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LEOPOLD // © CAPADOL/Lih Tsan

LEOPOLD im Interview Keinen Platz für queerphobe Meinungen geben

id - 26.04.2021 - 20:10 Uhr

Im vergangenen Jahr begeisterte LEOPOLD uns mit seiner Pride-Hymne „Paradise“. Durch die Pandemie fanden dann aber so gut wie keine Pride-Veranstaltungen statt. SCHWULISSIMO sprach mit dem queeren Künstler über das Künstlerdasein in Corona-Zeiten, die daraus entstandenen Probleme und Alternativen, über seine neue EP „FEM“, über Homo- & Transphobie und über seine Pläne für die kommende Zeit. 

Hallo LEOPOLD. Bevor wir zu deiner Musik kommen erzähl doch unseren Leser*innen einmal wer du bist.
Ich bin Sänger, Songwriter, Vocal Coach und Performer. Und ich bin queer.

Wie und wann bist du dann zur Musik gekommen?
Gesungen habe ich eigentlich schon immer. Von meinem siebten bis 21. Lebensjahr habe ich in verschiedenen Chören und Ensembles gesungen, bevor ich mich dann dazu entschied, meine Leidenschaft zum Beruf zu machen.

Im vergangenen Jahr hattest du eigentlich passend zur CSD-Saison deinen Song „Paradise“ veröffentlicht. Wir sind uns sicher, er wäre eine der CSD-Hymnen 2020 geworden, doch dann kam ja alles anders. Du konntest zwar noch einige Gay Prides mitmachen, aber die meisten sind ja ausgefallen. Wie hast du die CSD-Saison 2020 als Künstler erlebt?
Erstmal vielen Dank für das Kompliment. „Paradise“ ist ein sehr positiver und energiereicher Song und es macht wahnsinnig viel Spaß, den live zu spielen, gerade auch auf Pride-Veranstaltungen.

Die CSD-Saison 2020 habe ich überraschend kreativ und einfallsreich wahrgenommen. Alle haben versucht, das Beste aus der Situation zu machen und die jeweiligen Prides in irgendeiner Form stattfinden zu lassen, ob online oder sogar Outdoor mit Abstand und Hygienemaßnahmen. Klasse fand ich auch, dass es letztes Jahr zum ersten Mal den „Global Pride“ gab, bei dem viele queere Menschen, Künstler*innen, wie auch Veranstalter*innen aus verschiedenen Ländern und Kontinenten zu einer 24-stündigen Online-Pride-Veranstaltung zusammengekommen sind. Ich war unfassbar froh und stolz, ein Teil davon sein und zwei Songs im Rahmen des Livestreams performen zu dürfen. Es war toll, zu sehen, dass wir LGBTQIA+, egal aus welchem Land wir kommen, uns nicht von einer Pandemie unterkriegen lassen, sondern trotzdem weiterhin für queere Visibilität und Rechte kämpfen und darauf aufmerksam machen.

Eigentlich schreit es ja förmlich danach, „Paradise“ als Remix wieder zu veröffentlichen, wenn man sicher sein kann, dass es wieder CSDs geben wird, wie wir sie aus Vor-Coronazeiten kennen. Oder?
Ja, vielleicht. Oder ich veröffentliche einfach einen ganz neuen Song. Wer weiß, womit wir euch überraschen…

Im Februar hast du deine EP „FEM“ veröffentlicht. Magst Du uns etwas zu der Entstehung erzählen? Sicher war auch hier Corona eine Komplikation, oder?
In „FEM“ geht es darum, die eigene feminine Seite zu zeigen, die meiner Meinung nach alle von uns in sich tragen. „FEM“ bedeutet für mich, sich zu trauen, auch mal weich und zerbrechlich zu sein und gleichzeitig Stärke in dieser Zerbrechlichkeit zu zeigen.

Dieses Konzept haben mein Team und ich bereits im Sommer 2019 besprochen und auch schon zu diesem Zeitpunkt festgelegt, dass „This“ die Leadsingle der zweiten LEOPOLD EP sein soll. Wir hatten bis zum Ausbruch der Pandemie bereits „Missing You“ veröffentlicht und „Paradise“ aufgenommen. Letzterer ist in die Pandemie und den ersten Lockdown gefallen, da haben wir dann die Auswirkungen von Corona bezogen auf die eigene Arbeit und Releases auch gespürt. Ich würde aber nicht sagen, dass die Pandemie alles verkompliziert hat. Sie hat unsere Arbeits- und Denkweise verändert und wir haben versucht, das Beste daraus zu machen und auf anderen Wegen kreativ zu sein. Für den Song hatten wir ursprünglich ein ganz anderes Videokonzept geplant. Aufgrund der Pandemie ist das Musikvideo aber erst so geworden, wie es jetzt ist, mit den vielen wunderbaren, queeren Menschen darin, die so lieb waren, mitzumachen. Und ich bin jedes Mal, wenn ich es sehe, dankbar und stolz, dass es so geworden ist und dass so viele tolle Menschen mit dabei sind, auch wenn wir nicht die Möglichkeit hatten, das Video an einem Ort gemeinsam mit allen zu drehen. „All I See“ haben wir zu einem Zeitpunkt im Sommer veröffentlicht, bei dem sich die Lage wieder etwas entspannt hatte. „Girlfriend“ war der einzige Song der EP, den wir über Online-Sessions fertig gestellt haben. Es ist natürlich immer schöner, wenn man direkt mit dem eigenen Team oder mit anderen in einem Raum zusammenarbeiten kann. Aber die Pandemie hat uns allen auch gezeigt, dass es dennoch möglich ist, auf anderen Wegen zusammen weiterzuarbeiten, selbst beim Songwriting.

 

LEOPOLD // © Capadol

Deine Songs sind teilweise ausgesprochen tanzbar – wie beispielsweise „All I See“, andererseits kannst du aber auch mit ruhigen Tracks wie „Missing You“ glänzen. Wie würdest du selbst deinen Stil beschreiben?
Ich beschreibe meine Musik gern als queeren Power Pop.

Queer deshalb, weil es meine Identität ist. Und weil ich Themen der LGBTQIA+ Community wie gleichgeschlechtliche Liebe, den Kampf für Akzeptanz in meinen Songs verarbeite oder auch Dinge wie Hate Speech thematisiere. Power, weil ich die Leute (ob queer oder nicht) mit und durch meine Musik ermutigen möchte, zu sich selbst zu stehen.

Ich mache nicht nur Musik für unsere Community, sondern wirklich für alle. Bei TikTok tanzen auch 10-Jährige zu meinen Songs, im ZDF Morgenmagazin haben uns ältere Frauen Komplimente gemacht und meiner Musik applaudiert. Meine Musik läuft ja auch im Mainstream-Radio, für meinen Geschmack aber noch zu selten.

Deine Songs sollen ja nicht nur nett anzuhören zu sein, sie haben bei dir ja auch sehr oft immer eine Botschaft. Ist Dir dieses wichtig?
Definitiv. Ich möchte mit meiner Musik den Menschen Mut und gleichzeitig durch die Musik die vielfältigen Aspekte queeren Lebens einem breiteren Publikum zugänglich machen. Und auf meine Art zu Sichtbarkeit und Akzeptanz von uns LGBTQIA+ beitragen.

Hast du von Deinen bisherigen Songs bestimmte Favoriten? Und wenn ja, warum gerade diese?
Ja, auf jeden Fall: „GMSTL“ von meiner ersten EP „Body Language“ und „Paradise“ von der aktuellen EP „FEM“. Ich mag die Kraft der Songs, den positiven, energievollen Vibe und performe die sehr gerne live mit meiner Band.

Die obligatorische Frage nach Vorbildern oder auch inspirierenden Künstler*innen darf natürlich nicht fehlen. Wer hat dich persönlich beeinflusst und warum?
Auch wenn ich selbst Pop-Musik schreibe, beziehe ich meine Einflüsse von unterschiedlichen Künstler*innen und Genres, wir sind ja alle mit dem Radio und dem Fernsehen aufgewachsen. Für mich inspirierende Künstler*innen unserer Zeit (was Sound und Performance betrifft) sind Janelle Monaé, Lady Gaga, Lizzo, Dua Lipa und Beyoncé. Beim Singen wurde ich stark von Aretha Franklin beeinflusst und was meine eigene Queerness betrifft, finde ich Prince und David Bowie nach wie vor stark und faszinierend.

 

LEOPOLD // © Jakob Mecke

Du selbst beschreibst dich als queeren Künstler. Wie wichtig ist es dir, dich für die LGBTI*-Community einzusetzen?
Da ich selbst Teil der LGBTQIA+ Community bin, ist es mir immer unglaublich wichtig, die Themen, mit denen wir queere Menschen uns tagtäglich konfrontiert sehen, anzusprechen und mich dafür einzusetzen.

Ich denke, wir haben lange genug darüber geschwiegen und uns versteckt. Es ist Zeit, dass wir auch in der gesellschaftlichen Mitte ankommen, gehört und respektiert werden und nicht nur als Nische oder Beiwerk der Gesellschaft angesehen werden.

Wir sind hier, wir waren immer hier und wir werden auch immer hier sein. Und wir möchten unser eigenes Leben und das gesellschaftliche Miteinander aktiv mitgestalten. Ich möchte das, was viele wunderbare queere Menschen, vor allem viele queere People of Color für uns in den letzten 50 Jahren erkämpft haben, mit meiner Generation weiterführen.

Wir haben schon viel erreicht, aber wenn man sich das Ganze einmal genauer anschaut, dann merkt man doch noch, wo noch viele Baustellen sind. In Deutschland bekommt man durchaus mit, dass homophobe Angriffe verbal, aber auch körperlich zunehmen. In Europa bzw. weltweit ist hier noch viel mehr zu tun. Beispiel „homofreie Zonen“ in Polen – immerhin ein EU-Mitgliedsstaat. Wie siehst du diese Entwicklung?
Ich sehe die Entwicklungen sehr kritisch und als besorgniserregend. Es sind ja nicht nur homophobe, sondern auch transphobe Attacken und Angriffe gegen alle LGBTQIA+. Die „LGBT-freien Zonen“ in Polen sind da nur die Spitze des Eisbergs und halt das, was medial sichtbar wird.

Durch die wachsende Verrohung innerhalb der gesamten Gesellschaft, die in den letzten Jahren zu beobachten ist, setzen sich radikalere Ansichten, auch gegenüber uns queeren Menschen, schneller durch und finden leider wieder mehr Anklang.

Dieses Phänomen können wir nicht nur in Deutschland, sondern leider auch in vielen anderen Ländern sehen. Umso wichtiger ist es, dass wir als LGBTQIA+ Community zusammenhalten und noch stärker und entschiedener dagegen vorgehen. Wir sehen natürlich erst einmal das, was vor unserer eigenen Haustüre passiert. Aber solange Menschenrechte in Deutschland, wie auch in anderen Ländern und auf anderen Kontinenten missachtet und Menschen aufgrund auch unter anderem ihrer Sexualität, wie auch geschlechtlichen Identität denunziert, verfolgt, missbraucht und umgebracht werden, solange ist unser aller Engagement und Einsatz gefragt. Natürlich hat sich in Deutschland schon einiges getan und die Europäische Union hat vor Kurzem Europa als „LGBTIQ Freedom Zone“ ausgerufen. Es werden schon tolle Zeichen gesetzt und in die ganze Welt gesendet. Es darf aber nicht nur bei Zeichen bleiben. Wir alle müssen das auch gemeinsam leben.

Auch auf den Social-Media-Kanälen wie Facebook, Instagram & Co. erlebt man es ja auch immer häufiger, wie dort homo- bzw. transphobe oder auch rechtspopulistische Kommentare aus der Anonymität heraus fast schon gesellschaftsfähig werden. Macht Dir dass Angst?
Angst macht mir das nicht und das sollte es auch niemandem sonst. Weil Angst genau das ist, was die Leute, die solche Hass-Kommentare schreiben, schüren möchten. Angst war und wird auch immer der Motor für radikale Meinungen sein.

Deshalb sollten wir diesen Menschen auch nicht das geben, was sie damit bezwecken möchten. Ich denke, es muss in dieser Hinsicht noch sehr viel Bildungs- und Aufklärungsarbeit geleistet werden, um eine allgemeine Offenheit und Akzeptanz von uns LGBTQIA+ innerhalb der Gesellschaft zu fördern und zu gewährleisten.

Wir sollten gleichzeitig queerphoben, wie auch rechtspopulistischen und fremdenfeindlichen Meinungen keine Plattform geben und entschieden dagegen vorgehen. Es gibt viele Möglichkeiten, Menschen mit radikalen Einstellungen und Meinungen auf Social Media zu melden, zu blockieren oder in ernsteren Fällen auch zur Anzeige zu bringen.

Zum Schluss noch die Frage, was gibt es bei dir in der nächsten Zeit für Pläne, sowohl musikalisch, aber vielleicht auch ganz persönlich?
2021 ist noch jung. Und wer mich kennt, weiß, dass ich Überraschungen liebe. Deshalb lasst euch einfach überraschen! (LEOPOLD schmunzelt)

Sobald es etwas Neues gibt, erfahrt ihr es garantiert zuerst auf meinen Social-Media-Kanälen bei Instagram, Facebook und TikTok.

Mehr über LEOPOLD gibt es unter www.leopold-music.com

 

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