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„Das Vermächtnis“ // © Sandra Then
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„Das Vermächtnis“ Philipp Stölzl inszeniert „Das Vermächtnis“ von Matthew Lopez am Residenztheater in München

Redaktion - 10.06.2022 - 09:00 Uhr

Mit „Das Vermächtnis“, wie das Stück des US-Amerikaners mit Latino-Wurzeln Matthew Lopez heißt, ist hier wohl die Schwulenbewegung und die Aids-Epidemie als Hinterlassenschaft und Auftrag an die nächste, gegenwärtige Generation gemeint. Das Original ist „The Inheritance“ betitelt, dessen Zwilling „Heritage“ ein notorisches Modewort ist, das es schon bis auf die Rücken von Designerstücken geschafft hat. Doch Modedesigner begegnen uns hier nur in den leider ein wenig zu wenig extravaganten Kostümen von Kathi Maurer. (Gucci-Sneaker sind ok.)

Matthew Lopez vergegenwärtigt in seinem Stück „Das Vermächtnis“ ein Panorama 40jährigen schwulen Lebens in all seinen Facetten, d. h. von der Stricherbeziehung bis zur Heirat, vom Selbstmord bis zum gelingenden Leben.

Hauptakteure sind zwei Paare: die Mittfünfziger Walter Poole (Michael Goldberg) und Henry Wilcox (Oliver Stokowski) und die zwanzig Jahre jüngeren Eric Glass (Thiemo Strutzenberger) und Toby Darling (Moritz von Treuenfels). Walter und Eric sind die großen Liebenden, Henry und Toby die Erfolgreichen, aber auch Egoisten und Egozentriker. Vorangetrieben und kommentiert wird die Handlung von den ganz in Schwarz gewandeten Freunden der Protagonisten, wodurch es der ansonsten konventionellen Inszenierung erschwert wird, Drive aufzunehmen. Und ausgerechnet die stillste Szene entwickelt den meisten Drive, die Geisterszene, in der Eric die ihm unbekannten bekannten Aidstoten umarmt. Bei schwächer werdendem Licht gewinnt sie umgekehrt proportional emotional an Fahrt und berührt stark. Über 200 Infizierte wurden damals in Walters Landhaus in den Tod begleitet, darunter auch der Sohn von Margaret. Eine durchgeistigte und moderat modische, jünger als in der Wirklichkeit aussehende Nicole Heesters, die eine Wandlung vom Saulus zum Paulus durchgemacht hat, berichtet ganz am Schluss der mit Pausen siebeneinhalbstündigen Aufführung vom Sterben ihres 25jährigen Sohnes. Erwähnt werden muss unbedingt auch noch die für das Erbe, bzw. das Vermächtnis zuständige Figur, der Schriftsteller Edward Morgan Forster (1879-1970), hier einfach „Morgan“ gerufen, dem vorgehalten wird, seinen 1913 geschriebenen offen schwulen Roman „Maurice“ zurückgehalten zu haben, dafür aber hier nun seine bemerkenswerte Poetik verrät, nämlich die Identität von Geist und Leben, von Körper und Geist. Eine erotische Berührung, sozusagen ein Epaphos-Moment, hat bei ihm die künstlerische Kreativität hervorbrechen lassen.

Doch zurück zur Gegenwart des Stücks. Wir sind im Jahr 2016 der Präsidentenwahl in den USA. Einige sind aktiv als Wahlhelfer für Clinton beteiligt. Eric, der jüdische Angestellte, ist noch auf der Suche nach seiner Bestimmung im Leben. Seit sieben Jahren lebt er in einer offenen Beziehung mit dem karrieremachenden Schriftsteller Toby Darling. Als der erfährt, dass er nicht länger in Erics großer New Yorker Wohnung in bester Lage bleiben kann, annulliert er sein Heiratsversprechen und versucht ständig verzweifelt woanders anzudocken. Schließlich erkennt er sein (selbst)zerstörerisches Potential und begeht Selbstmord. Eric heiratet dagegen, vor dem Hintergrund des Verlusts seiner günstigen Wohnung, den milliardenschweren Immobilienentwickler Henry Wilcox. Dessen Mann Walter, mit dem Eric freundschaftlich verbunden war, ist gerade an Krebs gestorben. Von ihm erbt Eric das bereits erwähnte Landhaus, welches in der 80er Jahren zum Hospiz geworden war. Doch Eric schlägt die finanzielle Absicherung in den Wind und trennt sich von Henry. Er möchte an den Schwierigkeiten des Lebens wachsen und ihnen furchtlos gegenübertreten, um so seine geistige und menschliche Weiterentwicklung nicht zu gefährden. Was ihm vergönnt ist, indem Bildung zu einem kathartischen Phänomen für ihn und Andere wird. Auch Henry wird sich ganz am Ende noch seiner Fehler bewusst und sieht einer lebendigen Zukunft entgegen.

So gelingt Matthew Lopez in „Das Vermächtnis“ eine „durch und durch positive Utopie der Zuwendung dem Anderen gegenüber“, wie Ewald Palmetshofer zu Recht im Programmheft schreibt. Es lohnt sich dieses fein austarierte Stück, diese Utopie, die da anknüpft, wo Tony Kushners ebenfalls zweiteiliges Theaterstück „Engel in Amerika“ aufhörte und dessen Utopie noch ins Jenseits verlegt wurde, zu besuchen: Die Army of lovers wird Realität.

Termine:   
24.06.22 Teil 1;
25.06.22 Teil 2;
26.06.22 Teil 1&2

Residenztheater in München

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