das, was wir bisher erreicht haben, ist nicht in Stein gemeißelt. Und: Ich finde es unsäglich, wenn ein schwuler Mann die rechtspopulistische, fremdenfeindliche AfD wählt. Punkt.

Kommen wir zu Erfreulicherem. Du bist der gefragteste Telefonjoker bei Promis, die in der Sendung „Wer wird Millionär?“ nicht weiter wissen. Warum räumst du nicht selber die Million ab?
Ich war in allen deutschen Quiz-Sendungen, außer bei Jauch. Jetzt kann und will ich da nicht hingehen, weil es viel cooler ist, eine Art Legende zu sein. Ich verfüge über ein breites, recht gutes Allgemeinwissen, aber da gibt es Schwachstellen wie z.B. bei Naturwissenschaften. Da ist es geiler, ein Phantom zu bleiben.

Du bist aber eine ESC-Granate. Was war denn dein bisheriger Favoriten-Song?
Viele meiner Lieblings-Songs haben leider nicht gewonnen, aber von den Siegertiteln gefallen mir Frida Boccaras „Un jour, un enfant“ (1969) und Loreens „Euphoria“ (2012) ausnehmend gut.

Du hast sogar persönliche Devotionalien von einer Teilnehmerin...
Ja, ich besitze einen Stiefel von Frida von ABBA. Ich reiste vor Jahren mit Thomas Hermanns zu einer Auktion in die Schweiz, bei der Frida, die ich schon allein deshalb mag, weil sie wie ich das Kind eines deutschen Vaters und einer norwegischen Mutter ist, privaten Plunder und Bühnen-Outfits zugunsten eines Pflegeheimes versteigern ließ. Thomas hatte mich damit überrascht und ich dachte erst, er wolle mich verarschen. Der Ort hieß wirklich Misery und das Ganze hatte auch was von Stephen King: rudelweise hysterische ABBA-Fans aus der ganzen Welt in einer dörflichen Heidi-Idylle. Wir haben uns zwar sehr zurückgehalten, nahmen uns aber vor, irgendetwas von der Auktion mitzunehmen. Dann kamen die roten Wildlederstiefel, die Frida auf dem Cover des Albums „The Visitors“ trug, unter den Hammer. Da haben wir gedacht: Die nehmen wir und jeder bekommt einen.

Um dann gemeinsam aufzutreten und „These boots are made for walking“ zu singen?
Eigentlich ein schönes Konzept. Nein, wir sind keine Hobby-Transen und haben auch keine Schuhgröße 39. Die Stiefel sind einzeln wie in einer Kreuzung aus Pop-Art-Objekt und Schrein auf rotem Samt, mit Original-LP-Cover und Lichterkett?e hinter Glas platziert. Das heißt, einer ist in Berlin bei Thomas und einer bei mir in Köln. Ich weiß aber nicht mehr, wann das war und wie viele Franken wir dafür hinblätterten; teurer als ein paar neue Schuhe waren sie auf jeden Fall.

Was wollte Klein Georg eigentlich werden?
Kaufmann, weil ich das Einkaufen immer toll fand. Ich hatte als Kind natürlich einen eigenen Kaufmannsladen zum Spielen. Dann kam die Zeit, wo ich in der Schule in der Theater AG gespielt habe. Es folgten freie Theatergruppen, die auch schon mal zu Festivals eingeladen wurden. Irgendwie wurde mir klar, dass man das zum Beruf machen könnte. Als ich nach Köln zog, begann ich, Theater-, Film- und Fernsehwissenschaft zu studieren, Schauspielunterricht zu nehmen, in der Comedia Colonia zu spielen und am Schauspielhaus zu arbeiten. Und dann lud mich Horst D. Scheel zum Casting für die „Lindenstraße“ ein. Der Rest ist Geschichte …

Ende Juni wurde der Verlängerung des „Lindenstraße“-Produktionsvertrags bis 2019 zugestimmt. Werden wir dich weiter in der „Lindenstraße“ sehen?
Man weiß ja nie, was sie sich für die Serie ausdenken. Aber erst einmal: Ja!

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