Direkt zum Inhalt

Kehrtwende in Schweden Keine medizinischen Behandlungen mehr bei Minderjährigen mit Transitions-Wunsch

Von ms - 12.01.2023 - 12:00 Uhr
Kehrtwende in Schweden
Foto: IMAGO / McPHOTO
ANZEIGE
Loading audio player...

Schweden hat jetzt angekündigt, die Zusammenarbeit mit dem Weltverband für Transgender-Gesundheit (WPATH) zu beenden. Bereits im September letzten Jahres hatten die neuen Richtlinien der WPATH für Kritik von Ärzten und Fachverbänden gesorgt. In der neu vorgestellten, achten Version der Richtlinien hatte der Weltverband unter anderem Eunuchen als eigene Geschlechtsidentität eingeführt und die bisherigen Altersempfehlungen für die Behandlung von Kindern ganz gestrichen.

Keine “experimentellen“ Geschlechtsumwandlungen

Die schwedischen Gesundheitsbehörden haben daraufhin jetzt offiziell erklärt, dass die Gender-Kliniken des Landes keine “experimentellen“ Geschlechtsumwandlungen bei Kindern und Jugendlichen unter 18 Jahren mehr durchführen werden. Stattdessen sei es wichtig, "psychologische Unterstützung anzubieten, um Jugendlichen zu helfen, mit dem gesunden Körper zu leben, mit dem sie geboren wurden." Die neuen Leitlinien raten nach Informationen der medizinischen Fachzeitschrift Läkartidningen auch von Pubertätsblockern, geschlechtsübergreifenden Hormonen und Operationen bei unter 18-Jährigen ab. Die Entscheidung steht im direkten Gegensatz zu den neuen Vorgaben der WPATH, die eine medizinische Intervention als erste Behandlungslinie für Minderjährige mit dem Wunsch einer Transition empfehlen.

Trans-Weltverband - keine wissenschaftliche Organisation mehr?

Zuvor hatte sich Schweden jahrelang an den Leitlinien des Weltverbandes orientiert, seit der Veröffentlichung der neuen Richtlinien entbrannte aber auch unter den schwedischen Ärzten eine heftige Debatte darüber, gerade mit Blick auf die Aufhebung jedweder Altersgrenzen bei der Behandlung von Trans-Personen. Einer der führenden schwedischen Kinderärzte Mats Reimer erklärte zu den neuen Richtlinien der WPATH, dass der Verband damit keine wissenschaftliche Organisation mehr sei, sondern eine Aktivistengruppe: „"Wäre dies irgendwo anders als in einem vermeintlich wissenschaftlichen Artikel veröffentlicht worden, hätte man es für Satire gehalten", so Reimer, der mit Blick auf die Abkehr Schwedens von dem Weltverband zudem bekräftigt: "Dass die aktualisierten Richtlinien des National Board of Health and Welfare sich nicht mehr auf eine so offensichtlich aktivistische Organisation wie die WPATH stützen, ist natürlich zu begrüßen. Insgesamt werden die neuen Leitlinien vernünftiger sein als die bisherigen und zu großer Vorsicht bei irreversiblen Eingriffen in den gesunden Körper raten, da wir wissen, dass einige es bereuen werden."

Nein zu Pubertätsblockern

Reimer bezieht sich dabei auch auf Pubertätsblocker und geschlechtsübergreifende Hormone, die künftig nur noch in Einzelfällen im Rahmen strenger klinischer Studien vergeben werden sollen. "Im schwedischen Gesundheitswesen wird die Kinderpsychiatrie weiterhin für die Behandlung von Menschen unter 18 Jahren zuständig sein, die eine Geschlechtsinkongruenz erleben und darunter leiden. Die Betreuung wird nun aber in erster Linie aus psychologischer Unterstützung bestehen, um den Jugendlichen zu helfen, mit dem gesunden Körper zu leben, mit dem sie geboren wurden", so Reimer abschließend.

Immer mehr Länder üben Kritik

Schweden ist nicht das einzige Land, das einen Kurswechsel bei der Behandlung von Kindern mit geschlechtsspezifischen Problemen vornimmt. Finnland war das erste Land, das im Jahr 2020 das sogenannte affirmative Behandlungsmodell aufgab, nachdem eine unabhängige Überprüfung des pädiatrischen Geschlechtsdienstes ergab, dass die Informationslage über Pubertätsblocker sehr dünn ist und zu befürchten steht, dass die Medikamente massive lebenslange Nebenwirkungen haben könnten.

Großbritannien folgte diesem Beispiel 2022; im Frühjahr dieses Jahres soll die Gender-Abteilung der Tavistock-Klinik in London schließen, die unreflektiert Hormone und Medikamente vergeben haben soll. Anstatt dessen sollen mehrere Klinken landesweit sich auf die psychologische Beratung von möglichen Trans-Jugendlichen konzentrieren. Frankreich, Neuseeland und einige amerikanische Bundesstaaten verfolgen derzeit ähnliche Ansätze.

Stellungnahme des Weltverbandes

Eine offizielle Stellungnahme der WPATH zur Ablehnung der schwedischen Richtlinien gibt es noch nicht, Ende 2022 veröffentlichte die WPATH aber eine Erklärung, in der sie die vom britischen Gesundheitsamt, dem National Health Service (NHS), vorgeschlagenen Richtlinien verurteilte, die vorsehen, Kindern und Jugendlichen mit dem Wunsch einer Geschlechtsanpassung zunächst primär psychologische Unterstützung anzubieten. Der Weltverband für Transgender-Gesundheit bezeichnete dies als "alarmierend" und "überholtes Gatekeeping".

Anzeige
ANZEIGE

QUEERE PRESSESCHAU

DER STANDARDRegenbogenbank in Berliner Tiergarten nach CSD-Anschlag erneut beschädigttazTürkisches Nachrichtenportal gesperrt: Türkei immer abgehängterDie PresseBei aller Liebe, keinen Sex bitte: Mareike Fallwickls neuer Roman [premium]Frankfurter Allgemeine Zeitung„LGBT-Propaganda“: Warum die Türkei wirklich gegen ein renommiertes Onlineportal vorgehtAlle Meldungen ansehen
ANZEIGE

Umfrage der Woche

Wie sollte das Abstammungsrecht für Regenbogenfamilien geregelt werden?

Choices
Artikel zur Umfrage lesen
ANZEIGE
ANZEIGE
ANZEIGE
ANZEIGE
ANZEIGE
ANZEIGE

Auch Interessant

36 Jahre Deutsche Einheit

Leben nach dem Mauerfall

Vom Mauerfall bis zur Ehe für alle: Für LGBTIQ+-Menschen brachte die deutsche Einheit neue Freiheiten – aber auch unerwartete Rückschritte.
NHL entdeckt „Heated Rivalry“

Schwule Romanze soll Fans locken

Mit der PR-Aktion „Hot for Hockey“ greift die NHL den Erfolg von „Heated Rivalry“ auf – doch die Marketingstrategie stößt bei Fans auf viel Kritik.
Tom Ford zeigt Haut

Männer-Tanga wird Luxusmode

Tom Ford macht den Männer-Tanga zum Luxus-Look: Kreativdirektor Haider Ackermann verbindet in Paris schwulen Sexappeal mit eleganter Herrenmode.
US-Basketball-Coach sagt Ja

Liebe auf den ersten Blick

US-Basketballtrainer Matt Lynch und Cody Aaron haben sich nach mehr als zwei Jahren Beziehung verlobt – die Hochzeit soll 2027 folgen.
Mehr Schutz in Bangladesch

Petition gegen Diskriminierung

Studenten und Aktivisten in Bangladesch fordern mit einer Petition besseren Schutz für LGBTIQ+-Menschen und ein Ende der Diskriminierung.
Abstimmung über die Ehe

Virginias Änderung der Verfassung

Der US-Bundesstaat Virginia stimmt darüber ab, die Ehe für Homosexuelle in seiner Landesverfassung zu schützen. Ein Schritt mit viel Symbolkraft.
Eklat in Österreich

Streit um queere Touristen

Die FPÖ will Pride- und LGBTIQ+-Themen aus Österreichs Tourismuswerbung zurückdrängen – andere Parteien widersprechen.
Am Ende des Regenbogens

Kulturkampf in den Niederlanden

Niederlands Gemeinde Oldebroek will seine LGBTIQ+-Politik abschaffen und sorgt damit landesweit für Schlagzeilen und Entsetzen in der Community.
Mord auf den Philippinen

Militär tötet queere Aktivistin

Die trans* Aktivistin Kai Sorem wurde auf den Philippinen getötet. Die bisherigen Untersuchungen legen eine Vertuschung durch das Militär nahe.