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Peter Urban // © NDR/Christian Spielmann, Archiv

Peter Urban Journalist, Musiker und Radiomoderator

vvg - 05.05.2022 - 10:00 Uhr

Er ist der Mann, dessen Stimme zum Eurovision Song Contest gehört, wie Joan Collins zum Denver Clan. Er kennt sich beim ESC aus wie kein Zweiter und seine Kommentare sind Kult.

SCHWULISSIMO ist stolz, parallel zum 66. ESC in Turin das Interview zu präsentieren.

DOUZE POINTS.

Sie sind bekannt wie ein bunter Hund – Was können Sie über sich sagen, was wir noch nicht von Ihnen wissen?
Dass ich ein fanatischer Sportfan bin, sehr viele Fußballspiele – bevorzugt aus der britischen Premier League – schaue, dazu jedes alpine Skirennen.

Seit wann sind Sie der ESC-Mann und wie führte Sie der Weg dahin?
Seit 1997 in Dublin, für Deutschland sang Bianca Schomburg die Siegel-Produktion „Zeit“. Der beim NDR verantwortliche Jürgen Meier-Beer, mit dem ich große Rock-Events im TV realisiert hatte, fragte mich Anfang 1997, ob ich nicht deutscher Kommentator des ESC sein wolle. Ich war erst zögerlich, mein Verhältnis zum Contest hatte sich in den 80ern und 90ern merklich abgekühlt, aber die Herausforderung eine große Musikshow live im Fernsehen zu kommentieren war verlockend – und sie fand ja jedes Jahr in einer anderen Metropole Europas statt!

Mit ihrer Stimme erobern Sie die Herzen der Zuschauer und Zuhörer – gab es auch schon mal Ärger durchs ge- bzw. versprochene Wort?
Na ja, allen kann man es nie Recht machen. Als ich die wunderbare Chiara 1998 mit dem Begriff „runder Beitrag“ lobte, gab es Diskriminierungsvorwürfe und als in Düsseldorf 2011 alle Kommentarleitungen ausfielen und ich auf Sender meinen Unmut äußerte, gab es Ärger.

Was war ihr persönlichster ESC-Moment, der für sie immer im Gedächtnis bleibt? (gerne auch zwei Gründe) 
Nach Lenas Sieg musste ich durch die Halle zur Bühne hetzen, um Lena zu interviewen. Ich war so außer Atem, dass ich kaum ein Wort herausbrachte – unvergessen. Und fünf Minuten vor Beginn meiner ersten Sendung in Dublin, kamen Polizisten mit Spürhunden in unsere Kabine, um nach Sprengstoff zu suchen, dazu war gerade die Tonverbindung zur Regie in Hamburg abgebrochen, alles sehr beruhigend!

Was war in all den Jahren ihr beliebtester Song / beliebtester Sänger / beliebteste Sängerin?
Liebster Song: „Amar pelos dois“, Sänger war und ist Salvador Sobral und natürlich als Sängerin France Gall.

Und wie oft hatten Sie das richtige Gewinner-Näschen?
Nicht immer, aber doch einige Male: 2000 Olsen Brothers, 2012 Loreen (was ja wohl nicht schwer war!), 2018 Netta.

Warum ist besonders die LSBTI*-Szene immer so ESC-verrückt?
Ich habe keine eindeutige Antwort. Weil der ESC in Zeiten der Vorurteile und Diskriminierungen einen Ort zum Treffen und gemeinsam Feiern darstellte?

Warum schwärmen gerade schwule Männer so für den ESC?
Mir war das bis Dublin gar nicht klar, so „geheim“ und „intern“ lief das ab. Früher stimmte vielleicht die Theorie, dass der ESC eine tolle Bühne für Glamour, Glanz und Kitsch bot – aber das ist seit Ende der 90er vorbei.

Auch Künstler aus der LSBTI*-Szene sind mit großem Erfolg dabei – gab es deshalb schon mal echte Probleme? Nein, im Gegenteil.

Es gab immer Künstler aus der Szene und ich fand es großartig, als Paul Oscar – als einer der ersten – das offen zu Sprache brachte. Und der Triumph Conchitas 2014 war eine fantastische gesellschaftspolitische Demonstration für Vielfalt und Toleranz in Europa.

Warum sehen alle immer so verdammt gut aus?
Aber spricht man bei den Ladies nicht nur über das, was sie anhaben?

Gut und interessant auszusehen war immer wichtig, es ist ja ein TV-Event. Aber das genügt nicht mehr, man muss gut singen, performen, präsentieren. Die Outfits sind wichtig, auch für Kommentatoren, allerdings könnte ich mir einige Bemerkungen zu „gewagten“ Auftritten, die aber mit Absicht so inszeniert wurden, heute kaum noch erlauben, sofort kämen Sexismus-Vorwürfe.

Wer waren die „Wiederholungstäter“, also mehrmals beim ESC?    
Johnny Logan, Lena, Cliff Richard und Vicky Leandros.  

Welche Sänger stiegen von 0 auf 1 und hatten den größten Erfolg? 
Das hängt davon ab, wie man das interpretiert, in Deutschland, im UK, Europa, USA?

Sicherlich gehören dazu ABBA, Loreen und Maneskin, aber auch der Schwede Frans, der 2016 nur Fünfter wurde, aber mit „If I were sorry“ einen großen Hit hatte, der noch immer im Radio läuft – und Domenico Modugno, der 1958 Dritter war und sein Song als „Volare“ ein Welthit wurde.

Gab es sogenannte „No Names“, die durch den ESC zu Weltruhm gelangten?    
Loreen und jetzt Maneskin, Celine Dions Weltruhm ist sicher nicht durch den ESC entstanden, sondern durch ihre späteren Erfolge in den USA.                                                 

Und Stars, die mit ihrem Auftritt ihrem Image schadeten?     
Engelbert, der live leider schlecht sang, DJ Bobo und Bonnie Tyler.                                                                                    

Ist ein Gewinner-Song auch immer ein kommerziell erfolgreicher Hit?
Nein, die ESC-Geschichte hat gezeigt, dass ein Hiterfolg des Gewinners eher die Ausnahme ist und theoretisch könnte auch der Letzte einen Hit landen – das ist aber noch nicht passiert.

Welche Länder und Sänger lieferten sich die seltsamsten Auftritte?    
Guildo Horn 1998, Dima Bilan mit der Eislauf-Show 2008, Lordi 2006, 2008 Dustin The Turkey für Irland, Verka Serduchka (Ukraine) 2007, Buranowski Babushki, die russischen Omas 2012, Zdob si Zdub für Moldau 2005 mit der trommelnden Großmutter.

Was waren die größten Skandale beim Contest? 
Der Begriff „Skandal“ ist sehr dehnbar, für die BILD sind Dinge ein Skandal, die für andere normal sind. Aber aufsehenerregend waren sicher t.A.T.u. 2003, Dana International 1998, Conchita 2014, Daniel Diges 2010 (weil ein Flitzer seinen Auftritt störte und er noch einmal singen durfte).                                                                                                  

Was waren die politischsten Ereignisse, die mit dem ESC verknüpft waren?   
Der Sieg der Ukraine 2016 mit einem politischen Song über Kriegsgewalt Russlands unter Stalin und der darauffolgende Boykott Russlands beim ESC 2017.

Der Song wird ja leider aus aktuellem Anlass gerade wieder gespielt.                                                     

Warum schneidet Germany mit seinen Beiträgen meist immer so schlecht ab?
Wenn der deutsche Beitrag interessant und originell ist, gibt es auch gute Ergebnisse wie Guildo 1998, Raab 2000, Michelle 2001, Lena 2010 & 2011, Roman Lob 2012, Michael Schulte 2012 – also nicht so selten!

Das bedeutete, die deutsche Auswahl musste optimiert werden, was ja passiert ist.

Gab es Unmut, weil sich immer wieder Länder gegenseitig Stimmen zuschoben?
In früheren Zeiten öfter, aber das hat sich seit der Neuorganisation der Semifinals und der Wiedereinführung der Jurys verbessert. Natürlich gibt es noch immer Freundschaftspunkte für Nachbarn, aber auch weil Kultur und Musikgeschmack ähnlich sind. Das wirkt sich aber nur im Mittelfeld der Rangliste aus, wenn man unter die ersten fünf kommen will, muss man gute Wertungen aus ganz Europa erhalten, egal ob von Nachbarn, alten oder neuen Freunden.

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