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Filmemacherinnen Doris Metz // © vvg

Dokumentarfilm "TRANS – I got life" Filmemacherinnen Doris Metz

vvg - 07.11.2021 - 09:00 Uhr

Doris Metz zeigte in ihrem Film „Schattenväter“ starke einflussreiche Väter-Sohn-Beziehungen von Schauspieler Matthias Brandt plus Vater Willy sowie Pierre Boom mit Vater DDR-Spion Günter Guillaume. Und Imogen Kimmel schuf mit „Secret Society - Club der starken Frauen“ einen weiblichen Gegenpart. Jetzt begleiten sie zusammen in ihrem gerade angelaufenem Dokumentarfilm "TRANS – I got life" sieben Menschen auf ihrem extremen Lebensweg. SCHWULISSIMO traf die Filmemacherinnen spontan …

Wie kam es zu dem Film mit diesem hochbrisanten Thema?
Imogen:
Wir haben uns schon immer besondere Menschen für unsere Filme ausgesucht, Menschen außerhalb der Norm, die nicht im Mainstream und trotzdem starke Persönlichkeiten sind. Wir hatten beide früher schon mal, ganz unabhängig voneinander, Kontakt zum Thema Trans, doch der Anstoß zum Film jetzt kam letztendlich über Dr. Schaff. Wir lernten uns zufällig auf einem Flug kennen und er erzählte uns, dass er Trans-Mann und Trans-Frau Transitionen durchführt.

Doris: Uns interessiert mehr, was auf den Nebenbühnen der Gesellschaft passiert. Wir haben über Jahre die binäre Welt, die nur Mann und Frau kennt, dieses schwarz-weiß, dieses in Kategorien eingesperrt sein, mit der Kamera begleitet. Dieses Trans-Thema hat uns gereizt und unsere Protagonist:innen sind uns Vorbilder und sind so spannend und stark, dass wir ihre Geschichte in einem Film erzählen wollten, auch um ihre Sichtbarkeit zu verstärken.

Wie habt ihr beiden zu diesem Projekt zusammengefunden?
Imogen:
Wir kannten uns vorher kaum. Wir haben uns bei einer Veranstaltung von Pro-Quote-Regie 2015 kennengelernt, weil man festgestellt hatte, dass in der Ausbildung in der Film- und Medienbranche über 40% Frauen studieren, aber nur 12% in der Film- und Fernsehwirtschaft arbeiten. Wir kamen ins Gespräch über das Thema Trans und waren uns schnell einig, es geht um Identität.  Niemand muss sich so radikal mit der Frage: „Wer bin ich?“ auseinander setzen wie transidente Menschen. Am Ende entstand die Idee gemeinsam einen Film über Transgender zu machen. Wir haben sogar kurz darauf eine gemeinsame Firma extra dafür gegründet.

Wie habt ihr eure Protagonist:innen gefunden?
Doris: 
Ich habe z.B. Frau Oberst Landsteiner, durch einen Zufall auf einer Vernissage im militärhistorischen Museum in Dresden kennengelernt. Wir wollten bewusst keine Leute casten, sondern wollten ganz persönliche Zugänge zu den Menschen in unserem Film finden. 

Imogen: Ich habe über zwei Stunden mit einer Psychologin über das Thema Trans gesprochen, bis sie mir erzählte, dass ihr eigener Sohn transident ist. Und er ist dann tatsächlich einer unserer Protagonist:innen geworden. Uns war es insgesamt wichtig, ganz normale Menschen zu finden. Wir haben keine Leute gesucht, die in der Öffentlichkeit ihre Geschichten verkaufen wollen, denn Transsein gab es schon immer, es gehört zur Menschheitsgeschichte dazu. 

Was hat euch persönlich am meisten berührt?
Doris: 
Der Mut und die Empathie unserer Protagonist:innen mit diesem Film an die Öffentlichkeit zu gehen. Wir haben großartige Menschen kennengelernt, die gemeinsame Arbeit an dem Filmprojekt hat uns zusammengeschweißt, das große Vertrauen der Protagonist:innen in uns und unsere Arbeitsweise hat mich berührt. Das nicht zu enttäuschen war eine große Herausforderung. Und das Schönste: wir sind mittlerweile zu einer „Transigotlife_family“ zusammengewachsen.

Wie hat euch das Thema im Nachhinein geprägt?
Imogen:
Radikal. Es hat meine Weltsicht insofern erschüttert, als ich erkannte, dass das binäre System nur ein Ordnungssystem ist, um das Chaos, in welches wir hineingeboren wurden, zu sortieren. Dabei gehen aber die Nuancen unserer Geschlechtlichkeit verloren. Es gibt eine große Vielfalt und ja, es ist anstrengend mit dieser Vielfalt zu leben. Aber sie ist absolut bereichernd. Ich vergleiche es mit der Monokultur in der Landwirtschaft, welche die Artenvielfalt bedroht. Vielfältigkeit ist bereichernd und bringt neue Anregungen hervor. Das wird die Zukunft sein.

Gab es Anfeindungen von Protagonist:innen, weil ihr nicht zur Community gehört?
Doris: Anfeindungen gab es nicht. Wir sind zwei CIS-Frauen, die schnell verstanden, dass wir uns dem Thema nur annähern können. Wir wollten uns aber von vielen Seiten annähern. Und wir haben von Anfang an sehr eng mit der queeren Szene zusammengearbeitet.

Ihr habt den Film ungewollt über fünf Jahre gedreht, war Corona förderlich oder nachteilig?
Imogen:
Der Film konnte erst ein Jahr verspätet das Licht der Öffentlichkeit erblicken. Das letzte Jahr hat aber das Thema „Trans“ noch mehr in die Öffentlichkeit gespült, z.B. durch die Action #actout und somit sehen wir uns da als „Corona-Gewinnerinnen“.

Was ist gravierender: die Umwandlung am Körper (Transition) oder die, die sich im Kopf abspielt?
Doris: 
Gute Frage, beides ist gleich wichtig, die körperliche Geschlechtsangleichung inklusive der OPs ist ein radikaler Vorgang. Enorm wichtig ist, dass die Seele den gleichen Weg mitgeht.

Imogen: Es gibt auch unterschiedliche Arten, die Transition zu leben. Die Operation ist dabei die radikalste und schmerzhafteste Lösung, die nie mehr rückgängig gemacht werden kann. Es ist kein Friseurbesuch! 

Die Kamera begleitet eine sehr intime Reise in die Chirurgie, wie lang ist der Weg, bis es tatsächlich in den OP-Saal geht?
Doris: 
Der Weg vom Outing bis zur OP ist lang: Es sind bürokratische Hürden zu nehmen, psychologische Gespräche werden geführt, Gutachten erstellt etc., bis es letztendlich zur Transition kommt. Die Transcommunity kämpft nicht umsonst um mehr Selbstbestimmung, damit die Gesetze angepasst werden und der „Leidensweg“ verkürzt wird. Bis heute ist es ein sehr dornenreicher, extrem mühsamer Weg.

Imogen: Es hängt auch von der Persönlichkeit des/der Betroffenen ab. Es gibt keine Vorgaben und viele Transmänner, lassen sich z.B. nur die Brust abnehmen. Jede/r kann es für sich selbst entscheiden, was aber wiederum eine starke Persönlichkeit voraussetzt.

Doris: Im Film gibt es das Beispiel einer „Blitz-Transition“. Der Eishockeytrainer Mikael hat diesen Weg in sportiv kürzest möglicher Zeit beschritten. Das war ein Hochleistungsakt und im Nachhinein würde er es nicht empfehlen. Aber er war schon 40 Jahre und wollte einfach keine Zeit mehr verlieren.
 

Filmemacherinnen Doris Metz und Imogen Kimmel // © vvg

Euer Film zeigt blutige Szenen und das Rekonstruieren von Penissen: gab es Kritiken, so genau hättet ihr das nicht zeigen müssen?
Imogen:
Wir haben die Entscheidung gefällt, dass wir diesen extrem radikalen Prozess, den Transmenschen mit sehr viel Mut gehen, nachvollziehbar zeigen wollen. Dazu gehört die körperliche Transformation. Der Film muss also auch mutig und radikal sein und an die Grenzen gehen, damit es der Zuschauer auch spürt.

Doris: Es unterstreicht die Ernsthaftigkeit des Ganzen und niemand der den Film gesehen hat, wird sich jemals wieder die Frage stellen, ob trans* nur eine gegenwärtige Modeerscheinung ist.

Imogen: Der Operationssaal ist im Film auch nicht der Ort des Schreckens. Er ist für die Betroffenen der Ort des Glücks, der Ort einer zweiten Geburt.

Was brauchen Menschen, die den Schritt in ein neues Leben machen, in der Zeit ihrer Umwandlung am dringendsten?
Imogen:
Menschlichen Beistand!

Doris: Man sieht, dass so ein Transition-Weg mit all seinen Herausforderungen nur erfolgreich zu bewältigen ist, wenn im engsten Umfeld Menschen sind, die einen stützen und lieben, die den Weg mitgehen und zum Teil ihr eigenes Leben dadurch mitverändern. Diesen Menschen gehört auch mein allerhöchster Respekt.

Wie sollen sich Gläubige verhalten, deren Religion ihnen aufzwingt, man solle Gott nicht in sein Handwerk pfuschen? 
Imogen:
Die sollten den Film ansehen und sich mit dem Thema auseinander setzen. Wissen bringt Erkenntnis!

Der Film hat in München den Publikumspreis erhalten. Ist die Zeit und vor allem die Gesellschaft reif für das Thema TRANS?
Doris: 
Ja, der Publikumspreis zeigt, dass die Gesellschaft reif ist und auch all die Reaktionen, die wir auf unserer 10tägigen Tour mit dem Film durch Deutschland bekommen haben. Selbst Menschen, die noch nie mit diesem Thema zu tun hatten und durch bestimmte Gründe in diesen Film gegangen sind, haben verstanden, dass dieses Thema mehr mit ihnen und ihrem Menschsein zu tun hat, als sie bisher glaubten.

Ihr habt euren Focus auf binäre Geschlechtsumwandlung gelegt, gibt es eine nonbinäre Fortsetzung?
Imogen:
Wir spielen oft mit dem Gedanken und werden auch oft danach gefragt. In unserer Recherche zu diesem Film, haben wir auch bewusst nach nonbinären Menschen gesucht und keine gefunden, die so weit waren, dass sie dies in einem Film zeigen würden wollen. In den fünf Jahren unserer Arbeit an diesem Film ist das Nonbinäre auch immer stärker in das Bewusstsein gespült worden.

Doris:  Nonbinäres Sein ist derzeit die noch größere Provokation gegenüber der Gesellschaft als trans. Die Gesellschaft ist noch nicht vorbereitet, wie sie damit umgehen soll.

Der Film zeigt auch Fälle aus USA und Russland, geht „Trans*“ international auf Reise?
Imogen:
Es gibt eine internationale Fassung des Films, wir glauben aber nicht, dass diese in Russland gezeigt wird. Wir mussten ja mit unserem Arzt als Touristen undercover in Russland drehen.

Doris: Amerika ist auch nicht so fortschrittlich in diesen Dingen, wie man denkt. Nur wer genug Geld hat, kann seine Probleme lösen. Unser amerikanischer Protagonist hat in München die „paradiesischen“ Zustände in Germany bewundert.

Wie sieht es mit dem Transsexuellengesetz aus? 
Doris: 
Wir hoffen, dass die neue Regierung endlich die überfälligen Gesetzesänderungen verabschiedet. In den letzten Jahren hat das Bundesverfassungsgericht die Regierung immer vor sich hergetrieben.

Imogen: In Europa ist selbst Frankreich rückschrittlicher als wir. Gesetzlich sind Portugal, Dänemark, Malta oder Belgien ganz weit vorn und gelten als die Vorreiter in diesen Belangen.

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