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QUEER-Artist Nils Peter

Vielfalt in der Kunst QUEER-Artist Nils Peter

vvg - 15.02.2022 - 09:00 Uhr

In den Arbeiten Nils Peters prallen unterschiedliche Sphären aufeinander. Geschlechterklischees werden kritisch hinterfragt, aufgelöst, neu konstruiert und zu raumgreifenden Konzepten verschmolzen. SCHWULISSIMO traf den Künstler in den Vorbereitungen zu seiner aktuellen Ausstellung.

 

Nils, stell dich doch bitte mal mit kurzen Worten vor:
Ich bin 1991 in Wolfenbüttel geboren, in Braunschweig aufgewachsen und habe dort bis 2018 Freie Kunst studiert. Parallel dazu habe noch eine Ausbildung als Tätowierer gemacht. Seit 2018 bin ich offiziell als freischaffender Künstler und Tätowierer tätig. Vor ein paar Monaten – im November 2020 – bin ich nach Köln umgezogen: der Liebe wegen.

Wie entstand der Wunsch, den Beruf des Künstlers zu wählen?
Solange ich denken kann, war ich schon immer kreativ, habe in der Schule Ärger bekommen, weil ich meine Hefte „vollgekritzelt“ habe, entwarf eigene Monster und Pokémons. Durch Manga und Anime habe ich meinen Zugang zur Kunst bekommen, habe gelernt anatomisch zu zeichnen, habe angefangen Szenerien, Geschichten und Charaktere zu entwickeln. Das wurde von meiner Familie immer unterstützt. Ich durfte als Kind an den Kursen der Jugendkunstschule teilnehmen und war in einem Begabten-Förderprojekt des Landes Niedersachsen, wo es einmal im Monat mehrere Stunden zusätzlichen Kunstunterricht gab.

Nach der Schule stellte sich die Frage, wo es im Leben langgehen soll und zusammen mit meiner damaligen besten Freundin, die sehr prägend für meinen Werdegang war, haben wir uns an der Kunsthochschule beworben. Die Freundin lebt übrigens heute als trans Mann.

© VVG
© VVG

Wie würdest du deine Kunst beschreiben?
Ich definiere ich mich als Queer-Artist: Im weitesten Sinne geht es mir darum, mit klassischen Rollenklischees aufzuräumen, gewohnte Blicke zu irritieren, Normen zu unterwandern und zu dekonstruieren und an anderer Stelle umgeordnet aufzubauen. Ursprünglich habe ich mich ausschließlich auf die Gay-Community, besonders die Bärenszene bezogen, habe aber festgestellt, das ist nur ein Teil des Ganzen.

Im Studium wurde ich oftmals dazu aufgefordert noch radikalere Arbeiten zu fertigen und noch mehr Schwänze in den Bildern auftauchen zu lassen als ohnehin schon. Irgendwann habe ich gemerkt, dass mich das nicht weiterbringt.

Ich fand es reizvoller die Vielfältigkeit der Szene abzubilden, die über weitaus mehr Identitäten als nur Mann und Frau, schwul, lesbisch, bi oder hetero verfügt. Ich musste meinen Blick erweitern und möchte andere dazu auffordern, es mir gleich zu tun.

Welche Mittel nutzt du, um dich künstlerisch auszudrücken?
Fotografie, Zeichnung, Acryl-Malerei, Tätowierung, Textarbeiten und digitale Bearbeitung.
Aktuell fertige ich digitale Collagen, in denen ich Zeichnung und Fotografien miteinander verschmelzen lasse.

Ist denn ein Kunststudium für einen Kreativen erforderlich?
Ich denke fifty-fifty. Grundsätzlich kann man auch als Autodidakt erfolgreich sein. Aber wir leben hier in Deutschland und in dem Moment, wo du etwas auf dem Papier vorlegen kannst, ist der Zugang zu weiterführenden Stipendien, Künstlersymposien und Ausstellungsprojekten deutlich einfacher. Durch den Abschluss eines Kunststudiums hat man eine klare Legitimation für das eigene Schaffen.

Dazu kommt, dass man im Studium Zugang zu speziellen Werkstätten und neuen Arbeitstechniken erhält, was anderweitig nur viel schwieriger möglich wäre. Auch wird man oft gezwungen eine gewisse Komfortzone zu verlassen, was zur künstlerischen Entwicklung entscheidend beiträgt.

Was kam zuerst: Foto oder Malerei?
Zuerst gab es die Druckgrafik, die Fotografie kam dazu und wurde die Basis für die Malerei. Ich habe sogar über meine Kunst erst mein Coming Out gehabt.

Wie ist dein Verhältnis zu schwarz/weiß bzw. zu farbigen Arbeiten?
Ich mag beides, besonders aber harte Kontraste. Beim Fotografieren arbeite ich ausschließlich digital und meist in Farbe. Danach wandele ich das so, wie es mir passt. Als Tätowierer bevorzuge ich Blackwork oder auch Old-School und Neotraditionelle Designs, das ist so meins. Zurzeit gibt es nur leider – nach der aktuellen Rechtslage – nur eine einzige, zulässige Tattoo-Farben-Marke und die ist natürlich überall ausverkauft. Das ist alles völlig absurd.

Der Titel eines deiner Werke ist: „Why do things come to my mind only when I am pissed off!”
Früher war ich oft nach folgendem Motto künstlerisch kreativ: „Get your heart broken – most creative boost ever!“. Aus Trauer, Wut und Verletzungen habe ich sehr viel Kraft, Ideen und Kreativität gezogen. Heute lebe ich in einer sehr glücklichen Beziehung, bin froh über den Ortswechsel, sodass ich mir andere Quellen der Inspiration suchen muss.

Sehen schwule Künstler die Welt anders?
Mich als schwulen Künstler zu bezeichnen – davon habe ich mich schrittweise distanziert und bezeichne mich heute als Queer-Artist. Die Welt ist vielfältiger über die Szene hinaus. Schwule Kunst hat sicher Berechtigung, aber mir wäre es zu limitiert und repetitiv. Ich suche ständig nach neuen Herausforderungen.

© VVG
© VVG

Unterstützt dich dein Partner in der Kunst?
Ja, sehr. Er hat früher auch als Künstler und Fotograf gearbeitet und man kann sagen sehr erfolgreich. Er ist mein größter Kritiker, aber auch gleichfalls meine rechte Hand. Er gibt oft wichtige Impulse und vielleicht setzt er zukünftig auch wieder eigene, künstlerische Projekte um.
Wir haben uns aber nicht über die Kunst kennengelernt, sondern über eine Dating-App (Growlr).

Wo sind deine Kunstwerke momentan zu sehen?
Es gibt vom 3. Februar bis zum 3. März eine aktuelle Ausstellung im MATjÖ – Raum für Kunst in Köln. Ich würde mich freuen, Leser der SCHWULISSIMO nicht nur zur Vernissage begrüßen zu können. Man findet mich ansonsten auch im Netz auf meiner Homepage (nils-peter.de) oder auf Instagram (nilspeter.atelier).

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