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Tahnee // © vvg

Im Interview Tahnee

vvg - 09.09.2017 - 09:00 Uhr

Tahnee ist Standup-Comedienne, Moderatorin und Schauspielerin. Seit 2016 moderiert sie Nightwash live in Köln im Waschsalon. Seit Herbst 2016 ist Tahnee mit ihrem ersten Soloprogramm „#geschicktzerfickt“ auf Tournee.

Tahnee, du hast mit Bülent Ceylan, Kaya Yanar, Luke Mockridge & Mario Barth zusammengearbeitet, alles Comedians die man mit ihren Zunamen kennt. Deinen kennt man nicht, warum  und woher stammt dein Name?
Mein Name Schaffarczyk stammt aus der Gegend der Grenzregion Tschechien-Polen, da gab es wohl schlesische Vorfahren, die ich aber nicht kenne. Da mein Vorname schon immer falsch geschrieben wurde, wolltet ich es nicht noch komplizierter machen. Der Name Tahnee kommt ursprünglich aus dem indianischen und bedeutet „Morgenröte“. Meine Eltern hatten den Namen in einem Filmabspann entdeckt und zuvor überlegt, wie sie es ihrer Tochter möglichst schwer damit machen könnten.

Du hast mit Luke die „Nightwash Naughty Girls“ im Fernsehen moderiert. Seit März 2017 hast du seine Nachfolge von „Nightwash“ übernommen. Wie kam es zu dem Job?
Ich wurde gefragt und es war für mich eine große Ehre eines der ältesten Standup-Formate für Nachwuchskünstler im skurrilen Ambiente eines Waschsalons moderieren zu dürfen. Da habe ich sofort zugesagt. Ich war 2012 beim Talent-Award noch bei Knacki Deuser dabei, hatte regelmäßige Auftritte als Gast bei NightWash, dann Mitmoderation und jetzt darf ich das meine eigene Sendung nennen. Das ist schon der Knaller. 4x im Jahr gibt es „Nightwash - live im Waschsalon“ im EcoExpress in Köln, es gibt regelmäßige Aufzeichnungen, die man als Staffel auf ONE sieht und dann ist das Format noch deutschlandweit in mehr als 150 Städten unterwegs;  d.h. jede Woche 2-3 Shows jeweils in einer anderen Stadt, da moderiere ich aber nicht alle Shows.

Eine Frau in der Männerwelt hat es schwer. Wie schwer hat es eine Frau, die auf Frauen steht, unter Männern, die über alles ihre Scherze machen?
In erster Linie stehe ich ja als Frau auf der Bühne und das ist ein zweischneidiges Schwert. Man müsste eigentlich denken, eine Frau hat es einfacher auf der Bühne, denn da gibt es ja mehr Männer, die miteinander konkurrieren. Da wird man als „Quotenfrau“ schon in eine Mixed-Show eingeladen, weil es nicht so viele Frauen im Comedy-Bereich gibt. Im Moment, in dem Frau aber die Bühne betritt, wird sie total anders wahrgenommen: „Eine Frau - mal sehen, ob die was kann und ob die lustig ist.“ Einem Mann gibt man die Bühnen-Berechtigung, egal ob er dick oder dünn, jung, alt, vollbärtig oder glatzköpfig ist. Als Frau ist das Aussehen leider der erste Trumpf bei den Männern, die Frauen checken dich ab. Aber ich habe gelernt, damit umzugehen.

Wie ist es denn in einer reinen Frauen Mixed-Show, wie z.B. „Ladies Night“?
Kann ich nicht sagen, Gerburg Jahnke hat mich noch nicht eingeladen. (... haste gehört, Gerburg)

Comedy hat eine spitze Zunge, hat man noch Freunde, wenn man als Comedienne böses Gift verspritzt?
Ich bin ja eher handzahm. Es ist die „Bühnen“-Tahnee, die da ein bisschen über die Stränge schlägt. Ich zeige da extrahiert nur eine Seite von mir als Bühnenperson. Niemand ist auf der Bühne hundertprozentig so, wie im Leben. Andere geben noch weniger von sich preis, wenn sie in eine Rolle schlüpfen, wie die Beispiele Cindy aus Marzahn und Atze Schröder zeigen.

Liegen „Scherz“ und „Schmerz“ nicht nah nebeneinander. Den, über den man Scherze macht, schmerzt es.
Ganz, ganz nah, dazwischen passt nur ein seidener Faden. Wenn ich es auf meine Sachen übertrage, ist Comedy bei mir „Schmerz plus Zeit“. Eine schmerzhaftes Erlebnis, wie z.B. bei mir das Outing, das bei mir nicht lustig und rosig war, wird über die Zeit verarbeitet und endet in einem Witz oder einer Comedynummer.

Was war dein bisher größtes Malheur auf der Bühne?
Es gab schon einige schlimme Auftritte, aber ein klassischer Fauxpas ist, wenn man das Publikum in Bremen mit „Hallo, Oldenburger“ begrüßt. Ansonsten gab es schon mal Momente, wo du im Nachhinein den Eindruck hattest, dass du im Dialog mit dem Publikum einen Schritt zu weit gegangen bist.

Was war das Mutigste, das du je getan hast?
Ganz einfach: ich habe einen Menschen ganz nah an mich herangelassen – meine Freundin. Es ist das Mutigste, wenn man sein Herz aufmacht und sich komplett öffnet und sagt, komm rein – so bin ich.

Viele Menschen befürchten durch den ständigen Terror kriegsähnliche Zustände – hilft Comedy & Lachen da beim Abschalten?
Ich denke, absolut. Gerade in solchen Zeiten sehnen sich Leute nach einer Auszeit von Negativnachrichten. Du wirst ja auf allen Plattformen bespielt. Ob der Vollidiot aus Übersee Schwachsinn labert, in Barcelona ein Terroranschlag verübt wird oder die Natur mit Hurrikans herumwirbelt, überall scheinen nur Inseln der Zerstörung das einzig Berichtenswerte zu sein. Da kann Lachen schon viel helfen und wie Chaplin schon sagte „Ein Tag ohne Lachen, ist ein verlorener Tag.“

Wo hört bei dir der Spaß auf; wo setzt du bei Witzen Grenzen?
Das kommt auf den Witz an. Comedy ist letztendlich dazu da, über alles zu lachen, wie schwer es auch ist. Auch Tabus können keine Grenze sein. Comedy ist in der Lage und hat die Aufgabe über alle Themen zu reden. Es kommt dabei aber auf die Art und Weise an, wie man es anpackt. Da bin ich eine große Verfechterin der Freiheit der Kunst.

Wie verbringst du deine freie Zeit; mit Shoppen?
Shoppen gehe ich schon mal gar nicht, ich bin ja ’ne Lesbe. Zum Klamotten kaufen, muss ich richtig Bock haben. Ich mache etwas Sport, das klappt aber zeitlich nicht so gut. Ich zeichne und male sehr gern, schreib hin und wieder Gedichte und ich liebe es wahnsinnig zu kochen. Dann schlafe ich sehr gern und ich schaue Serien, wie momentan Will & Grace; da kommt ja demnächst das Remake.

 

Tahnee // © vvg

Warst du schon als Kind der Klassen-Clown?
Eher nicht, die Lehrer waren überrascht, als ich den komödiantischen Weg einschlug. Mein Spruch war früher: „Entweder gehe ich auf die Bühnen dieser Welt oder ich ziehe in den Plattenbau.“ Mir war aber relativ klar, dass ich den schauspielerischen Weg einschlage und meine 15 Jahre beim Ballett und Musical Theater hätten auch eine Musical-Karriere möglich gemacht. Für meine Eltern war das keine Überraschung, sie haben mich ja schon mit 5 Jahren auf der Karneval- oder auf der Musical-Bühne gesehen. 2011 kam dann der „Comedy Grand Prix“ wo ich 2. wurde. In der Jury saß Kaya Yanar, der mich in seine Sendung einlud, um mit ihm Sketche zu drehen. Das war der Anfang.

Das Gegenteil von Lachen ist Weinen – wann hast du das letzte Mal geweint?
Ich bin ein sehr emotionaler Mensch, der sehr nah am Wasser gebaut hat. Ich heule ständig: Wenn ich mich sehr aufrege oder mich etwas berührt.

Was bringt dich auf die Palme?
Homophobie und Intoleranz! Das ist ja etwas ganz Dummes. Ich glaube, denkende Menschen sind nicht homophob. Und mich regt das propagierte Frauenbild in den Medien auf. Wenn Heidi Klum kleine Mädels für den Laufsteg dressiert. Wenn auf youtube ein Girlie - von einer Kosmetik-Firma gesponsert - in ihrem Blog mit überteuerter Kosmetik Schminktipps gibt, und andere dazu animiert, es ihr gleichzutun. Kann es das Ziel kleiner Mädchen sein, sexualisiert zu werden? Muss es Überraschungs-Eier nur für Mädchen geben? Warum müssen Mädchen mit Barbies spielen und Jungs mit Autos? Kann man dem Kind nicht die Wahl seines Spielzeugs selbst überlassen?

Wie ist es mit dem Wunsch nach eigenen Kindern?
Ich mag ja keine Kinder (lacht). Aktuell bin ich froh, dass ich mein eigenes Leben im Griff habe. Vielleicht komme ich irgendwann an den Punkt, dass ich Kinder möchte. Aber das mit dem Kinderkriegen ist ja schon etwas sehr egoistisches, Da beschließen Mann und Frau, oder nur Frau ein Kind zu bekommen und das Kind wird gar nicht gefragt, ob es auf die Welt kommen möchte . Fragt mich dazu einfach noch mal in zehn Jahren, wenn meine biologische Uhr anfängt zu ticken.

Hat es eine lesbische Frau in der heutigen Gesellschaft einfacher als ein schwuler Mann?
Wenn ich auf die Straße gehe, werde ich ja nicht direkt als Lesbe erkannt, es sei denn ich geh` mit einer Frau Hand in Hand. Frauen haben es da vielleicht „einfacher“, dadurch, dass sie sexualisiert werden und Männer gern mal einen Dreier machen würden. Aber ich denke es ist egal, ob sich eine Lesbe oder ein Schwuler zu erkennen gibt - es hängt letztlich vom Gegenüber ab, ob er damit klar kommt oder ein Problem damit hat.

Wärst du gerne mal für einen Tag ein schwuler Mann?
Ja, sehr gerne; ich würde dann eine geile Schwulenparty besuchen. Ich denke, schwule Männer sind offener im Umgang miteinander und im Verteilen von Komplimenten. Frauen sind stutenbissig und kompliziert: Man kann in einer lesbischen Kneipe fast die Uhr danach stellen, dass es um 2 Uhr nachts eine Schlägerei gibt. Männer landen mit einem Dritten im Bett, während die Lesben sich prügeln .

Wie war das mit deinem Outing?
Es war nicht so easy mit meinen Eltern, aber inzwischen akzeptieren sie es. Wer etwas mehr wissen möchte, kommt einfach in mein Programm „geschicktzerfickt“, wo ich das verarbeitet habe.

Findest du es wichtig, dass sich Prominente outen?
Ich habe es gemacht und ich bekomme sehr viel positives Feedback darauf. Viele sagen, du hast mir geholfen, weil es bei dir so leicht rüber kommt und ich darüber lachen kann und mich jetzt traue, mich selbst zu outen. Jugendliche suchen und brauchen solche Vorbilder und einen Halt, um diese Phase einfacher zu überstehen.

Wir haben ab Oktober die Ehe für Alle. Auch für dich?
Ich finde es erst einmal wichtig und richtig, dass wir die gleichen Rechte bekommen. Ich weiß nicht wie viele Jahre dafür gekämpft wurde, waren es zwanzig oder dreißig Jahre? Da war ich noch nicht einmal auf der Welt. Momentan kommt heiraten für mich noch nicht in Frage, aber das kann sich ja von heute auf morgen auch ändern.

In unserer Umfrage geht es um Trans-Männer und Trans-Frauen, wie stehst du dazu?
Ich habe bei den CSDs bemerkt, dass das Thema „Trans“ verstärkt in den Focus rückt, was ich super wichtig finde. Ich verstehe nicht, warum das noch so gehypt wird. Es ist doch egal, in welcher Geschlechterform man sich zuhause fühlt. Jeder soll in seinem Umfeld und in seiner Art glücklich sein und sich frei fühlen, wie er / sie es möchte. Ich finde es wichtig, dass dem mehr Aufmerksamkeit zuteil wird, um es zu enttabuisieren.

Du darfst dir zu deiner nächsten Premiere drei Gäste einladen, wer sitzt in der ersten Reihe?
Da mache ich es total easy: Es sind Personen, die ich in meinem Programm imitiere und „angreife“. Da säßen dann Silvie Meis, Heidi Klum und Helene Fischer...

„Blondinen bevorzugt!“ Tahnee, was erwartest du vom bevorstehenden 2018?
Ich erwarte von 2018, dass es wärmer wird und es nicht so ein bescheidener Sommer wird, wie in diesem Jahr. Ich möchte auch 2018 weiter Menschen mit meinen Auftritten auf der Bühne begeistern und hoffe, dass es immer mehr Leute in meine Show zieht. Und vielleicht ergibt sich zusätzlich noch eine Sendung oder ein Format, wo ich mehr Sketche spielen kann, um mich vielseitig auszuprobieren.

Na, dann viel Glück – und wer weiß, vielleicht meldet sich ja auch Gerburg Jahnke. 

Dieses Interview hat SCHWULISSIMO mit Tahnee im September 2017 geführt.

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