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Professor Hendrik Streeck // © vvg
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Im Interview Professor Hendrik Streeck

vvg - 16.12.2020 - 09:00 Uhr

„Wir schützen zu wenig jene, die ein höheres Risiko haben, z.B. in Altenheimen. Das wäre durch bessere Kontrollen möglich, wurde aber im Sommer nicht angegangen.“

Professor Hendrik Streeck ist einer der Top-Virologen in Deutschland.  Seit Oktober 2019 ist er Professor für Virologie und Direktor des Institutes für Virologie und HIV-Forschung an der Medizinischen Fakultät der Universität Bonn. Zuvor leitete er am Uniklinikum Essen die PreP-Studie und trug zur preisgünstigen Einführung von PreP in Deutschland bei. Seit sich SARS-CoV2 zur Pandemie entwickelte, berät er die NRW-Landesregierung und ist medial stark angefragt.

Wir feiern schon den 1. Geburtstag von Covid19 ...
… genau, das war am 31. Dezember 2019, als es die erste Meldung gab. Aber wahrscheinlich ist das Virus schon länger unerkannt umgegangen.

Welche Frage mögen sie in jüngster Zeit gar nicht mehr hören?
Es ist eher ein Fragenkomplex, der sich darum dreht, wie groß das Risiko einer Ansteckung bei welcher Aktion ist. Das Problem einer Risikoabschätzung ist, dass es in der Wissenschaft selten ein 100%iges JA oder NEIN gibt. Deshalb kann ich auf Fragen, ob dieses oder jenes nicht ungefährlich sei, keine eindeutige Antwort geben.

Und was wäre ihre erste akute Frage an einen Virologen?
Es gibt Fragen, die mich als Virologe umtreiben, z.B. inwieweit die generelle Imunaktivierung durch den neuen Impfstoff auch vor anderen viralen Erkrankungen erstmal schützt.

Als „Nicht-Virologe“ würde mich interessieren, welche bekannten Viren bedeutend sind, in der Zukunft eine Pandemie auszulösen und bei denen dringend eine Gefahrenabwendung nötig ist. Es gibt einige, die sich bedingt durch den Klimawandel zu einer Pandemie entwickeln könnten, die noch gefährlicher als SARS-CoV2 sind.

Wie viele für den Menschen gefährliche Viren gibt es überhaupt?
So genau weiß das niemand. Allein in der Fledermaus gibt es über 400 Viren, die potentiell für den Menschen gefährlich sind. Aber alleine die Idee, Fledermäuse deshalb eliminieren zu wollen, wäre schon dumm, weil diese Tiere eine wichtige Rolle im Ökosystem spielen, zum anderen ist es nicht die einzige Tierart, von der Viren auf den Menschen übertragen werden. Viren gehören zum Leben, sie sind Bestandteil unserer Evolution und Entwicklung.

Warum war die Gefahr einer Pandemie aus dem Gedächtnis der Menschen?
Die Weltgesundheitsorganisation WHO und viele Wissenschaftler haben immer vor einer Pandemie gewarnt. Sie wurden nur nicht gehört. Wozu Mittel investieren, wenn keine Gefahr in Sicht ist? Das Budget der Berliner Charitée ist größer, als das der WHO!

Wir stecken weltweit in der Krise; hat Corona neben allem Negativem auch etwas Gutes?
Die Gefahren von Pandemien sind ins gesellschaftliche Bewusstsein gerückt und wir bekommen die Chance, aus Fehlern und Versäumnissen zu lernen. Und es gibt dieses Jahr bisher keine große Influenzawelle. Die Maßnahmen gegen Covid19 dämmen andere Virus-Infektionen ebenfalls ein.

Das Virus bestimmt die Politik. Auch Trump, kann man sagen, ist am Virus gescheitert. Gab es Vergleichbares in der Geschichte?
Das ist ein besonderer Forschungsbereich der Geschichte und tatsächlich gibt es Hinweise, dass Pandemien und Seuchen bei Umbrüchen eine Rolle gespielt haben.

Was hätten vorherige Regierungen anders machen können?
Der wichtigste Punkt ist eine gestärkte und vor allem unabhängige WHO, die auch unliebsame Entscheidungen durchsetzen kann. Eine mögliche kurzfristige verkehrstechnische Isolation Chinas hätte vielleicht diese Pandemie verhindern können.

Agiert die Bundesregierung richtig, zu heftig oder zu zögerlich?
Am Anfang gab es die Gefahr, da hat die Regierung gut und folgerichtig gehandelt, weil sie diese abwenden musste. Inzwischen kann man Covid19 besser bewerten und aus der Gefahr ist ein Risiko geworden. Wir schützen zu wenig jene, die ein höheres Risiko haben, z.B. in Altenheimen. Das wäre durch bessere Kontrollen möglich, wurde aber im Sommer nicht angegangen.

Wie hat sich ihr eigenes Leben durch die Pandemie verändert?
Mein Leben hat sich komplett verändert. Womit soll ich anfangen? Es ist egal, wo ich hingehe, man erkennt mich sogar mit Maske. Das Virus hat mich „prominent“ gemacht, hat aber gleichzeitig meine Privatsphäre sehr eingeschränkt. In der Öffentlichkeit stehe ich gefühlt ständig unter Beobachtung, bei den AHA-Regeln oder beim Maskentragen muss und will ich natürlich Vorbild sein. Tägliche Anfragen von nationalen und internationalen Medien sind zur Regel geworden, aber alleine der Umgang damit ist eine ständige Herausforderung. Ich überlege inzwischen lange, bevor ich etwas sage, weil es vielleicht missdeutet werden könnte. Manchmal denke ich, die Presse weiß schon im Voraus, was sie vermitteln möchte und sammelt nur die entsprechenden Zitate - auch aus dem Zusammenhang gerissen- dazu.
 

Professor Hendrik Streeck // © vvg

Viele sind durch die Pandemie im Kontakt miteinander vorsichtiger geworden. Ist ein Virologe das nicht immer?
Das weiß ich nicht, aber ein Virologe entwickelt ein Gefühl für die Gefahr eines Virus’ und hat gelernt, wie intensiv er sich auf welche Art und Weise schützen muss. In meinem Institut gibt es bisher keinen Covid19-Fall.

Was ist überhaupt ein Virus - es ist doch kein Lebewesen?
Es ist genetisches Material, welches ausgeklügelt in eine Zelle eindringt. Ein Virus benötigt die Bestandteile und die Maschinerie einer Zelle, um sich zu vervielfältigen.

Und wie entsteht es?
Das weiß niemand genau. Viren waren schon immer Teil des Lebens und der Evolution. Alleine eine Hand eines Menschen trägt innen wie aussen ca. 16 Millionen Viren. Man nennt sie nur Phagen, weil sie keine Krankheiten im Menschen verursachen, aber z.B. bei der Kommunikation zwischen den Zellen und bei der Abwehr von Bakterien und anderen Viren eine Rolle spielen. Hier liegt auch ein ungeheures Potenzial von Viren und Phagen, weil sie ähnlich wie Antibiotika gegen bestimmt Bakterien eingesetzt werden können, auch gegen multiresistente Erreger.

Ein Film-Titel versichert „Ein Virus kommt selten allein“. Sie haben in einer TV-Sendung gesagt, es gäbe keine doppelte Virusinfektion. Könnte man nicht ein harmloses Virus zur Bekämpfung von COVID19 einsetzen, indem man das eine mit dem anderen blockiert?
Das SARS-CoV2 Virus verursacht in der Regel eine akute Erkrankung von vielleicht 5-7 Tagen Dauer. In dieser Zeit ist das Immunsystem so in Alarmbereitschaft, dass kaum ein anderes Virus die Chance hat, sich einzunisten. So wird auch vermutet, dass eine Grippe-Impfung einen kurzzeitigen Schutz vor Covid19 bietet. Das ist auch eine mögliche Wirkung der RNA-Impfung, die eine sehr lange Alarmbereitschaft des Immunsystems auslöst. Die Daten sprechen aber dafür, dass die Impfung zu dem auch sehr spezifisch wirkt.

Lassen sie sich impfen?
Es gibt ja noch keine Daten darüber. Ich bin ein Impf-Fan und gegen alles mögliche geimpft; wenn ich die Daten sehen kann und die Impfung positiv einschätze, bin ich auf jeden Fall dabei.

Sind die Ängste der Impfgegner berechtigt?
Jede Impfung ist ein Training für das Immunsystem. Wie man nach jedem sportlichen Training K.O. ist, ist das bei einer Impfung genauso. Das man Ängste bei diesem neuen Impfstoff hat, kann ich nachvollziehen, auch weil es so schnell ging, aber diese sollten kein Leitmotiv sein. Umso wichtiger ist es jetzt, dass man transparent alle Daten vorlegt.

Sollten wir da froh sein, dass England mit den Impfungen beginnt?
No comment.

Sie haben sich auch mit dem HI-Virus beschäftigt, gibt es da eine Wechselwirkung mit COVID19 oder Aussichten, aus diesem Bereich Medikamente nutzen zu können?
Alle Daten dazu zeigen, dass sich die Viren nicht gegenseitig beeinflussen. Jemand, der gut mit der HIV-Medikation eingestellt ist, gehört nicht zur Risikogruppe. Auch die Medikamente wirken jeweils nur für ihr Virus. Was mir allerdings Sorgen bereitet, dass trotz der Pandemie und den damit verbundenen Einschränkungen 2020 sowohl die Zahl der Neuinfektionen mit HIV, als auch die anderer sexuell übertragbarer Krankheiten gestiegen sind. Sex kann nicht verboten werden, aber mit der Vorsorge und Vorbeugung im privaten Raum wird wohl etwas laxer umgegangen.

Was ist mit der Impfung gegen das HIV-Virus, die im Gespräch ist?
Der Ad26-Mosaik-Impfstoff zeigte beim Affen eine 94%ige Reduktion der Infektionswahrscheinlichkeit und ruft beim Menschen die gleiche Immun-Antwort hervor. Im Juli 2021 werden die ersten Ergebnisse erwartet.

Was glauben sie, womit hat Otto Normalverbraucher in der Corona-Zeit die größten Probleme?
Ein unterschätztes Problem sind die Existenzängste. Viele wissen, dass es einen Wirtschaftseinbruch geben wird. Das treibt vor allem die um, welche mit Geselligsein zu tun haben, die nicht systemrelevant sind und oft auch als die Infektionstreiber dargestellt werden, also Gastronomie-, Kultur- und Reisebranche. Da wünsche ich mir mehr Dialog und weniger Verordnung, denn eine Pandemie kann nur gemeinsam bewältigt werden.

Auf dem weihnachtlichen Wunschzettel steht „Gemeinsam Feiern“ ist das umsetzbar?
Das hängt vom Umgang in den Familien ab. Wichtig und richtig war die Überlegung mit der Vor-Quarantäne, wenn sich die Betroffenen vor allem daran halten. Die WHO erwägt auch Masken zu Hause, wenn sich mehrere Haushalte treffen.

Wir erleben eine Zeit mit ungewisser Zukunft - wie schalten sie von den täglichen Problemen ab?
Zu Hause mit meinem Mann und meinem Hund ist es möglich mal aus der Corona-Welt zu entkommen. Es fällt aber immer schwerer solche Situationen zu finden: ob TV, Zeitung, Social Media: Corona ist überall.

Viren sind Erreger - Über was regen sie sich auf?
Aktuell, wenn Journalisten mutwillig Sätze verkürzen, aus ihrem Zusammenhang reißen oder Aussagen verdrehen, nur um mehr Aufmerksamkeit für ihr Medium oder Klick-Base zu bekommen. Es ist ein ernstes Thema, und damit gesellschaftliche Konflikte anzustacheln, ist eine Entwicklung, die man nicht mehr länger einfach nur tolerieren sollte. Wir sind in einer Info-Demie, in der Ethik und Moral viel zu kurz kommen.

Carsten Thamm musste sich via Tablett von seinem Lebensgefährten Udo Walz verabschieden. Ist diese überhöhte Vorsicht wirklich angebracht?
Es sind ganz traurige Geschichten, die sich da abspielen. Natürlich muss man aufpassen, dass der Erreger nicht ins Krankenhaus kommt. Aber gerade der Moment des Sterbens, wenn ich mir vorstelle, dass man das alleine machen muss ohne körperliche Nähe, das stelle ich mir ganz furchtbar vor. Da muss man Kompromisse finden.

Wie ist ihre Prognose über den Verlauf der Pandemie?
Im April werden wir einen Abfall der Infektionszahlen sehen, da verhalten sich alle heimischen Corona-Viren gleich. Der Impfstoff wird im Frühjahr beginnen eine positive Rolle zu spielen, und so schwere Verläufe und die Sterberate schneller drücken. Der Sommer wird ruhiger und im Herbst kann es wieder zum Anstieg kommen. Das wird sich jährlich wiederholen und zu einer abschwellenden Dauerwelle werden. So leicht wird SARS-CoV2 nicht verschwinden.

Und ihre privaten Wünsche an die Zukunft?
Ruhe - Pause - mal wieder Kraft tanken. Das fehlt mir, wie vielen anderen, die arbeiten können und in der Krise meist mehr arbeiten. Und ich freue mich auf die Zeit, die wiederkommen wird und Geselligkeit, Reisen und Kultur wieder erlauben wird.

Vielen Dank, dass sie bei ihrem derzeitigen Arbeitspensum Gelegenheit für ein Interview mit SCHWULISSIMO gefunden haben.

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