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Homophobe Jugendgang vor Gericht
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Homophobe Jugendgang vor Gericht Angeklagte suchten sich ihre schwulen Opfer über eine Dating-App

ms - 16.09.2022 - 10:00 Uhr

Vor dem Landgericht in Bonn wird heute nach dem Auftakt vergangene Woche der Prozess gegen eine Jugendgang am zweiten Verhandlungstag fortgesetzt. Die drei angeklagten Jugendlichen sollen gezielt Jagd auf Homosexuelle gemacht und diese auch schwer verletzt haben. Beim Prozessauftakt zeigten sich die Angeklagten im Alter von 18 und 19 Jahren noch entspannt feixend im Gerichtsaal, selbstsicher postierten sie auch für die anwesenden Fotografen – ob das heute auch so bleibt, wenn erste Details über die Taten aufgezeigt werden, bleibt offen. Zur Tatzeit waren die drei Angeklagten namens Sandro P., Cem T. und Olsay Y noch minderjährig.  

Den drei jungen Männern wird vorgeworfen, sich im Sommer 2020 über die Dating-Plattform Planet Romeo mit schwulen Männern verabredet zu haben, um diese bei einem Treffen anschließend brutal zusammenzuschlagen und auszurauben. Die Anklage lautet auf bewaffneten schweren Raub und schwere Körperverletzung in sechs Fällen, der heute 19-Jährige junge Haupttäter ist des Weiteren wegen versuchten Totschlags angeklagt. Die Staatsanwaltschaft will heute konkreter darlegen, dass die drei jungen Erwachsenen gezielt und bewusst Jagd auf Homosexuelle gemacht haben sollen. Der Kopf der Bande soll der 19-jährige Sandro P. gewesen sein, der der Polizei bereits seit längerem bekannt ist – von ihm soll auch die Idee für die Überfälle gekommen sein. Die drei Angeklagten sollen zudem Mitglieder einer Jugendgang gewesen sein, die immer wieder in der Bonner Altstadt grundlos Passanten und andere Menschen zusammengeschlagen und mit Messern angegriffen habe.

Beim Prozessauftakt letzte Woche erklärten die drei Angeklagten, dass die sexuelle Orientierung angeblich keine Rolle gespielt habe – eine zweifelhafte Aussage, bedenkt man, dass gezielt über eine schwule Dating-App nach homosexuellen Männern gesucht worden sein soll. Auch für die Anwältin eines der Opfer, Dagmar Schorn, ist klar: „Bei der Planung der Überfälle spielte Schwulenhass eine Rolle.“ Zudem zeichnen auch die Beschreibungen der Taten einen klar homophoben Hintergrund auf: Ein heute 45-jähriger Mann war beispielsweise von den mutmaßlichen Tätern im Sportpark Nord so schwer zusammengeschlagen worden, dass er aufgrund von massiven Kopfverletzungen und einem Schädel-Hirn-Trauma mehrere Monate im Krankenhaus und anschließend in einer Reha-Klinik verbringen musste – er ist seitdem ein Pflegefall. Vor Gericht erklärte er: "Wir haben so lange gebraucht, dass wir heute frei leben können und dass viele Sachen sich positiv entwickelt haben und dann passiert so was, was uns in die Steinzeit zurückversetzt. Ich tue ja nichts, wofür ich mich schämen müsste." In der Bonner Altstadt soll das damals noch minderjährige Trio dann auch einen 42-jährigen Schwulen mit einem Messer bedroht, mit einer Holzstange am Kopf attackiert und schlussendlich ausgeraubt haben. Auf der Flucht zertrümmerten die Täter noch die Heckscheibe des Autos des Homosexuellen mit einer Metallstange. Ein Urteil im Prozess wird Ende September erwartet.

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