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Schwule Daddys und lesbische Mütter

Schwule Daddys und lesbische Mütter Welche Erwartungen haben LGBTI*-Familien an die Politik?

ms - 01.10.2022 - 16:00 Uhr

Die Sommerpause ist vorbei und die LGBTI*-Community blickt erwartungsvoll auf die Ampel-Koalition – ein Versprechen, das die neue Regierung im Januar 2022 gemacht hat, ist die Reform des Abstammungsgesetzes. Was für Außenstehende wie eine bürokratische Formalität klingt, könnte für Betroffene zu einem Befreiungsschlag werden, denn die bisherigen Regeln bedürfen nicht nur starker Nerven und viel Durchsetzungskraft, sondern bis heute auch einer Prise Glück und oftmals finanziellen Grundvoraussetzungen.

Vielleicht ein Grund, warum es noch immer relativ wenige, sogenannte Regenbogenfamilien in Deutschland gibt – gerade einmal rund 10.000 an der Zahl. Der Lesben- und Schwulenverband Deutschland bekräftigt allerdings, dass die offiziellen Zahlen der tatsächlichen, bereits gelebten Vielfalt in der Bundesrepublik nicht gerecht werden, schlicht weil in der Statistik viele Familien mit gleichgeschlechtlichen Paaren gar nicht erst als solche registriert worden sind. Das Kernproblem ist dabei das bisherige Abstammungsrecht, das bei einem lesbischen Paar nur die leibliche Mutter rechtlich anerkennt. Die zweite Mutter muss ein klassisches Adoptionsverfahren durchlaufen – die Ampelkoalition will dies bis 2023 ändern und zudem auch andere Familienkonstellationen abseits von Mutter-Vater-Kind rechtlich vereinfachen und stärken. Noch immer werden Eltern in Regenbogenfamilien auch vorschnell sexualisiert und man blickt mit einem gewissen Argwohn auf diese Konstellation. Der Vater ist nicht einfach nur ein Vater, er ist ein schwuler Vater. Überzeugt werden können die Skeptiker oftmals nicht mit Fakten, denn bereits mehrere Studien der letzten Jahre aus Deutschland, Italien und den Niederlanden haben schlüssig bewiesen, dass Kinder in Regenbogenfamilien keinesfalls schlechter oder sexualisierter aufwachsen. Ein Umdenken erreicht man nur durch das tagtägliche Vorleben. SCHWULISSIMO wollte es genauer wissen und fragte nach bei Christian Schneider, er ist Vater von zwei Jungen im Alter von 5 und 7 Jahren und erzieht seine Kinder zusammen mit seinem Ehemann Markus und den beiden lesbischen Müttern Claudia und Petra. In zwei Wohnungen leben sie eng beieinander in einer kleinstädtischen Region nahe München.

 

Christian, die Bundesregierung plant zahlreiche Verbesserungen. Sind die Hürden für Regenbogenfamilien denn so groß wie oftmals beschrieben?

Nein, sind sie nicht. Die sind noch viel größer. Ich hatte schon viele Jahre den Wunsch, Vater zu werden und hatte dann das große Glück, einen Partner zu finden, der genauso denkt. Hätten wir aber damals bis ins letzte Detail gewusst, was auf uns in der Realität zukommt, hätte uns vielleicht der Mut verlassen. Und das ist meiner Meinung nach ein sehr trauriges Urteil für die Situation, der sich Regenbogenfamilien bis heute in Deutschland ausgesetzt sehen. Ein Beispiel: Man braucht als nicht biologisches Elternteil verschiedene Rechtsgutachten, die belegen sollen, dass man wirklich ein würdiger Adoptionspartner ist. Du wirst auf Herz und Nieren geprüft und fühlst dich dabei wie ein vollkommen Fremder. In dieser Zeit lebst du aber bereits mit deinen Kindern zusammen, die dich Papa oder eben Mama nennen. Vor dem Gesetz bist du unsichtbar und das weißt du, das hast du ständig im Hinterkopf. Viele Eltern erleben im Alltag ganz viele Situationen, wo sie in irgendeiner Form Stellung beziehen müssen für ihre Kinder. Beim Gespräch mit einer Kindergärtnerin, beim Einkaufen, überall. Du hast als homosexuelles Elternteil in dieser Zeit immer im Kopf: Ich bin eigentlich ein Fremder, hoffentlich merkt das niemand oder fragt genauer nach. Du fühlst dich wie ein Lügner und das macht etwas mit einem, ob man will oder nicht. Zudem kostet es viel Geld, wir reden hier, auf die ganze Zeit gesehen, von vielen tausend Euro – andere fahren davon ein paar Mal richtig schön in Urlaub. Bei unseren beiden Kindern hat es jeweils drei Jahre gedauert, bis alles rechtlich tatsächlich abgeschlossen war. Drei Jahre! Klingt das nicht absolut absurd und lächerlich? Das einzig Positive, so seltsam es klingt, ist, dass du während dem ganzen Prozess so sehr mit bürokratischen Anfragen zugeworfen wirst, dass du gar nicht so richtig die Zeit dafür findest, in Ruhe darüber nachzudenken. Rückblickend allerdings empfinde ich es als eine bodenlose Unverschämtheit.

 

Abseits von den rechtlichen Problemen, erleben viele Regenbogenfamilien auch alltägliche Situationen, in denen ihnen unwillkürlich gezeigt wird, dass sie keine “richtige“ Familie seien. Kennst du solche Fälle auch?  

Stellenweise Ja, allerdings muss ich auch sagen, dass, soweit ich das beurteilen kann, viele schwule und lesbische Paare viele Jahre lang überlegen, ob sie wirklich Kinder wollen und vor allem, wie und wo. Sprich, man überlegt sehr genau, in welchem Umfeld möchte ich meine Kinder aufziehen? Welche Region, welcher Kindergarten, welche Schule, welches soziale Umfeld könnte es ermöglichen, dass die Kinder so normal wie möglich aufwachsen können. Ich kann natürlich nicht für alle Regenbogenfamilien sprechen, aber die, mit denen ich mich unterhalten habe, haben das alle so gehandhabt. Daher haben wir das große Glück, dass wir direkt persönlich sehr wenig Anfeindungen erleben, einfach aber auch, weil wir sehr genau entschieden haben, wo wir leben wollen. Nicht in der großen Stadt, aber auch nicht auf dem tiefsten Land. Eine Region mit wenig sozialem Sprengstoff und guten Bildungsmöglichkeiten. Am Ende bedeutet das wieder: Man muss es sich leisten können. Unsere beiden Jungs haben einen tollen Freundeskreis und die Eltern ihrer Freunde sind bis auf einen Fall alle heterosexuell. Von diesen Eltern hat niemand ein Problem mit unserer Regenbogenfamilie, sicher aber auch deswegen, weil wir von der ersten Sekunde an sehr offen damit umgegangen sind. Und, das klingt jetzt sehr nach Klischee, aber weder ich noch mein Mann noch die beiden Mütter sind besonders extrovertiert, sprich ich trete auch vor den anderen Eltern mit ordentlicher Hose und Hemd auf und öffne nicht Samstagmittag im Doggy-Outfit dem Postmann die Tür. Ich bitte das nicht falsch zu verstehen, in meinem Freundeskreis gibt es durchaus homosexuelle Freunde, die lustvoll ihren Fetisch ausleben und das ist absolut in Ordnung. Wenn du Kinder willst, setzt du aber irgendwann andere Prioritäten und du fragst dich auch, was dir wichtiger ist: Soll mein Kind möglichst friedlich aufwachsen oder ist es mir wichtig, auch als Daddy nackt auf dem Pride mitzulaufen? Beides kann auf Dauer schwierig werden. Generell aber, wenn man offen mit der Familienkonstellation umgeht, verliert man auch sehr schnell diesen Exoten-Status. Man muss aber auch sagen, dass unsere Jungs in einem Montessori-Schul-Kindergarten untergebracht sind, da sind die Eltern anders drauf als in einer Einrichtung mit staatlicher oder religiöser Leitung.

© iStock / Vanessa Nunes

Und wie ist der Umgang der Kinder untereinander?

Ich habe noch nie erlebt, dass ein Kind damit ein Problem hat, ehrlich, noch nie. Wenn, dann waren es immer die Eltern, die den Kindern solange einreden, an einem homosexuellen Paar sei etwas falsch, bis die das zwangsweise übernehmen. Kein Kind ist von Grund auf homophob, das sind gegebenenfalls nur die Eltern. So einfach ist das. Alle Freunde unserer Jungs haben mit uns kein Problem, einfach auch, weil sie sehen, bei uns läuft es ziemlich genauso ab wie bei ihnen zu Hause auch. Und die Kinder checken sehr schnell, dass unsere Jungs die gleichen Probleme manchmal mit uns haben wie sie mit ihren Eltern, denn klar, Eltern sind auch manchmal aus Sicht der Kinder echt nervig. Da gibt es auch bei schwulen oder lesbischen Eltern keinen Sonderbonus. Der beste Freund unseres größeren Jungen hat allerdings erst vor kurzem bei einem Sommerfest seinen Eltern erklärt, er wolle auch einmal einen Mann heiraten, denn er will den Bauernhof seines Großvaters übernehmen und zwei Männer könnten einfach mehr anpacken als ein Mann allein. Ob er so auch noch denkt, wenn er in die Pubertät kommt, werden wir ja sehen.

 

Da sind wir aber genau auch bei einem Punkt, dem sich Regenbogenfamilien immer noch stellen müssen, dieser Form der Übersexualisierung oder schlicht dem Vorwurf, homosexuelle Eltern würden ihre Kinder schwul oder lesbisch machen.

Kurzum, das ist einfach nur unfassbar dumm. Homosexuelle Eltern machen Kinder schwul? Wer das denkt, sollte selbst keine Kinder haben, denn er offenbart damit ein dermaßen großes Unverständnis für das Wesen der Dinge, dass es gut ist, wenn seine Dummheit nicht in die nächste Generation weitergetragen wird. Kindern zu unterstellen, sie könnten schwul werden, weil sie sich das irgendwie von zwei Papas abschauen oder weil wir sie homosexuell erziehen, ist albern. Kinder interessieren sich nicht für die Sexualität der Eltern, ganz gleich, ob diese homo- oder heterosexuell ist. Und wie bitte sollen wir unsere Kinder homosexuell machen? Sollen wir ihnen den ganzen Tag ABBA vorspielen?

 

Erlebst du denn ansonsten im Alltag noch einen anderen Umgang mit euch als Regenbogenfamilie?   

Regenbogenfamilien werden oftmals noch nicht mitgedacht, zum Beispiel in Broschüren von Kindergärten oder Schulen. Aber ich empfinde es persönlich nicht als Herabsetzung, natürlich freue ich mich, wenn langfristig auch Familien abseits des einstmals klassischen Modells einbezogen werden, beispielsweise könnte man einfach von “Eltern“ sprechen anstatt von Mama und Papa. Nur sind das am Ende des Tages für mich Bagatellen, mir ist wichtig, dass Menschen mir und meinen Kindern mit Respekt begegnen, und nicht, ob ihr Anschreiben korrekt formuliert ist. Ich brauche keine Vielfalt auf dem Papier, sondern von Auge zu Auge im echten Leben. Das ist, was für mich und für unsere Kinder zählt.

 

Blicken wir von euren Kindern einmal zu euch: Ist es für schwule oder lesbische Paare anders, ein Kind zu haben, als für heterosexuelle?

Ja, da gibt es Unterschiede, schlicht, weil das Coming Out zu einer lebenslangen Begleiterscheinung in deinem Leben wird. Als schwuler Mann ohne Kinder hat man zumeist irgendwann sein Outing durch, als schwuler Vater endet das niemals. Immer wieder wirst du damit konfrontiert, vor Ämtern, Behörden, neuen Kollegen, Freunden und Eltern deiner Kinder, Urlaubsbekanntschaften, beim Autokauf oder im Supermarkt nebenbei oder ganz direkt deiner Außenwelt zu zeigen oder zu sagen, dass du homosexuell und Vater bist, also sozusagen ein fortlaufendes, zweifaches Coming Out. Aber: Ich mache das gerne, auch wenn es manchmal Kraft kostet. Wir alle vier haben uns sehr bewusst dazu entschieden, Eltern sein zu wollen, das war kein “Unfall“ nach einer hitzigen Nacht wie andernorts vielleicht. Ich glaube, es gibt selten abseits von homosexuellen sonst Elternpaare, die so lange, ausführlich, kritisch und selbstkritisch alle Aspekte durchdenken, bevor sie den finalen Schritt wagen. Nebst alle den Fragen, die sich ein heterosexuelles Paar vielleicht stellen mag, kommen bei homosexuellen Paaren noch tausend weitere Fragen obendrauf.  Aber ich kann für uns alle sprechen, wenn ich sage, es war für uns die Sache wert!

 

Was willst du deinen Kindern mit auf den Weg geben?

Unsere Kinder lernen bei uns ganz automatisch, dass Menschen sehr unterschiedlich sein können und dürfen und trotzdem alle Respekt, Akzeptanz und Liebe verdienen, auch wenn man das Gegenüber vielleicht einmal nicht sofort versteht. Unsere Jungen können sich frei von althergebrachten Denkmustern bewegen. Doch am Ende wünsche ich meinen Kindern das, was sich alle Eltern wünschen: Sie sollen glücklich und zufrieden werden. Und wir sagen ihnen dabei ständig, egal was passiert, ihr könnt immer und jederzeit zu uns kommen, wenn ihr das wollt. Wir sind da.

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