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ABBA Voyage // © IMAGO / TT

ABBA Voyage in London Nach fünf Jahren Entwicklungszeit erfolgreiche Weltpremiere

ks - 30.05.2022 - 10:15 Uhr

SCHWULISSIMO vor Ort

Selbst für Londoner Verhältnisse war der Hype der letzten Monate um das neuartige Konzertevent „ABBA Voyage“ beachtlich. In der Show werden die vier Bandmitglieder von ihren digitalen Avataren vertreten. Nach fünf Jahren Entwicklungszeit hat die Weltpremiere vergangenen Donnerstag in der eigens erbauten ABBA-Arena unter Anwesenheit zahlreicher Stars stattgefunden. Kylie Minogue, Kate Moss, Keira Knightley und Sophie Ellis-Bextor saßen im Publikum. Der schwedische König Gustav war mit seiner Frau angereist und tanzte in der Sitzreihe. Und ABBA stielen sich selbst die Show und rührten alle zu Tränen.

Für SCHWULISSIMO war Katja Schwemmers vor Ort.

Gerade hatten sich die vier ABBA-Avatare vorm Publikum verneigt und verabschiedet, da geschah das, was wohl als die letzte öffentliche Reunion von ABBA in die Popgeschichte eingehen wird.

Von rechts kamen die vier Originale auf die Bühne; erst Björn Ulvaeus in seinem schnittigen Anzug, dann die beiden Frauen in weißer Garderobe, hinter ihnen Benny Andersson im geblümten Flattermantel. Was für ein Moment! Es dürfte wirklich niemanden im Saal gegeben haben, der dabei nicht feuchte Augen bekam. Die Dankbarkeit für die fünf Dekaden währende Treue ihres Publikums verliehen sie mit einer tiefen Verbeugung und jeder Menge Luftküssen Ausdruck. Agnetha lies sich sogar dazu hinreißen, ein bisschen auf der Stelle zu tänzeln wie in jungen Jahren. Und dann umarmten sich die Vier gegenseitig. Ein Happy-End!

Davor gab es 95 Minuten ABBA-Mania. „We want ABBA!“ skandieren die stehenden Fans im Trapez-förmigen Innenraum der eigens für die „ABBA Voyage“-Show errichteten Arena im Osten Londons, wenige Minuten bevor die Weltpremiere des als bahnbrechend gepriesenen Konzerts über die Bühne gehen soll. Aber welche ABBA meinen sie? Die echten ABBA, deren Mitglieder sich am Donnerstagabend – kurz nachdem das Saallicht ausgeht – auf ihre Plätze begeben und sichtlich Freude dabei haben, sich selbst bei der Arbeit zuzuschauen? Oder die digitalen Versionen von ihnen, die von nun an sieben Mal die Woche als Stellvertreter einen 95-minütigen Konzertabend mit 20 Hits bestreiten werden?

Über mehrere Wochen ließen sich die leibhaftigen ABBA im Motion-Caption-Verfahren von 160 Kameras abfilmen, um ihre ABBAtare so natürlich wie möglich erscheinen zu lassen. Aber ist es überhaupt möglich, auf die Art eine emotionale Verbindung zum Publikum aufzubauen, wie es sich Bandmitglied Björn Ulvaeus so sehr gewünscht hat?

Riesenjubel brandet auf, als die virtuellen ABBA mit 20 Minuten Verspätung aus dem Bühnenboden aufsteigen. Zuerst nimmt man sie nur als Schattenumrisse vor hell erleuchtetem Hintergrund war. Doch dann entblättert sich nach und nach ein buntes Treiben wie zuletzt vor 40 Jahren: Benny Andersson steht hinter dem weißen Tasteninstrument, Björn zupft an der Gitarre, in der Mitte tanzen Agnetha Fältskog und Anni-Frid Lyngstad in glitzernden Umhängen zum Eröffnungssong „The Visitors“; die gleichnamige Platte war Ende 1981 das letzte Studioalbum vor der Trennung der Band. Nun soll die Reise also weitergehen und womöglich kein Ende mehr finden.

Als Zuschauer mag man seinen Augen nicht trauen, was die Technologie kann. Die vier Figuren dort vorne sehen aus wie eine Band aus Fleisch und Blut. Dafür sorgen Bildschirme mit 65 Millionen Pixeln – so viel gab’s noch nicht mal in Hollywood-Filmen! Verantwortlich dafür ist die von George Lucas („Star Wars“) gegründete und weltweit führende Special-Effects-Company Industrial Light & Magic. 1000 Mitarbeiter in vier verschiedenen Studios und eine Milliarde Arbeitsstunden sollen in die Kreation der Avatare geflossen sein. Das hat sich gelohnt. Nur wenn Agnetha in Großaufnahme auf den seitlichen Screens erscheint, zerstört es mitunter die Illusion der echten ABBA. Mancher Augenaufschlag wirkt befremdlich. Langsame Bewegungen liegen Agnetha 3.0 einfach nicht. Eine zehnköpfige Live-Band sorgt für die Brücke zwischen ABBAtaren und Publikum.

Surreal wird es, als die Stimme des echten Benny im Körper seines jungen Avatars das Wort ergreift. „Sein oder nicht sein – das ist nicht mehr die Frage“, philosophiert er humorvoll über das eigene Schicksal. „So fühlt es sich also an, durch Zeit und Raum zu reisen… Ich sehe wirklich gut aus für mein Alter.“ Die Lacher hat er damit auf seiner Seite. Und durch sein gelungenes Avatar definitiv an Sexappeal dazugewonnen.

Emotional packend und geradezu poetisch ist „Knowing You, Knowing Me“ umgesetzt, mit dem ABBA 1976 erstmals zerbrochene Beziehungen thematisierten. Es ist eines mehrerer Lieder, zu denen die ABBAtare nicht als Performer auf der Bühne, sondern lediglich als Film auf den großen Leinwänden auftauchen. Benny und Frida umarmen sich. Agnetha und Björn umarmen sich. Frida streicht Agnetha zärtlich über die Wange. Die Ehescheidungen der ABBA-Paare und die Konkurrenzkämpfe zwischen den Frauen – alles Schnee von gestern. Ein wundervoll versöhnlicher Moment. Hat nicht jeder von uns schon mal davon geträumt, rückwirkend alles wieder heile machen zu können?

Partystimmung kommt erstmals bei „Chiquitita“ auf. Der Saal klatscht im Kollektiv, während ABBA eine Sonnenfinsternis herbeimusizieren – analog zum Artwork ihres letztjährigen Albums „Voyage“. Und tatsächlich: Auch ABBAtare werfen Schatten! Genau genommen haben die neuen ABBA sogar an Körperlichkeit dazugewonnen: So raumfordernd getanzt wie bei diesem Konzert haben die Frauen früher nicht. 2022 gibt es auch viel mehr Interaktion zwischen den beiden.

Für einen Moment wird die Bühne dunkel. „Ich mochte das Kostüm schon damals nicht. Aber dieses gefällt mir“, kommuniziert Benny hinter dem Vorhang mit dem Publikum. Ein Teil der Show-Garderobe wurde vom italienischen Modehaus Dolce & Gabbana gefertigt. Ganz in echt aus Stoff mit reichlich Pailletten, nur um die feinen Stücke im Anschluss zu digitalisieren. Klingt verrückt, sieht aber gut aus.

Ein paar Szenen später geht es noch mal um Mode. „Sein Kostüm war damals so eng, dass er sich nicht hinsetzen konnte“, macht sich Agnetha über Björns Outfit beim Eurovision Song Contest 1974 lustig. Damals gewannen ABBA mit „Waterloo“ in Brighton den Wettbewerb und ebneten sich die Weltkarriere. „Großbritannien gab uns null Punkte“, meint Björn belustigt. Im Publikum buhen einige für ein Ereignis, das fast 50 Jahre zurück liegt. Die Verbindung zu den ABBAtaren scheint zu funktionieren. Für „Waterloo“ spielen sie den Original-Auftritt des ESC ein.

Je länger das Konzert dauert, desto mehr vermischen sich reale und digitale Akteure. „Does Your Mother Know“ wird von den drei Backgroundsängerinnen ihrer Begleitband dargeboten. „Ich wollte sie nach der Bahn-Station gegenüber der Arena benennen, aber sie wollten nicht Pudding Mill Lane heißen“, witzelt Björn. ABBA bringen ihren eigenen Humor in die Show hinein.

Auch Frida und Agnetha haben ihre Moderationsmomente. Frida erzählt von ihrer Großmutter, die sie nach dem zweiten Weltkrieg bei sich aufnahm und großzog. „Mein Vorbild und meine Heldin. Das ist mein Tribut an alle Frauen in der Welt, die sich ihr Leben zurückholten, nachdem alles von ihnen genommen wurde. Meine Liebe und Bewunderung für euch alle.“ Die Sätze des Konzerts, die am besten ins Hier und Jetzt passen.

Agnetha bedankt sich indes beim Publikum für die Unterstützung in den vielen Jahren. „Wer hätte annehmen können, dass wir nach 40 Jahren noch mal ins Studio gehen?“ Sie singt „Don’t Shut Me Down“ vom aktuellen Album „Voyage“. Ein rühriger Moment. Und der erste Song mit alter Stimme auf jungem Körper.

Der beste Teil der Show ist zugleich der modernste: Zu „Lay All Your Love On Me“ tragen ABBA die schwarzen Catsuits mit Neon-Streifen, die man schon von den „Voyage“-Promotion-Fotos kennt. Agnetha macht Hand- und Armbewegungen, als würde sie bei ausgefallenen Ampeln den Straßenverkehr regeln müssen. Frida tanzt Choreografien im Laser-Meer, die sich doch eher im 21. Jahrhundert verorten lassen. Von diesem ABBA-Update hätten wir gerne mehr gesehen! Das schönste Bühnenbild gibt es gleich im Anschluss zu „Summer Night City“. ABBA performen in einer Landschaft aus durchsichtigen Pyramiden irgendwo auf einem fernen Planeten. Von der Decke baumeln Leuchtobjekte, die wie Mini-Ufos aussehen.

Bei „Dancing Queen“ sind es Stäbe mit Lampions, die hoch- und runterfahren. Das Szenario erinnert an ein japanisches Laternenfest. Dazu wird das gigantische Lichtdesign mit 500 beweglichen Lichtern in seiner vollen Buntheit ausgelotet. Natürlich hält es bei dem Disco-Klassiker niemanden mehr auf den Sitzen. 

Für den Rausschmeißer „The Winner Takes It All“ fahren ABBA einen 40-köpfigen Chor auf. Ist der echt oder nicht? Am Ende stellt man alles in Frage. Aber vielleicht hat Benny ja Recht. Es kommt gar nicht darauf an. Mit „ABBA Voyage“ haben die Schweden-Ikonen ein technisch brillantes Meisterwerk erschaffen, dass sie einmal mehr unsterblich macht.

Ticket-Info: Die Show wird derzeit montags, donnerstags und freitags um jeweils 19:45 Uhr gezeigt, am Sonnabend um 15 Uhr und 19:45 Uhr, sowie am Sonntag um 13 und 17 Uhr. Momentan sind Vorstellungen bis 28. Mai 2023 buchbar, für Termine bis September gibt es nur noch Resttickets, danach sieht es entspannter aus. Die Karten kosten umgerechnet zwischen 25 Euro und 169 Euro. Man hat wirklich von überall einen tollen Blick auf das Geschehen!

Infos unter www.abbavoyage.com.

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