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Polizeiwillkür in der Türkei
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Polizeiwillkür in der Türkei Schwuler Portugiese sitzt ohne Anklage 20 Tage im Gefängnis.

ms - 26.07.2023 - 10:00 Uhr

Ein besonders skurriler Fall von Polizeiwillkür wurde jetzt in der Türkei bekannt – am Rande der Pride Woche in Istanbul Ende Juni war auch ein Urlauber aus Portugal festgenommen worden, einfach weil er „schwul“ aussah. Er blieb 20 Tage lang inhaftiert, bevor er nur auf Druck der portugiesischen Botschaft wieder freigelassen wurde – bis dahin erlebte er ein Martyrium im Gefängnis.

Festnahme, weil er schwul aussieht

Der Portugiese Miguel Alvaro machte Urlaub in der Türkei und fragte einen Polizisten nach dem Weg – er wollte sich mit einem Freund zum Mittagessen treffen. Alvaro, der selbst schwul ist, wusste nicht, dass in der Nähe gleichzeitig eine nicht genehmigte LGBTI*-Messe stattfand.

Für die türkischen Polizisten war klar, dass Alvaro ein Demonstrant sei, einfach weil er schwul aussah, wie die Beamten ihm auch direkt mitteilten. „Sie haben mich an den Armen gepackt und ich habe versucht, mich zu befreien. Einer von ihnen schlug mir in die Rippen, sie stießen mich gegen einen Lieferwagen, sie schlugen mir auf die Schulter, die zu bluten begann“, so Alvaro gegenüber dem britischen Radiosender LBC.

20 Tage im Gefängnis

Insgesamt 13 Stunden wurde Alvaro im Polizeitransporter festgehalten; zuerst sperrte man ihn anschließend in eine Haftanstalt für illegale Einwanderer. Er selbst erklärte, die Laken in der Zelle wimmelten nur so vor Maden. Anschließend wurde er in ein Gefängnis nahe der syrischen Grenze gebracht – der Transport dauerte rund 17 Stunden. Hier durfte er schließlich seinen Vater anrufen, der die portugiesische Botschaft in der Türkei alarmierte – erst 20 Tage später wurde Alvaro schlussendlich freigelassen.

Gefängnisinsassen drohten mit Gewalt

Gegenüber dem Radiosender erklärte er weiter, dass er tagtäglich von anderen Gefangenen immer wieder bedroht worden sei, einfach nur, weil er schwul ist. Er schlief so gut wie gar nicht während seiner Zeit in Haft, aus Angst, im Schlaf angegriffen zu werden.

Des Weiteren sei die Lage auch im Gefängnis selbst menschenverachtend gewesen, die Insassen bekamen so beispielsweise kaum Wasser oder anderweitig Verpflegung. Das Erlebnis habe ihn in einen „schrecklichen psychologischen Zustand“ versetzt. Und weiter: „Ich habe große Angst vor den Konsequenzen in der Zukunft. Ich kann nicht glauben, dass mir das passiert ist. Ich war zur falschen Zeit am falschen Ort.“

Türkei – eine Gefahr auch für LGBTI*-Urlauber

Gegenüber LBC erklärte Alvaro abschließend, er würde allen LGBTI*-Menschen dringend abraten, die Türkei zu besuchen – auch als Urlauber könne das ein lebensbedrohliches Unterfangen sein. Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan geht seit Jahren mit aller Radikalität gegen Homosexuelle und queere Menschen vor, bei der Pride-Woche in Istanbul in diesem Jahr kam es gleich mehrfach zu Verhaftungen, während die Community versuchte, ein Zeichen für mehr Akzeptanz zu setzen. Konkrete Zahlen gibt es nicht, Human Rights Watch geht allerdings davon aus, dass allein in dieser Woche mindestens 149 Menschen verhaftet worden sind.  

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