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Bricht die US-Gesundheitsversorgung zusammen?
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LGBTI*-Community in Angst Schwule, Lesben und Transgender sind von Verboten massiv bedroht

ms - 29.07.2022 - 10:00 Uhr

Immer mehr geht in diesen Tagen in der amerikanischen LGBTI*-Community die Angst um – das liegt zum einen an den immer drastischeren Gesetzesvorhaben, die sich explizit gegen queere Menschen richten, zum anderen aber auch an der berichtigten Sorge, dass die Obersten Richter am Supreme Court vielleicht noch in diesem Jahr das Recht auf gleichgeschlechtliche Ehe rückgängig machen könnten. Nun kommen noch weitere Sorgen hinzu und es steht die Frage im Raum: Bricht die Gesundheitsversorgung für LGBTI*-Menschen schrittweise und flächendeckend zusammen?

Nachdem jetzt die jüngsten Zahlen über die dramatischen Schließungen von Abtreibungskliniken bekannt geworden sind, befürchten viele Amerikaner, dass im Zuge weiterer Gesetze auch für Schwule, Lesben und Transgender lebenswichtige Praxen und Gesundheitszentren wegfallen werden, explizit beispielsweise HIV-Schwerpunkteinrichtungen, Zentren für die sexuelle Gesundheit und Geschlechtskrankheiten, psychologische Beratungsmöglichkeiten für Homosexuelle oder auch Anlaufpraxen für die medizinische Behandlung von trans-Menschen. Die Geschäftsführerin von GLAAD, eine der landesweit größten LGBTI*-Organisationen in den USA, Sarah Kate Ellis bestätigte Ende dieser Woche die Sorgen der Community: „Wir erleben eine alarmierende Zunahme von Anti-LGBTI*-Gesetzen, die direkt auf den Zugang zur Gesundheitsversorgung für LGBTI*-Personen abzielen.“

Derweil mussten in den vergangenen Wochen mehr als 40 Kliniken für Schwangerschaftsabbrüche in den USA schließen, so die jüngsten Zahlen. Die meisten davon befanden sich in Texas, Oklahoma und Alabama. Nach Angaben des Guttmacher Instituts, einer NGO und Kooperationspartner der Weltgesundheitsorganisation, haben inzwischen bereits elf Bundesstaaten im Süden und im Mittleren Westen der USA den Abbruch von Schwangerschaften vollständig verboten, weitere Gouverneure arbeiten gerade an neuen gesetzlichen Verschärfungen. US-Beobachter gehen davon aus, dass in mehr als 30 Bundesstaaten Abtreibungen spätestens bis 2023 wieder illegal werden könnten. Gleiches droht Schwulen und Lesben, wenn tatsächlich die gleichgeschlechtliche Ehe als Grundrecht aufgehoben werden wird – auch hier werden mehr als die Hälfte aller Bundesstaaten die Homo-Ehe erneut als illegal einstufen.

Im Zuge dessen befürchten viele LGBTI*-Amerikaner, dass bereits vorab sozusagen als vorauseilender Gehorsam viele Kliniken, die bisher spezialisiert auf LGBTI*-Menschen sind, vorab schließen oder sich anderweitig ausrichten werden. Vieles wird von den Zwischenwahlen abhängen, die im November die Mehrheitsverhältnisse neu regeln und im schlimmsten Fall der Republikanischen Partei mehr politische Macht geben könnten. Präsident Joe Biden hatte zwar erst Anfang dieser Woche angekündigt, staatliche Gesundheitsprogramme, die Versorgung explizit für LGBTI*-Menschen und das Recht auf eine adäquate Gesundheitsversorgung gerade auch für queere Personen rechtlich in einem geplanten neuen Passus des sogenannten Affordable Care Act festlegen zu wollen (SCHWULISSIMO berichtete), aber wie realistisch die Pläne tatsächlich sind, bleibt fraglich. Spätestens bei einer Verschiebung der Machtverhältnisse Ende des Jahres könnte daraus nicht mehr als eine nett gemeinte Luftnummer werden.

Noch perfider lesen sich für viele LGBTI*-Amerikaner da auch die Ideen einiger republikanischer Gouverneure, queere Gesundheitsversorgung sowie die Abtreibung auch in anderen Bundesstaaten zu einer Straftat zu erklären. Die letzte Hoffnung für viele wäre bis jetzt die Möglichkeit, bei Bedarf als ungewollt schwangere Frau oder LGBTI*-Mensch notfalls in einen anderen Bundesstaat zu fahren, um dort medizinisch versorgt zu werden, beispielsweise auch bei der Versorgung von trans-Menschen. Die Idee der konservativen Hardliner: Es zählt künftig nicht mehr der Ort, an dem die Behandlung stattgefunden hat, sondern der Bundesstaat, aus dem der Patient kommt – ist dort eine Abtreibung oder eine medizinische Versorgung für queere Menschen verboten, macht sich die betroffene Person strafbar, auch wenn sie sich in einem anderen Bundesstaat versorgen lässt. Die Sorge und die Angst vieler LGBTI*-Menschen wächst so von Woche zu Woche immer mehr und es steht die bange Fragen im Raum: Was können wir überhaupt noch dagegen tun?  

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