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Anthony Pilavachi

Opernregisseur Anthony Pilavachi

vvg - 26.11.2022 - 12:00 Uhr

ist ein renommierter internationaler Opernregisseur. Neben seinen erfolgreichen Inszenierungen u.a. in Deutschland, Frankreich, Island, Norwegen, Österreich, Schweden, der Schweiz und Spanien, begeisterte er auch das Publikum in Houston/USA oder Taiwan. Er wurde mehrfach als bester Regisseur nominiert und ausgezeichnet und gilt als „Meister der Personenregie und Erfinder der starken Bilder“.

 

Du bist auf Zypern geboren, aufgewachsen in Frankreich; bist irischer Staatsbürger und hast in London studiert, und lebst seit 35 Jahren in Deutschland, wo ist dein Zuhause?

Meine Heimat ist die Bühne und die Welt. Ich nehme von allen Orten das Beste und baue mir meine eigene Heimat damit. Ich fühle mich überall da wohl, wo ich gerade bin. Mein Zuhause ist allerdings Köln, es ist der Ort, zu dem ich immer wieder zurückkomme.

 

Wie viele Sprachen sprichst du?

Sechs Sprachen ganz gut: griechisch, englisch, französisch, italienisch, deutsch und spanisch. Und ich habe mich bemüht, russisch zu lernen, da es viele russische Opern gibt. Ich muss mich mit den Sängern in deren Sprache verständigen.

 

Wie ist es, ständig aus dem Koffer zu leben?

Zuerst einmal angenehm, andere müssen für ihre Reisen und Aufenthalte bezahlen. Ich bekomme Aufträge in viele Städte und Länder und bin da auch immer ein wenig Tourist. Ich liebe es, an einem Ort zu sein, aber nicht das Reisen von Ort zu Ort. Die öffentlichen Reisemöglichkeiten verbessern sich leider nicht.

 

Was wolltest du als Kind werden?

Als Kind lebte ich in Zypern, wo es viele archäologische Stätten gibt. Da baute ich meine eigenen Ruinen und wollte Archäologe werden. Dass es etwas Anderes als Ruinen gab, kam als meine Mutter ins Amphitheater Kourion wollte, keinen Aufpasser für mich fand und mich mitnahm. Als die Vorstellung von Shakespeares „Sommernachtstraum“ begann, war ich hellwach. Ich wusste, ich wollte etwas mit Theater machen. Da war ich sieben und zu Weihnachten bekam ich ein kleines Marionetten-Theater geschenkt.

 

Wie entstand die Liebe zum Musiktheater?

Mit neun war ich zum ersten Mal in Renzo Rossellinis Oper „Die tote Königin“ und meine Begeisterung war geweckt. Dann kam der Krieg in Zypern und wir emigrierten nach Süd-Frankreich. Hier gehörten Theater-, Ballett und Opernbesuche zum Unterricht. Im Fernsehen wurden viele Opern gezeigt. Nach dem Ballett „Coppelia““ habe ich, mit 11 Jahren, an der berühmten Tanz-Akademie in Monte-Carlo/Monaco eine klassische Ballettausbildung begonnen.

 

Wann hast du deine künstlerische Kreativität entdeckt?

Es klingt arrogant, aber ich war immer überzeugt, dass ich Talent habe. Ich wollte dazu die technische Seite des Theaters lernen. Vieles habe ich von Leuten gelernt, denen ich assistiert habe. Ich bin Beobachter im Alltag und in meinem Beruf, allein dadurch lerne ich viel.

 

Macht du bei deinen Inszenierungen Regietheater oder Musiktheater?

Ich mache eher Musiktheater, weil ich aus der Musik heraus inszeniere und nicht die Musik benutze, als wäre sie eine Filmmusik für meine Geschichte auf der Bühne. Allerdings inszeniere ich Opern gern wie einen Film. Mir wird oft vorgeworfen, man erkennt meine bildliche Handschrift bei Inszenierungen nicht. Das ist richtig, denn jede Oper hat schon ihre Handschrift, die in ihrer Handlung und Musik zu finden ist.

 

Hast du Ängste?

Ich habe schon immer Angst vor dem Altwerden. Ich weiß aber, es ist eher die Angst, dass ich meine Kreativität und Phantasie verliere. Meine Phantasie ist aber gewachsen, ich glaube, ich bin heute ein besserer Regisseur als zu Beginn meiner Laufbahn.

 

Wie haben sich Opernaufführungen seit deinen Anfängen verändert?

Als ich mit 20 anfing, standen die Opernsänger in schönen Kostümen auf der Bühne, der Chor stand in Reih‘ und Glied. Die Besucher wollten Stimmen hören.
Heute sind Opernbesucher anspruchsvoller, sie wollen eine Geschichte und keine Steh-Oper. Erst in den 90ern hat sich die Regie-Oper durchgesetzt und eine Inszenierung verlangte mehr Probezeit. Deutschland war der Vorreiter. Willi Decker u.a. war derjenige, der mir lehrte, wie man eine Idee in die „3Dimensionalität“ umsetzt.

© vvg

Inszenierst du mit perfekten Vokalisten oder begabten Schauspielern?

Am liebsten mit Künstlern die beides können. Früher wurde bei der Ausbildung wenig Wert auf Schauspielausbildung gelegt; das ist heute anders. Aber ohne große Stimme geht Oper nicht. Zum Glück kann ich vielen durch meine Ballettausbildung zeigen, wie sie sich besser bewegen können und ich weiß, wie weit sie spielen können. Ich möchte dem Publikum eine Oper wie Champagner servieren und nicht wie Cola Zero.
 

In der Corona-Zeit hast du Opern virtuell inszeniert, liegt nicht der Reiz im Live Erlebnis?

Das Live Erlebnis kann man nicht ersetzen. Es ist wie früher, als prophezeit wurde, das Fernsehen würde Theater und Oper ersetzen. Ein Bildschirm kann die instinktive Spannung, die wir bei einem echten Gegenüber spüren, nicht ersetzen. Ich habe den legendären Tänzer Nurejew als Tanzlehrer haben dürfen und ich habe ihn live auf der Bühne erlebt und es war Spannung, die kein Bilddokument von ihm je einfangen konnte.


Du hast Orffs „Carmina Burana“ und „My fair Lady“ inszeniert, beides keine Opern; inszeniert man da anders?

„Carmina Burana“ - ein Projekt mit dem Tanzforum Köln - wurde im Dresdner Zwinger aufgeführt. Ich konnte die Sänger einbauen in eine Geschichte mit den Tänzern, als wären alle ein Teil des Schauspiels. Und ich konnte mit meiner Balletterfahrung choreografieren, was die anfängliche Ablehnung der Profitänzer in Erstaunen versetzte. Nurejew wollte mich als Balletteleve als Solotänzer verpflichten, dass wussten die ja nicht …
„My fair Lady“ war das Lieblingsmusical meines Großvaters, es war eine Reminiszenz an ihn.

 

Hattest du Vorbilder?

Ja, den Filmregisseur Luchino Visconti. „Die Verdammte“ und „Ludwig II.“ beide mit Helmut Berger haben mich geflasht und ich habe alle anderen Filme von ihm gesehen. Aber auch Antonioni und Rossellini gehören zu meinen Vorbildern. Aus Deutschland hat mich Rainer Werner Fassbinder sehr begeistert.

 

Gibt es Künstler, mit denen du unbedingt einmal arbeiten möchtest?

Ich hatte das große Glück mit Dirk Bach arbeiten zu können. Leider blieb es bei einer einmaligen Zusammenarbeit. Es gibt aber noch jemanden, vorausgesetzt ich finde das richtige Stück, wo ich mir eine Zusammenarbeit wünsche: das wäre Hella von Sinnen. Das weiß sie aber nicht. Ich spüre, dass da mehr ist, als sie bisher zeigen konnte.

 

Hast du Lieblings-Komponisten?

Ich war jahrelang Mozart-Liebhaber und habe fast all seine Stücke inszeniert. Wagner ist wie ein Droge, wenn man damit arbeitet. Es ist wie ein Sog, der einen nicht mehr rauslässt. Ich mag Richard Strauß und es gab eine Puccini-Zeit, bevor ich die Russen Tschaikowski und Prokofjew Komponisten für mich entdeckte:

 

Wie unterscheiden sich Schlager von Helene Fischer von Maria Callas‘ Opernarien; schließlich geht es bei beiden um Liebe und Schmerz?

Durch das Mikrofon. Helene Fischer hat eine unglaublich schöne Stimme nicht nur für Schlager, vielleicht vergleichbar mit Whitney Housten, Amy Weinhaus oder auch Freddy Mercury. Das sind von Natur aus wunderschöne Stimmen, die auch faszinieren, wenn sie das Telefonbuch singen würden.

 

Auch „Dein ist mein ganzes Herz“ die Arie aus dem „Land des Lächelns“ aus dem Jahr 1929 wurde 50 Jahre später durch Heinz Rudolf Kunze ein Riesenhit. Wer begeistert dein ganzes Herz?

Ich bin Single, ich möchte unabhängig bleiben, Ich bin unruhig, immer unterwegs, will ständig Neues sehen und erleben, langweile mich aber ebenso schnell. Die Person, die mit mich ertragen will, muss sehr aktiv sein, wenn wir zusammen sind, muss aber auch auf mich verzichten können, wenn ich unterwegs bin. Das überfordert viele.

 

Wie war dein Outing?

Bis 30 war ich hetero, hatte nie daran gedacht, etwas mit Männern zu machen. Durch einen Schauspieler in Köln, für den es vielleicht nur ein One-Night-Stand war, habe ich diese Welt entdeckt. Eine Zeit lang habe ich zwischen Frauen und Männern gewechselt, heute bevorzuge ich das männliche Geschlecht.

 

Warum scheinen besonders junge Leute so opernresistent?

Ist das so? Ich erlebe eher ein sehr junges Publikum, welche die Art der Geschichtenerzählung in der Oper sehr mag. In Bonn gibt es seit Anfang Oktober die Ausstellung „Die Oper ist tot, die Oper lebt!“, welche sich genau mit diesem Aspekt beschäftigt.

 

Haben schwule Männer mehr Sinn für Opern?

Schwule sind kritischer, reagieren emotionaler und sensibler. Oper verspricht eine Sehnsucht von Harmonie, emotionalen Rausch, erhaben, phantasievoll. Oper ist, wo die Seele fliegen kann.

© vvg

 

In Oper lieben sich die Sopranistin und der Tenor. Mittlerweile kommt eine Inszenierung oft nicht mehr ohne nackte Tatsachen aus?

 

Das ist eher vorbei, weil es fast alle gemacht haben. Ich habe es in meinen Produktionen nie gemacht. Es ist ein Machtspiel zwischen Darsteller und Regisseur, da habe ich viel zu viel Respekt vor den Sängern. Außerdem finde ich ein verpacktes Geschenk spannender. als ein ausgepacktes.

 

Gerade ist das Buch „Dear Dicki - Erinnerungen an Dirk Bach“ zum 10jährigen Todestag erschienen; du hast auch mit ihm gearbeitet …

Ich habe 2009 in Bern im Sommernachtstraum von Benjamin Britten mit Dirk Bach zusammengearbeitet.

Ich kannte Dirk aus meiner Kölner Zeit und habe ihn bewundert. Ich wusste, dass er viel mehr ist als ein Komiker. Amerika und England hatten Charlie Chaplin, Frankreich Louis de Funes, Deutschland hatte Dirk Bach und viele ahnten nicht einmal, wie genial dieser Mann war.

Ich habe ihn in St. Gallen kennengelernt, wo er zur Premiere von „Hairspray“ kam, in welchem Ralph Morgenstern mitspielte. Da ich ihn schon in Köln mit seinem genialen Spiel in der Rolle des Pucks im Sommernachtstraum gesehen hatte, fragte ich ihn unverbindlich, ob er sich das auch in der Opernversion vorstellen könnte. Und er konnte :-).

 

Welche Inszenierungen möchtest du unbedingt noch umsetzen?

Es wäre Tolstois „Krieg und Frieden“, als Oper von Prokofjew. Aber das wäre sehr aufwendig für die Bühne. Sie ist so gigantisch wie der Roman und geht über 5 Stunden. Eine andere ist „Pique Dame“ von Tschaikowski.

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