Direkt zum Inhalt
Jeder fünfte Schwule hat Chemsex

Gedenktag für Drogentote „Viele der Toten hat eine verfehlte Drogenpolitik das Leben gekostet!“

ms - 21.07.2022 - 10:00 Uhr
Loading audio player...

In mehr als 90 Städten, begleitet von rund 400 queeren Gruppen und weiteren Vereinen wird heute am “Gedenktag für verstorbene Drogennutzer“ an die Verstorbenen und die Drogenpolitik in Deutschland gedacht, die massiv in der Kritik steht. Die Deutsche Aidshilfe bekräftigte ihr Statement, dass nur eine neue Drogenpolitik weitere Todesfälle verhindern kann – das betrifft in besonderem Maße auch die queere Party-und Sexkultur-Szene, in der bis heute gerne zu illegalen Substanzen gegriffen wird. Insgesamt 34.000 Menschen verloren in Deutschland ihr Leben, seit der Gedenktag im Juli 1998 erstmals begangen wurde. In der Bundesrepublik finden nun am 25. Gedenktag unter Schirmherrschaft des Drogenbeauftragten der Bundesregierung, Burkhard Blienert (SPD), mehr als 90 Gedenkveranstaltungen statt. Eine zentrale Botschaft dabei: Viele der Toten könnten noch leben! Allein im vergangenen Jahr ist die Zahl der Drogentoten auf 1.826 Menschen angestiegen – so viel wie noch nie zuvor.

 „Viele der Toten hat eine verfehlte Drogenpolitik das Leben gekostet. Wer das Gedenken an die Verstorbenen ernst nimmt, muss alles dafür tun, dass in Zukunft mehr Menschen überleben. Wir brauchen jetzt endlich den Start in eine neue Drogenpolitik mit einer kontrollierten Abgabe von Substanzen und dem vollen Spektrum der Risikominimierung sowie eine solide finanzierte Drogenhilfe vor Ort“, so Sven Warminsky vom Vorstand der Deutschen Aidshilfe (DAH). Zu den vielfältigen Gründen für “drogenbedingte“ Todesfälle zählen vor allem verunreinigte Substanzen vom Schwarzmarkt, zu wenige Möglichkeiten, beim Konsum Gesundheit und Leben zu schützen, ständige Strafverfolgung und Inhaftierung sowie nach Angaben der DAH oft ein Leben auf der Straße und am Rande der Gesellschaft. Dabei stellt der Verein zudem fest: „Die Prohibition, also ein Totalverbot des Erwerbs und Besitzes von Substanzen, hat zudem ihr Ziel verfehlt. Noch nie waren so viele verschiedene Drogen von unbekannter Qualität so preiswert und leicht erhältlich wie heute. Und: Noch immer werden wissenschaftlich evaluierte Maßnahmen zum Schutz von Leben und Gesundheit aus ideologischen Gründen zurückgehalten.“

Aktuelle Zahlen in puncto Drogenkonsum gerade innerhalb der queeren Szene gibt es so für Deutschland nicht, allerdings vergleichbare Daten aus Österreich: Rund 20 Prozent der LGBTI*-Menschen haben hier regelmäßig Chemsex. Untermauert wird dieser Wert zudem von der europaweiten EMIS-Studie, die aufzeigt, dass diese Ergebnisse für ganz Europa Gültigkeit haben – jeder fünfte schwule Mann hat gelegentlich Sex unter Drogen, für sieben Prozent sind illegale Substanzen ständige Begleiter beim Sexualverkehr. Die Beweggründe, warum vor allem schwule Männer oftmals Crystal Meth, Mephedron oder GHB und GBL einnehmen, gleichen sich zumeist: Unter Einfluss der Drogen erleben schwule Männer den Sex als intensiver, zudem fallen Hemmschwellen. Dabei gelangen in immer kürzerer Zeit neue und teils lebensgefährliche, gemischte Substanzen auf den Markt. Die Zahl der Vergiftungen durch Überdosierung ist insgesamt um 167 Prozent angestiegen.

„Wenn Konsumierende Drogen kaufen oder besitzen, dürfen sie nicht weiter bestraft werden. Die Kriminalisierung zwingt Menschen förmlich in die oft zitierte Abwärtsspirale, aus der sie sich irgendwann nicht mehr befreien können. Wer glaubt bitte noch ernsthaft, dass Verfolgung und Gefängnisaufenthalte Menschen dazu bringen, sich vom Drogenkonsum zu lösen?“, so DAH-Vorstand Warminsky weiter. Die Bundesregierung hat neue Wege in der Drogenpolitik angekündigt, bisher allerdings noch nicht geliefert. Auch die geplante legale Abgabe von Cannabis an Erwachsene ist noch nicht weiter vorangeschritten. Für die DAH wäre dies ein erster wichtiger Schritt, um dem Schwarzmarkt den Nährboden zu entziehen. Die DAH weiter: „Das Ziel muss schließlich eine kontrollierte Abgabe auch von Heroin, Kokain und Amphetaminen an Erwachsene sein – in jeweils geeigneter Form. Diese Maßnahmen werden den Drogenkonsum nicht sofort beseitigen, aber sie schützen Konsumenten und können der organisierten Kriminalität und dem Schwarzmarkt mit seinen lebensbedrohlichen Folgen wirkungsvoll die Stirn bieten.“ Auch Angebote der Schadensminderung wie das sogenannte Drug Checking (Experten vor Ort prüfen Drogen auf Reinheitsgehalt und Wirkstoffe) müssten sofort ausgeweitet werden. Gerade die Idee der legalen Abgabe auch von harten Drogen ist indes durchaus umstritten – Kritiker bemängeln, dass so die Zahl der Drogenkonsumenten massiv ansteigen könnte.

Ein Problem könnte allerdings ohne Widerstand direkt angegangen werden: Die Drogenhilfen vor Ort sind oft drastisch unterfinanziert. Steigende Konsumentenzahlen und neue psychoaktive Substanzen würden mehr und differenziertere Angebote, auch HIV- und Hepatitis-Testangebote erfordern, so die DAH weiter. Vorstand Sven Warminsky abschließend: „Wir trauern um Zehntausende Menschen, noch viel mehr Familien und Freunde haben ihre Liebsten verloren. Abschreckung und Kriminalisierung sind auf ganzer Linie gescheitert. Es ist Zeit, Schluss mit dieser unnötigen Tragödie zu machen. Wir sind schon lange bereit zum Aufbruch, aber die Politik hat die Schlüsselrolle.“

Anzeige
ANZEIGE
ANZEIGE
ANZEIGE
ANZEIGE
ANZEIGE
ANZEIGE
ANZEIGE
ANZEIGE

Auch Interessant

Aufsehen um neue HBO-Serie

Schwules Leben und Lieben in Polen

Die neue polnische Serie "Proud" porträtiert das Leben von jungen Schwulen und sorgt im Land derzeit für viel Aufregung.
Prominente Kritik an US-Agenda

Im Fokus ICE-Jugendhaftzentrum

Über 200 Prominente, darunter Madonna, Billy Porter oder Javier Bardem, fordern die Schließung einer ICE-Haftanstalt für Kinder und Familien in Texas.
HIV in Schottland

Keine neue Infektionen bis 2030?

Schottland ist auf dem Weg, HIV-Übertragungen bis 2030 ganz zu beenden, dazu bedarf es allerdings jetzt mehr Einsatz der Regierung, so Fachverbände.
Schwere Lage in Australien

Queere Menschen in Down Under

Die Lage für queere Menschen in Australien habe sich innerhalb von knapp zehn Jahren verschlechtert, betonte jetzt die Menschenrechtskommission.
Depressionen bei Jugendlichen

Erneute Zunahme der Fallzahlen

Abermals sind die Fälle von Depressionen bei Jugendlichen angestiegen, besonders belastet sind dabei queere Minderjährige.
Anhörung im Fall Uganda

Sitzung im kanadischen Parlament

Homosexuelle aus Uganda haben sich in einer Anhörung an Kanada gewandt und erhoffen sich mehr Schutz für Schwule und Lesben.
Japan prüft Öffnung der Ehe

Beratungen des Obersten Gerichts

Seit Jahren wird in Japan über die Einführung der Ehe für alle gestritten, nun hat sich endlich das Oberste Gericht der Sache angenommen.
Neues Verbot in Frankreich

Jugendliche und Social-Media

Frankreichs Senat stimmte für ein Social-Media-Verbot einiger Plattformen für Jugendliche. Ungewiss ist, ob das Gesetz nicht gegen EU-Recht verstößt.
25 Jahre Ehe für alle

Niederlande feiert Jubiläum

Heute vor 25 Jahre führten die Niederlande als erstes Land weltweit die gleichgeschlechtliche Ehe ein, ein Meilenstein für die Community.