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Thomas Wien-Pegelow

Privates A-B-C Ausgequetscht - Thomas Wien-Pegelow

vvg - 21.05.2023 - 17:00 Uhr

ist für seine einzigartigen Kreationen bekannt. Wir haben das „tapfere Schneiderlein“ mal durch sein ganz privates A-B-C ausgequetscht.

Alltagsmode

„Alltagsmode“ heißt für mich: mit der Mode gehen, immer up-to-date sein und dem Trend folgen. Das mache ich nicht. Ich bin Designer und Schneider, der nicht die Fast-Fashion Sparte bedient. Ich entwickle Einzelstücke und Unikate, wenn ich mit Privatkunden arbeite.

Beziehung

Unsere Beziehung führen wir seit 33 Jahren, darüber gab es auch im letzten Jahr die WDR-Dokumentation „Menschen hautnah - unsere Liebe hält für immer“. Es war sehr interessant, weil man rückblickend das Ganze mit Abstand sehen kann. Anfangs hat es nicht gefunkt: Manfred war ziemlich Öko, ich war sehr modebewusst. Wichtig für unsere Beziehung ist, dass wir nicht nur als Paar auftreten, sondern auch unsere individuellen Sachen machen!

CSD

Mein erster CSD war vor 30 Jahren in Marburg, Seit fast 25 Jahren nehmen wir zumeist als Gruppe von 10 – 15 Leuten in mottogerechten Kostümen teil. Wir machen zuvor ein Brainstorming, ich gebe sicher als Fachmann einige Tipps, aber jeder kreiert und näht sein Kostüm selbst.

Design    

Design ist mehr als eine Idee zu haben.
Ich finde es schade, dass sich jeder, der etwas entwirft, heutzutage Designer nennen kann, weil der Titel nicht geschützt ist. Ich habe 4 ½ Jahre Design studiert und erachte es als notwendig, um fokussiert arbeiten zu können. Man lernt Ideen zu entwickeln und sich dann auf das Wesentliche zu konzentrieren. Eine Idee erschöpft sich nicht in einer einmaligen Umsetzung, man kann mit ihr unendlich vielfältig sein. Die Farben und Formen der Natur sind für mich eh das größte und vielfältigste Design.

Entwürfe

Meine Entwürfe entstehen im Kopf und werden dann umgesetzt. Ich bringe eigentlich einen Entwurf nur zu Papier, wenn es für meinen Auftraggeber wichtig ist.  

Freedom

Ich bin glücklich mit meinem Mann und unserem Leben. Seit 20 Jahren bin ich selbstständig und ich würde nichts anders mehr machen wollen. Wir leben in einer tollen Stadt in der richtigen Größe und ich habe die Freiheit, so zu leben, wie ich leben möchte.

Gendern

Ich arbeite als einziger Mann nur unter Frauen in einer Ateliergemeinschaft. Ich denke, ich habe ein klares Gleichheitsempfinden, lege aber nicht jedes Wort auf die Genderwaage. Jeder soll nach seiner Fasson leben und reden.

Homos-Heteros

Die Schwulen waren bzw. sind in vielen Dingen Vorreiter. Viele Modeschöpfer waren/sind nun mal schwul - wobei Kreativität und Stilempfinden eigentlich nichts mit sexueller Orientierung zu tun haben. Es gibt auch viele Einflüsse aus der „heterosexuellen Welt“, z.B. die Musik- und Filmbranche übt einen starken Einfluss auf Modetrends aus.

Interessen

Ich singe seit über 30 Jahren in schwulen Chören. „Tucktett und die zwei Sybillen“, „Die fetten koketten Soubretten“ und „Herren mit Damen“ habe ich mit meinem Mann gegründet. Corona bedingt kam eine Singpause. Derzeit nehme ich wieder Gesangsunterricht, bei Alexandra Gauger (Frl. Caesar). Mit der Zeit schleichen sich Unsauberkeiten oder falsche Techniken ein und dagegen muss man arbeiten. Singen macht mir immer gute Laune. Wenn nicht Sänger, würde ich im nächsten Leben Koch werden, weil ich beim Kochen genauso kreativ sein kann wie in der Mode.

© vvg

Jugend-Wahn

Ich würde mich nie operieren oder spritzen lassen. Man wird halt älter, na und? Ich stehe zu meinen Falten, Haare nachfärben kommt auch nicht in Frage. Ich erliege nicht der Versuchung, mich jünger zu machen, in der Hoffnung attraktiver zu wirken.
Entweder hat man Ausstrahlung oder nicht.

Kollegen

Wir sind eine Ateliergemeinschaft mit acht Selbstständigen, das ist ein Glücksgriff in meinem Leben, so findet immer ein Austausch statt, man hilft und unterstützt sich gegenseitig. Das ist deutlich besser als alleine in einem kleinen „Stübchen“ vor sich hinzuwerkeln.         

Life Ball

Der Life-Ball war ein Riesenevent in Wien und ich war mit meinen Mann acht Mal dabei. Wir hatten uns mit Kostümfotos beworben und bekamen so „Kreativtickets“. Ursprünglich war der Ball eine Veranstaltung für und mit Schwulen und Lesben für die AIDS-Foundation. Anfangs gab es Promis als Unterstützer, aber irgendwann kippte es so, dass die Promis wichtiger wurden als der eigentliche Grund des Events. Seit HIV nicht mehr tödlich, sondern behandelbar ist, sprangen Sponsoren ab, so dass der Life Ball eingestellt wurde.

Medien

Wir waren bei CSDs und beim Life Ball wegen unserer Kostüme häufig in den Medien zu sehen. Auch einige Prominente wollten mit uns fotografiert werden. In Erinnerung geblieben sind mir: Dagmar Koller, Sophie Ellis Baxter und Ève Salveil, ein kanadisches Topmodel, die im „Das Fünfte Element“ mitspielte.

No-Go

Mein absolutes No-Go ist, wenn jemand ungepflegt ist. Auch als Modedesigner wird mein ästhetisches Empfinden manchmal arg stark strapaziert. Andererseits denke ich: Leben und leben lassen.

Outing

Mit 23 habe ich im Chor „Homophon“ beim „Huren und Schwulen-Ball“ in der Halle Münsterland gesungen. Irgendeine Boulevardsendung eines Privatsenders filmte und meine Bekannten und Verwandten haben den Bericht gesehen. Damit war alles klar. Mein Freundeskreis, meine kleine Schwester waren schon eingeweiht und meine Mutter hat es sowieso gewusst …

Promis

Da ich öfter Jobs für Comedy-Shows, Filmen und Serien fürs Fernsehen mache, kleide ich einige Promis ein. Dabei habe ich nur durchweg positive Erfahrungen gemacht. Einige kommen vom Maßnehmen bis zur Anprobe, andere habe ich noch nie zu Gesicht bekommen. Angefangen hat es mit Dieter Bohlen für DSDS und Hugo Egon Balder für eine Spielshow. Aber auch Anke Engelke, Bastian Pastewka, Bülent Ceylan, Caroline Kebekus, Martina Hill, Cindy aus Marzahn, Daniel Hartwig und Prince Damian haben schon von mir hergestellte Kleidung getragen. Ich arbeite viel mit Stylisten zusammen, die mit meiner Arbeit zufrieden sind und mich deshalb weiterempfehlen.

Qualität

Wenn ich als Maßschneider für Kunden arbeite, achte ich auf Qualität von Stoffen und Verarbeitung. Ich bediene keine Fast Fashion, weil es eine schnelllebige Mode ist, die einen Trend bedient, fünf Mal getragen und danach weggeworfen wird oder schon auseinander fällt …

Routine

Ich gehe täglich in mein Atelier und habe regelmäßige Arbeitszeiten, da ich auch Azubis und Praktikanten habe. Handwerklich gibt es sicher Routinen, aber ich bediene einen sehr breit gefächerten Bereich, seien es Fetisch-Mode, große Abendkleider, ausgefallene Kostüme oder Displayfiguren, und gerade in Köln der ganze Karnevalsbereich. Es gibt nichts, was ich nicht mache. Wir probieren neue Materialien, jeder Kunde ist besonders und anders, also da habe ich keine Angst, dass mir die Routine den Spaß nimmt.

Szene

Szene ist für mich, dass man seinen Rückzugsbereich hat und unter Gleichgesinnten sein kann. Was ich schade finde, dass leider zu viel digital passiert. Ich mag das direkte Gegenüber, das Gespräch, das Flirten und gemeinsames Feiern. z.B. beim Stammtisch der Stattgarde, die ja aus der Szene kommt und zur Szene gehört, und für die ich seit 15 Jahren die Uniformen schneidere.

Transformation

Als ich jünger war, ging ich öfters im Fummel auf eine Party, weil ich das lustig fand und Spaß dran hatte. Wenn ich heute im Kleid gehe und mich schminke, ist es entweder bei einem Chorauftritt, beim CSD oder einem Kostümball, aber nie privat. Beim Chorauftritt fühle ich mich als „Frau“ auf der Bühne wohler, der Rollenwechsel fällt mir da leichter.

Umwelt

Das Thema Fast Fashion hatten wir schon. Privat: Beim Einkaufen kaufe ich frische Sachen und nie zubereitete Speisen. Ich suche nach Lebensmitteln, die nicht oder möglichst wenig verpackt sind. Ich fahre nur Fahrrad, unser Auto nutze ich nur, wenn ich mal schwere Dinge transportieren muss. Ich schneidere meine Kleidung so, dass sie langlebig ist, repariere oder mache upcycling - wie man neudeutsch sagt - und verwende zumeist nur natürliche Stoffe, auch wenn ich damit den Motten oft einen Gefallen tue :-).

Vorbilder

Vorbilder habe ich keine. Ich bewundere viele Künstler: Karl Lagerfeld, JP Gaultier, Vivienne Westwood und derzeit Thom Browne, der vor Ideen übersprudelt; aber es sind keine Vorbilder. Während und nach meinem Studium gab es viele Mode-Ikonen, von denen man sich inspirieren lassen konnte. Aber jeder Schneider, jeder Designer, der auch Künstler ist, entwickelt seinen eigenen Stil.

Werdegang

Bundeswehr, kurzes Mathematikstudium, Schneiderlehre, Schnitttechnikausbildung, Designstudium, 5 Jahre C&A, ein halbes Jahr Australien und danach selbstständig. Nach dem Abi musste ich mich zwischen Mathe oder Mode entscheiden. Das Interesse an Mode hat gewonnen. Bei Mathe muss man auch kreativ sein, es prägt das Vorstellungsvermögen. Aber dann säße ich heute vorm Computer und hätte wahrscheinlich zu viel Routine.

XXL

XXL ist keine neue Modeerscheinung, die Richtung gab es aber schon immer. Junge Menschen fühlen sich in der Pubertät, wenn sie dann erwachsen werden, oft nicht wohl in ihrem Körper und tragen gerne übergroße XXL-Klamotten.  

Yellowpress

Lese ich nicht: Brauche ich Inspirationen oder Informationen, informiere ich mich online in diversen Foren, wo ich sehe, was gerade modern ist, was auf dem roten Teppich getragen wird etc.. Aber natürlich lese ich analog die schwulen Magazine, u.a. SCHWULISSIMO :-).

Zukunft

Ich möchte gesund bleiben, vor allem was Augen und Hände betrifft, und das unser Leben so schön bleibt, wie es ist. Zum Jahresende planen wir zum 13. Mal Australien, Freunde besuchen. Wir haben vor 20 Jahren sieben Monate in Australien gelebt und haben vor allem Sydney lieben gelernt. Australier sind liebenswert und sehr offen, ohne oberflächlich zu sein. Und die Chorgeschichte wird in Zukunft hoffentlich auch wieder umgesetzt. (vvg)

 

 

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