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„Wir wünschen uns, dass es kein Hingucker ist, wenn zwei Papas mit Kind auftauchen“

PapaundPapi „Wir wünschen uns, dass es kein Hingucker ist, wenn zwei Papas mit Kind auftauchen“

km - 30.01.2021 - 10:00 Uhr

Papa Bjoern (produziert Fernsehsendungen) und Papi Christian (leitender Flugbegleiter) mit Pflegesohn Lukas und Labrador Anton, kämpfen auf ihrem Instagram-Kanal @papaundpapi für das visuelle Bild und die Akzeptanz von Regenbogenfamilien. Mit SCHWULISSIMO sprachen die Eltern über ihren Umgang mit Social Media, Corona, wie alles begann und vieles mehr.

 

Wie kam es dazu, dass ihr einen Instagram-Kanal gestartet habt?
Lukas lebte einige Monate bei uns, und wir waren auf der Suche nach anderen Regenbogenfamilien. Die Auswahl von Regenbogenfamilien in Deutschland war damals allerdings sehr überschaubar. Gleichzeitig dachten wir daran, wie Generationen an Schwulen und Lesben dafür gekämpft hatten, dass wir heute die Rechte haben, die wir eben haben, unter anderem z. B. auch, dass wir heiraten und Kinder als Paar adoptieren oder pflegen dürfen. Und so hatten wir den Gedanken, für kommende LGBTI*-Generationen ebenso etwas bewegen zu wollen – in welcher Größe auch immer. Wir wollten das visuelle Bild von Regenbogenfamilien lauter werden lassen, der Gesellschaft zeigen, dass es einem Kind völlig egal ist, ob es nun von Mama und Papa oder Papa und Papi oder Mama und Mami geliebt wird.

Ebenso wollten wir zeigen, dass das Leben mit einem Pflegekind ein völlig normales sein kann und so vielleicht den Blickwinkel für Paare öffnen, die bisher nur an Adoption dachten.

Wie steht ihr zu Eltern, die Bilder von ihren Kindern posten und aus welchen Gründen habt ihr euch für euren Umgang damit entschieden?
Der Umgang mit sensiblen Inhalten im Netz, dazu gehören vor allem unsere Kinder, ist ein sehr Lapidarer geworden. Wir bedenken bei diesem Medium unser Tun und Handeln immer weniger und hinterlassen Fußspuren, die sich nicht mehr löschen oder nachverfolgen lassen. Stellt euch selber mal die Frage, was ihr im Nachhinein aus eurer Kindheit der Öffentlichkeit gerne gezeigt hättet. Wie wäre es, mit verheultem Gesicht vor dem Fernseher zu sitzen, das lustige Töpfchen-Bild mit Grimasse oder das Schlafen im Kindersitz im Auto – NICHTS davon hätten wir zeigen wollen, und so überlegen wir jeden Tag genau, was wir von Lukas zeigen und was eben nicht.

Im schlimmsten Fall werden die Bilder unserer Kinder dafür verwendet, perverse Fantasien zu befriedigen, möchte sich das jemand als Elternteil auch nur ansatzweise vorstellen?!

PapaundPapi pflegen einen sensiblen Umgang mit ihren Bildern auf Instagram

Ihr wolltet erst adoptieren und wart das Warten dann schnell leid. Nun habt ihr eine Dauerpflege. Welche Tipps habt ihr für Regenbogeneltern, die adoptieren wollen bzw. Pflegeeltern werden möchten?
Man muss unglaublich offen und reflektiert an diese Prozesse rangehen. Die Flut der Fragen sind teilweise überfordernd, wirken vielleicht sogar anmaßend und rufen unendlich viele Emotionen hervor. Man wird vor die nackte Realität gestellt und diese ist in fast allen Fällen bei Adoption oder Pflege nicht schön. Die Kinder bringen sehr oft große Rucksäcke mit, mit denen man umgehen muss. Die Überforderung im Prozess ist nur ein kleiner Teil zu dem, was im Anschluss vielleicht folgt. Daher nie den Kopf in den Sand stecken und sich klar überlegen und benennen, wo die ganz eigenen Grenzen liegen – nicht nur als Paar, sondern auch des Einzelnen in der Beziehung. Es bringt in diesen Prozessen nichts, wenn einer seinen Kopf durchsetzen will, beide müssen jede weiterführende Entscheidung mittragen.

Was hat euch bei diesen beiden Prozessen am meisten überrascht und schockiert?
Wir hatten sehr große Emotionen während der Beantwortung der uns vorliegenden Fragebögen. An mancher Stelle wirkte es, als würde man ein Kind aus einem Katalog aussuchen. Was kann ich mir vorstellen, womit kann ich umgehen? Es war unendlich schwer, sich all diese Eventualitäten vorzustellen und zu „bewerten“.

Natürlich haben uns auch die Geschichten über potenzielle Herkunftseltern und deren Hintergrund schockiert. Aus welchen Situationen Kinder rausgenommen werden müssen, was sie bereits in ihrem kurzen Leben erleben mussten.

Ein Kind aus dem Katalog?

Papa in der Medienwelt und Papi bei einer großen Airline – wie macht ihr das mit Beruf und Familie?
Diese Frage haben wir uns im Vorfeld so oft gestellt. Was sollen wir tun, wie sollen wir das organisieren, muss man sich z. B. auch für oder gegen Karriere entscheiden?

Fakt ist, dass wir das Zusammenspiel von Beruf und Familienleben ganz gut gemeistert bekommen. Dadurch, dass Papi Christian im Schichtbetrieb inkl. Wochenende arbeitet und Papa Bjoern in seiner Terminlegung einigermaßen flexibel ist, funktioniert unser System gut. Natürlich kommen unvorhergesehene Dinge wie Krankheit oder gerade auch die Pandemie dazwischen. Das Schöne ist, auch wenn man manchmal nicht daran denkt, es ergeht allen Eltern so. Und da ist es egal, ob man Praktikant oder Geschäftsführer ist, wenn es um unsere Kinder geht, dann gibt es eben nichts mehr Wichtigeres.

Gibt es politische oder gesellschaftliche Ziele, für die ihr besonders kämpft?
Wir wollen, dass die Gesellschaft versteht, dass es unseren Kindern egal ist, von wem sie geliebt werden. Wir wünschen uns, dass es irgendwann nicht mehr ein Hingucker ist, wenn zwei Papas mit Kind auftauchen, wenn wir als Familie genauso interessant oder uninteressant wie alle anderen sind. Genau da liegt auch unser Grundproblem. Auf der einen Seite wollen wir, dass das Thema kein Thema mehr ist und auf der anderen Seite schaffen wir das aber nur, indem wir das Thema zum Thema werden lassen.

Wie ist eurer Wahrnehmung nach die Akzeptanz von Regenbogenfamilien außerhalb und innerhalb der LGBTI*-Community?
Unserer Wahrnehmung nach gibt es hier die unterschiedlichsten Reaktionen. Für die Gesellschaft außerhalb der Community ist das Bild von zwei Mamas mit Kind normgerechter als zwei Papas mit Kind. Die Anti-Stimmen sind in großen Teilen weniger geworden, trotzdem stolpert die Gesellschaft nach wie vor über uns. Aber auch schon innerhalb der Community gibt es unterschiedliche Sichtweisen, was sehr viel mit dem generellen Wandel der Community zu tun hat. War es früher vielleicht nur wild, so sind wir heute recht bodenständig geworden.

Und trotzdem gibt es natürlich vom Klischee, zu dem keine Kinder passen, bis hin zur größten Sehnsucht, eine eigene Familie zu gründen, alles.

Mit welchen Aussagen und Kommentaren habt ihr regelmäßig zu kämpfen?
Wir müssen tatsächlich sagen, dass sich die negativen Kommentare stark in Grenzen halten. Dafür sitzen dann die wenigen umso mehr. Wir werden z. B. öfter gefragt, ob wir nicht Angst haben, dass Lukas auch schwul wird. Mal abgesehen davon, dass wir keinerlei Angst vor der sexuellen Orientierung unseres Sohnes haben, ist diese These völlig überflüssig und deplatziert.

Gerne wird auch gesagt, dass wir unseren Sohn nicht wie unseren eigenen lieben könnten. Warum nicht? Und wer definiert die Menge von Liebe?

Es ist in Teilen ekelhaft, zu welchen Kommentaren die anonyme Welt von Social Media fähig ist. Jeder hat zu allem eine Meinung, und das tut er auch ganz laut kund.

Familie und Job gut gemeistert - bei dem Kleinen immer ganz Ohr

In der Corona-Zeit werden Eltern ganz schön getestet. Was war für Euch bisher persönlich das Schwierigste am Elternsein in den vergangenen Monaten?
Im ersten Lockdown ist unser Familiensystem so unrund wie nie gelaufen. Der Kindergarten zu, der 2-Jährige unterfordert, mitten in der Autonomiephase zu Hause, wir in einer Schockstarre, was da draußen gerade passiert. Jetzt, fast ein Jahr weiter, hat man sich zwangsweise an so viele Zustände gewöhnt. Wir haben unser System – Papa Bjoern im Homeoffice, Papi Christian in Kurzarbeit – einigermaßen gefunden und schaffen es, die Sorgen nicht dauerhaft dem Kind zu zeigen. Am schwierigsten fällt uns die Akzeptanz, dass die Zeit der Entwicklung von Lukas nicht mehr wiederkommt. Wir würden gerade durch die Welt reisen, ihm ganz viel zeigen, Museen und Zoos besuchen und seinen Wissensdurst versuchen zu stillen. Wir würden mit ihm am Wochenende in die Stadt fahren und uns in Straßen-, U-Bahnen und Cafés setzen. Natürlich machen wir uns unsere Welt bunt und Lukas fällt nicht wirklich auf, dass inhaltlich gerade etwas fehlt, aber WIR wissen es, und das macht uns manchmal traurig.

Welche Tipps habt ihr für Eltern in der Corona-Zeit?
Wir denken, dass das Wichtigste ist, dass wir als Eltern einigermaßen gut aufgestellt sind. Die Kleinen dürfen und sollen auch mal Emotionen mitbekommen. Sie sollen sehen, dass es auch uns mal schlecht geht. Am Ende helfen uns aber vor allem klare Strukturen innerhalb des Tages. Das kann ein regelmäßiger Spaziergang in der Mittagspause, das Telefonat mit einem lieben Menschen, der Zaunkontakt mit dem Nachbarn sein. Als Paar muss man sich gegenseitig Inseln schaffen, wo der jeweils andere Luft holen kann.

Ihr seid eine sehr reisebegeisterte Familie – was gab es in den Corona-Zeiten für Familienurlaub-Alternativen?
Klare Nummer 1 der Urlaubsalternativen war für uns letztes Jahr das Campen. Wir sind beide im Wohnwagen groß geworden, Papa Bjoern im Urlaub, Papi Christian durch den Beruf seiner Eltern. Eigentlich stand diese Form des Urlaubs nicht mehr wirklich zur Debatte, aber mit Kind und dann mit Corona kam das Thema wieder auf.

Und so haben wir es letztes Jahr ausprobiert, für großartig empfunden und unseren eigenen Wohnwagen gekauft.

Träumer (links) und Macher (rechts) - Ein gutes Team

Ihr sagtet mal, ihr seid Träumer (Papi) und Macher (Papa). Wie sehr hilft euch das bei euren anstehenden Projekten und in der Erziehung?
Nach zehn Jahren Beziehung sehr viel. Wir haben ein unglaublich tolles Level des Zusammenspiels erreicht. Wir wissen, was der jeweils andere kann oder eben auch nicht. Manchmal will man vielleicht etwas ausprobieren, aber meist tut man am Ende doch das, was man am besten kann. Die Kombipackung aus Träumer und Macher könnte großartiger nicht sein. Wenn der Papa zu klar nach vorne rennt, hält Papi ihn für einen Moment fest und zeigt die Seitengassen. Wenn Papi zu lange stehen bleibt, nimmt Papa die Hand und führt weiter. Klingt theoretisch toll, ist in der Praxis ein unendlich langer Weg in einer Partnerschaft und hat viel mit Respekt und auch eigener Akzeptanz zu tun.

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