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Das erste queere Museum öffnet seine Tore // queerbritain.org.uk
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Vielfältig und informativ Ein Museum für alle inmitten queerer Unruhen in Großbritannien

mg - 28.04.2022 - 15:15 Uhr

London ist nicht nur eine der queersten Metropolen Europas, sondern auch Hotspot für Kulturinteressierte und Freunde von ausgiebigen Stunden in Museen – ein ganz besonderes Highlight öffnet nun in London seine Tore. Das erste LGBTI*-Museum mit dem Namen Queer Britain hat sich zur Aufgabe gemacht, die vielfältige und spannende Geschichte der LGBTI*-Community in Großbritannien und darüber hinaus interessierten Besuchern nahezubringen. Im Herzen von London, am Granary Square in King´s Cross, öffnet das Museum erstmals am 05. Mai.

Das Museum umfasst vier Galerien, eine Werkstatt, einen Bildungsraum und einen Geschenkeladen. Der Eintritt ist kostenlos. Finanziert wird das Museum vom Art Fund und zahlreichen Spenden. Im Jahr 2018 ins Leben gerufen, freut sich das Team von Queer Britain darauf, nun endlich loslegen zu können, so Direktor Joseph Galliano: "Es ist an der Zeit, dass das Vereinigte Königreich ein LGBTI*-Museum für alle hat. Und wir freuen uns, dass wir mit dem Art Fund als erstem Vermieter unser erstes Zuhause am wunderschönen Granary Square gefunden haben. Es ist ein erstklassiger Standort, der für weite Teile des Landes zugänglich ist und in einem Stadtteil mit einem reichen queeren Erbe liegt.“

Nebst den aktuellen Ausstellungen verfügt Queer Britain auch über ein reichhaltiges Archiv, das für die Öffentlichkeit sowie für Forscher im Bishopsgate Institute zugänglich bleiben wird. In wechselnden Ausstellungen soll dabei die ganze Bandbreite des queeren Lebens in Großbritannien angemessen zur Geltung kommen. Die Eröffnungsausstellung “Welcome to Queer Britain" wurde von Matthew Storey, Kurator des Historic Royal Palaces und Spezialist für die queere Geschichte Großbritanniens gestaltet.

Die britische und internationale Presse feiert das Projekt als mutigen Schritt, um die queere Geschichte des Landes in all ihren Formen zu feiern – gerade in einer Zeit, in der die queere Community immer wieder weltweit angegriffen wird und auch in Großbritannien die Anfeindungen und gewaltvollen Übergriffe gegenüber queeren Menschen im gesamten Vereinigten Königreich wieder stark zunehmen. Als ein besonderer Stachel im Fleisch dürfte sich das Museum auch für die Londoner Polizei erweisen, denn die Met Police war in den vergangenen Monaten immer wieder intern wie extern durch extrem homophobes Verhalten negativ aufgefallen.

Die Geschichte des Landes gerade mit Bezug auf Queerness und Homosexualität bietet genug Stoff für mehrere Museen. Erst vor einem knappen halben Jahrhundert entkriminalisierte Großbritannien teilweise Homosexualität, wobei auch nach der Verabschiedung des Sexual Offences Acts (Gesetz über sexuelle Straftaten) im Jahr 1967 die Verurteilungen schwuler Männer wegen grober Unsittlichkeit sogar noch zunahmen. Die Ausbreitung von AIDS in den 1980er Jahren, die eine ganze Generation schwuler und bisexueller Männer dahinraffte, führte zu einer weiteren Verhärtung der Einstellungen gegenüber homosexuellen Menschen. Die aufgebrachte Stimmung gipfelte im berühmten Paragrafen Section 28, der die "Förderung" von Homosexualität in Schulen verbot - die erste Anti-Homosexuellen-Gesetzgebung seit 1885. Erst in den 1990iger Jahren verschwanden die queerfeindlichen Gesetze nach und nach – das Schulverbot indes erlebt anderenorts in den USA gerade eine Renaissance.

Im britischen Museum wird auch Platz für queere Vorreiter und Ikonen der Community sein, darunter Menschen wie der Labour-Abgeordnete Leo Abse, der sich für die Entkriminalisierung von Homosexualität einsetzte, die erste lesbische Abgeordnete namens Maureen Colquhoun, die ein Outing des Parlaments forderte oder auch Diana, Prinzessin von Wales, die dazu beitrug, das Stigma von AIDS zu überwinden. Im Gespräch mit dem Guardian beteuert das Vorstandsmitglied der muslimischen LGBTI*-Gruppe Großbritanniens, Anjum Mouj, dass dieses Museum für alle da sei. Sie erhofft sich, dass sowohl queere als auch heterosexuelle Menschen das Museum besuchen, dass Eltern ihre queeren und heterosexuellen Kinder mitnehmen und dass das Museum über die Grenzen Großbritanniens hinaus an Bekanntheit gewinnen wird. Das erste Ziel ist gesteckt – Queer Britain will im ersten Jahr 26.000 Besucher begrüßen können. 

Aktuell kämpft Großbritannien gerade um ein Verbot von Konversionstherapien – nach vierjährigen politischen Ränkespielen kündigte die Johnson-Regierung jüngst an, ein Verbot gesetzlich ohne die Einbeziehung von trans-Menschen durchsetzen zu wollen. Die schottische Regierung erklärte daraufhin, ein eignes Verbot auf den Weg zu bringen, das nebst homo- und bisexuellen Menschen auch trans-Personen vor unseriösen Heilungsangeboten schützen soll. Es gibt also noch immer viel zu erzählen in der Geschichte der queeren Community des Vereinigten Königreichs.   

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