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„Ich bedanke ich mich bei den Männern in meinem Leben“

Kim Fisher „Ich bedanke ich mich bei den Männern in meinem Leben“

ks - 01.09.2022 - 17:00 Uhr

Drei Alben hat „Riverboat“-Moderatorin und Sängerin Kim Fisher (53) bereits in den 90er-Jahren veröffentlicht. Mit „Was fürs Leben“ erscheint am Freitag ein neues Werk, das ihre Liebeserklärung ans Leben und an die Musik ist. Temperamentvoll, tanzbar und authentisch klingt es, wenn sie über Fehler und zweite Chancen singt. Beim Interview in Hamburg ist Dackelhündin Fritzi immer an ihrer Seite, während sie von langen Waldspaziergängen, der Ordnung in ihrem Kleiderschrank und Tattoos mit Erinnerungswert erzählt.

Kim, Sie moderieren seit vielen Jahren die TV-Show „Riverboat“. Sind Sie ein treuer Mensch?

Es ist schon untypisch fürs Fernsehen. Ich würde sagen, ich bin eher so eine Langstreckenläuferin. Es muss von beiden Seiten passen. Wir tun uns gegenseitig Gutes. Warum sollte man das auflösen? Und das Publikum entscheidet ja am Ende mit.

Soll Ihr neues Album „Was fürs Leben“ Frauen Anfang 50 bestärken?

Ich habe mir noch gar nicht so viele Gedanken übers Alter gemacht und über das, was immer alle sagen, was es so mit sich bringen soll: Dass man dann weise wird, reif und gelassen. Es ist kein Album zielgerichtet für Frauen ab 50. Überhaupt nicht. Es ist auch für Frauen unter 50 und für Männer unter und über 50. Es geht ja ums Leben – und das ist von... bis und hat nichts mit dem Alter zu tun. Wobei ich finde, dass ein paar Songs schon reflektierter sind und sich jetzt anders anfühlen.

Inwiefern?

Mit der Nummer „Danke“ bedanke ich mich bei den Männern in meinem Leben. Das klingt als wären es so viele gewesen. Ich hatte nicht sehr viele, aber der eine war so, der andere war so. Und alle waren sie für irgendwas gut; nämlich für das, was es jetzt ist. Da kann man auch mal danke sagen. Das machst du mit 30 wahrscheinlich nicht. Da denkst du eher: Begegne du mir besser nicht mehr! Mit dir will ich nichts mehr zu tun haben! Oder: An dich denke ich immer noch... Ich bin da heute schon etwas anders drauf.

Weil man lernt, auch denen zu vergeben, die einem Schmerz zugefügt haben?

Das gehört auch dazu. Wenn es das ist, was alle immer so unter dem Altern verstehen, dann kann ich sagen: Ja, merke ich auch. Aber es ist ansonsten ein relativ altersloses Album.

Sie singen vom Wildsein.

Ja, und ich genieße das auch deshalb ganz besonders, weil es über 20 Jahre her ist seit meinem letzten Album. Und weil ich mich einfach noch mal getraut habe. Früher hat man mir immer gesagt: „Du kannst nur singen oder moderieren.“ Und ich hatte den Eindruck, dass das stimmt. Mit dem Moderieren hatte es schon sehr gut funktioniert. Also habe ich auf Nummer Sicher gesetzt. Aber jetzt ist für mich genau der richtige Zeitpunkt für so ein Lebensalbum. Denn wir wollen nach den letzten zwei Jahren doch alle mehr leben und sowieso mehr von allem. Das konnte ich allerdings nicht wissen, als ich vor vier, fünf Jahren die Idee zum Album hatte. Mit Ende 40 sagte ich mir: Ich habe Musik bewusst lange nicht gemacht, aber jetzt fände ich es gut, denn jetzt ist alles so, wie es sein soll.

Was hat Sie davor zurückgehalten?

Ich hatte Schiss und war auch ziemlich schüchtern. Es hieß immer, dass das mit dem Singen alles verwässern würde. Man müsste sich schon fokussieren auf eins. Deutschland sei nicht bereit für Entertainment. Das stimmte auch eine Zeit lang. Es gab einige Beispiele, wo ich dachte: Schade, eigentlich kann die oder der doch noch mehr. Im Osten von Deutschland ist diese Art des Entertainments verbreiteter. Ich bin zwar aus dem Westen, aber ja tief in den Osten eingetaucht. Wenn ich an Sendungen wie „Ein Kessel Buntes“ denke, dann haben die Präsentatoren da alles gemacht.

Heute gibt es Giovanni Zarrella und natürlich Barbara Schöneberger, die furchtlos vor allem ist.

Ja, absolut. Aber das bin ich mittlerweile auch. Aber nur, weil ich so überzeugt von dem bin, was wir da hingekriegt haben. Ich sagte am Anfang zu Ingo Politz, dem Produzenten: „Lass uns doch noch mal.“ Und dann haben wir einfach angefangen. Dann kam das Management dazu, was noch nicht mein Management war. Dann kamen die Songschreiber und die Texter und meine ganzen Ideen dafür. Es kam eins zum anderen. Auf einmal war es ein rundes Ding, und wir ganz viele, so dass klar war: Jetzt machen wir es aber wirklich.

© IMAGO / osnapix

Sie singen über verpasste Chancen. Gab es da welche?

Eine richtige Chance habe ich nicht verpasst. Aber ich war eine Zeit lang doch recht skeptisch und habe immer eher das leere als das volle Glas gesehen. Ich war mit angezogener Handbremse unterwegs und immer bedacht auf das Sicherheitsnetz, alles wurde drei bis fünf Mal verpackt, so dass man eigentlich gar nichts mehr spürte. Und meine Einstellung war: Ach, nee, lass mal die anderen machen, ist schon schön, wie die das können...

Hätten Sie so ein Hansdampf in allen Gassen wie Barbara Schöneberger sein können? Sie macht ja schon lange alles.

Ja, aber weil sie gut ist. Sie sagt ja gerne, sie sei die Einzige, die unentwegt hier schreit. Damals hat Barbara in einem Magazin gesagt, sie würde gerne die „NDR Talkshow“ moderieren. Drei Monate später hat sie die Talkshow moderiert. Bei mir hat es paar Jahre länger gedauert. Und das hier schreien hatte ich wirklich nicht drauf. Aber ab jetzt sag ich ganz laut: „Hier!“

Ab jetzt können die Rollen also kommen...

Na ja, ich bin ja keine Schauspielerin. Wobei: Mit der Gastrolle in „Rote Rosen“ fing es an. Jahrelang habe ich bei „Riverboat“ gesessen, und jedes Mal, wenn ein Telenovela-Star kam, sagte ich: „Und warum fragt mich hier eigentlich keiner?“ Jörg Kachelmann hat das auch forciert als Running Gag. Irgendwann rief dann tatsächlich das Team von „Rote Rosen“ an. Und dann war ich dort in fünf Folgen die Reporterin Elle von Straten auf der Suche nach der heißen Story. Es hat sich auch noch ergeben, dass mein Song „Mehr“ zum diesjährigen Staffelsong von „Rote Rosen“ wurde. Wir müssen alle häufiger hier sagen!

Können Sie sich gut trennen?

Ja, ich kann mich gut trennen. Aber ich muss mich dazu entscheiden und mir sagen: „So, heute trenne ich mich mal.“ Und dann geht’s los. Es ist auf jeden Fall der Startschuss von vielem gewesen.

Inwiefern?

Wahrscheinlich war da eine Leere oder Unzufriedenheit, die ich gar nicht benennen konnte. Irgendein undefiniertes Gefühl. Anika hatte es vorher schon gesagt: „Es wird sich etwas verändern in deinem Leben.“ Als das mit dem Ausmisten durch war, hat sich dann auch wirklich viel verändert.

Zum Beispiel?

Ich habe mich vor zwei Jahren entschlossen, endlich aufzuhören zu rauchen. Privat habe ich mich auch verändert, mich getrennt, und jetzt habe ich das Album. Das sind schon wesentliche Schritte. Es gibt auch so eine schöne Klarheit innerhalb der Familie und mit meinen Eltern. Man kommt gut mit Menschen ins Gespräch, weil man sortierter ist. Man kriegt so einen guten Blick für den Ort, an dem man steht und wo man eigentlich hinwill.

Wann haben Sie das letzte Mal etwas zum ersten Mal gemacht?

Das haben wir uns alle gefragt, als wir den betreffenden Song geschrieben haben. Einer der Texter meinte: „Komm, jetzt machen wir mal alle was zusammen, was wir noch nie gemacht haben. Also zum ersten Mal.“ Und da hatten wir erst keine Idee. Uns ist aber auch nicht eingefallen, wann wir das letzte Mal etwas zum ersten Mal gemacht haben. War es das Tattoo, das ich mir habe stechen lassen? Das fand ich schon wahnsinnig wild.

Das kann man ja übertätowieren lassen.

Auf gar keinen Fall! Das ist etwas sehr Persönliches, ein Buchstabe im Nacken. Es war eine ganz schöne Idee und ein ganz schönes Gefühl, als ich es gemacht habe. Und es erinnert mich daran. Nee, das bleibt. Und so etwas sollte man einfach öfter machen.

Haben Sie eine Liste von Sachen, die Sie noch erleben wollen?

Eine Art Bucketlist? Nein, die gibt es nicht. Mir geht es darum, dass die ersten Male auch mit 80 noch mal kommen können und man es zulassen muss – auch wenn es nur Kleinigkeiten sind. Sonst zieht ein Tag nach dem anderem vorüber. Neulich habe ich mich mit meiner Managerin einfach mal in den Hotelflur vor das Zimmer gesetzt. Bis halb 3 Uhr morgens lagen wir auf dem Hotelflur und haben geredet. Es fühlte sich super an.

Sie sind also wirklich noch wild?

Gott sei Dank habe ich gemerkt, dass da noch so viel Wildheit in mir ist. Ich hatte das schon völlig verpennt, ich war so eingeschlafen die letzten Jahre. Wenn du dir die Frage nicht beantworten kannst, was du die letzten vier Silvester gemacht hast, dann solltest du dich echt mit einem lauten Knall wecken. Und jetzt bin ich wieder wach und glücklich. Davor lief es gut, aber so, dass ich das eine von dem anderen Jahr gar nicht mehr unterscheiden konnte. Aber jetzt weiß ich genau, wo jeder Zeh sitzt, weil ich ihn spüre.

Und dafür haben Sie nicht mal in Selbstfindungsgruppen aufsuchen müssen?

Gott bewahre, nein! Man muss einfach mal loslaufen. Ich will jetzt nicht sagen, dass der Kleiderschrank der Anfang war, aber vielleicht doch. Ich habe neulich auf einen Instagram- Post von Martina Gleissenebner-Teskey von „Germany’s Next Topmodel“ geantwortet, in dem es darum ging, Träume wahr werden zu lassen und sich zu trauen. Das ist es bei mir jetzt auch. Ich habe ja immer die Musik geliebt und auch immer weitergesungen. Viele haben in meinen Sendungen gesungen und ich auch mit ihnen zusammen. Oft wurde ich von den betreffenden KünstlerInnen gefragt: „Warum singst du nicht mehr?“ Ich bin wirklich eine Jukebox. Du musst mich nur antippen und ich sing dir was vor von ABBA, Tina Turner, Motown oder Adele. Das habe ich immer gemacht, nur dass das außer dem Veranstalter einer Gala kaum jemand mitbekommen hat, nie die große Masse. Und jetzt erfülle ich mir den Traum.

Frauen reiferen Alters bekommen jetzt mehr Sichtbarkeit.

Das war aber auch mal an der Zeit, oder? Diversity ist ja das große Thema der Zeit auf allen Ebenen. Anfangs sah mir das oftmals zu gesetzt aus, das fand ich anstrengend. Aber heute finde ich es super, weil es immer selbstverständlicher wird, und das gefällt mir sehr gut. Und so sollte das bitte auch mit älteren Frauen sein. Ich war noch keine 40, da sagte ein sehr geschätzter Kollege zu mir: „Du wirst sehen, wenn du 40 wirst, kommt die unsichtbare Hand und holt dich vom Monitor runter.“ Jetzt bin ich 53, und es läuft besser denn je, möchte ich fast sagen. Ich bin entspannt und habe keine Angst. Die hatte ich früher nämlich, da fragte ich mich oft: „Wird es morgen auch noch so schön sein?“ Und jetzt weiß ich: Wenn es morgen anders ist, ist es ja nicht schlechter.

Sie wirken im Reinen mit sich selbst. Gibt es trotzdem etwas, was Sie selbst nervt?

Meine Ungeduld! Das habe ich erst heute wieder gemerkt, als der Taxifahrer versuchte, mir und meiner Dackel-Hündin Fritzi jede Kurve zu zeigen, die in Hamburg möglich ist. Da war ich so genervt und steh dann auch neben mir und finde mich doof. Und denke: Gott sei Dank sieht das jetzt keiner! Bis ich dann aussteige und fast auf den Boden falle vor Entschuldigung. Aber diese Ungeduld ist nun mal auch ein Teil von mir.

Wie sind Sie auf den Hund gekommen?

Ich hatte immer Hunde, es ist also nichts Neues für mich. Es waren immer kleine Hunde, damit ich sie überall hin mitnehmen kann. Fritzi hat eine gute Reisegröße.

Was gibt Ihnen der Hund?

Zwei Stunden Spazieren im Wald täglich. Da verzeiht sie mir nichts, wenn ich es nicht mache. In den Wald gehe ich ohne Handy und ohne High Heel. Im Wald halte ich die Klappe. Im Wald atme ich. Im Wald bin ich. Im Wald ist es mit Fritzi superschön. Heute ist sie sauer, weil ich mit ihr nicht im Wald war.

Können Sie gut abschalten?

Ich bin schon ein sehr informierter Mensch. Und habe mich eine Zeit lang bewusst dazu entschlossen, meinen Informationsdrang mal etwas im Auge zu behalten. Denn es kann einen auch runterziehen, wenn man nichts ändern kann und schlimme Dinge akzeptieren muss. Aber ich habe ganz gut den Weg gefunden, trotzdem mein Leben zu leben. Ich kann ja nicht den Reset- oder Pause-Knopf dafür drücken.

Haben Sie das Rauchen durch ein anderes Laster ersetzt?

Zum Glück nicht. Ich hatte erst richtig zugenommen, aber jetzt ist es wieder runter.

Machen Sie viel dafür?

Überhaupt nicht. Zurzeit gar nicht. Ich wünschte, ich könnte jetzt sagen, dass ich total sportlich bin. Bin ich aber leider nicht.

Sind Sie eher High Heel oder Plattschuh?

Jetzt habe ich High Heels an, im Auto trug ich gerade noch Turnschuhe. Nach zwei Jahren in Turnschuhen und Jogginghosen muss man erst mal wieder ins High-Heels-Trainingslager. Aber ich bin da sehr schnell wieder drin.

Im September gehen Sie auf Tour. Werden Sie die Diva rausholen?

Es soll ‘ne dicke Show werden. Ich bin eigentlich nicht der Typ für „mehr ist mehr“. Eher überhaupt nicht. Aber jetzt als Sängerin werde ich mehr als sonst aufdrehen. Ich bin ja auch ein Discomädchen. Wir werden alle in Discorausch verfallen! Ich bin mir sicher, dass ich auch viel quatschen und mit dem Publikum Quatsch machen werde. Aber es wird kein biografischer Abend über mein Leben sein. Ich wünschte so sehr, ich könnte mich ans Klavier setzen. Wir haben schon überlegt, ob man mir drei Akkorde beibringen könnte, um einen wahnsinnigen Eindruck zu hinterlassen. Wie damals Barbra Streisand in der Waldbühne. Die hat sich irgendwann ans Klavier gesetzt, ein bisschen geklimpert und gesagt: „Oh, sorry, mein Fehler.“ Und alle dachten: Guck mal, sie spielt für uns. In München hat sie genau das Gleiche gemacht. Sie weiß einfach, wie es geht. Das ist Entertainment.

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