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Johannes Oerding // © vvg

Im Interview Johannes Oerding

vvg - 10.05.2015 - 11:00 Uhr

Der 33-jährige Wahl-Hamburger aus dem Rheinland gibt der deutschsprachigen Popmusik einen neuen, frischen Anstrich. Mit jedem seiner Lieder schafft er ein in sich stimmiges Kunstwerk und kreiert mitreißende Emotionswelten. Kein Wort zu viel, keine Silbe zu wenig. Wir sprachen mit Johannes zwischen beiden ausverkauften Konzerten in Köln.

Johannes, du hast 2009 dein erstes Soloalbum „Erste Wahl“ genannt. Kommt der Name daher, dass dich u.a. Simply Red, Ich & Ich, Ina Müller und Stefanie Heinzmann ins Vorprogramm ihrer Tournee buchten?
Das hat vielleicht auch mit dazu beigetragen. Im Grunde war es so, dass ich für mich erkannt habe, dass die Musik zu dem Zeitpunkt meine erste Wahl war. Ich habe da alles auf eine Karte gesetzt, hab bei null in Hamburg angefangen und losgelegt. Und das war ein guter Startschuss. Für Simply Red habe ich einfach ans deutsche Management eine Anfrage geschickt und irgendwie hat das funktioniert. Bei Ich & Ich war es ähnlich und bei Ina war ich in ihrer Sendung; sie fand das gut und hat mich gefragt.

2011 kam das Album „Boxer“ heraus, 2013 folgte „Für immer ab jetzt“ und Anfang 2015 ist „Alles brennt“ erschienen. Ist es Zufall, dass alle Alben im Januar herauskamen?
Das funktionierte immer recht gut und ist ein guter Rhythmus. Ich bin der Meinung, wenn etwas Anfang des Jahres herauskommt, sind die Leute noch frisch im Kopf und die Redakteure und Radiostationen freuen sich auf etwas Neues. Das Weihnachtsgeschäft ist eh überfüllt mit großen Stars und da hat man als Newcomer kaum eine Chance. Mittlerweile sollte man vielleicht so selbstbewusst sein, mal zu einem anderen Zeitpunkt auf den Markt zu gehen. Aber eigentlich heißt es ja: Never change a winning team! Das Einzige, was schade ist, ist, dass man Anfang des Jahres nicht in die Echo-Wertung reinkommt.

Stammt der Titel „Alles brennt“ vom kürzlich verstorbenen Joe Cocker, bei dem du auf seiner „Fire it up“-Tour zu Gast warst? Oder bist du ein kleiner Pyromane?
Das mit Joe Cocker war Zufall und Glück. Der Name entstand eher, weil ich sehr „faul“ bin. „Alles brennt“ war als erster Song fertig. Ich fand den Titel prägnant und plakativ und hatte dabei gleich Bilder von der Tour, dem Video, den Postern und den Plakaten im Kopf. Also nannte ich auch das Album so und hatte dadurch eine Diskussion weniger. Aber im Grunde bin ich tatsächlich ein Pyromane: Ich habe als Kind meiner Mutter das Feuerzeug geklaut und die Baumwollgardinen angezündet. Das brannte so schön hoch. Natürlich habe ich Megaärger bekommen, weil ich dadurch fast das Haus abgefackelt hätte.

Also hat das keinen politischen Hintergrund?
Nein, aber damit setze ich mich natürlich auseinander, weil ich oft darauf angesprochen werde. Es ist schade, dass das so passt. Ich weiß auch nicht, was mit der Welt los ist, da brennt es ja wirklich an allen Orten; das ist beängstigend. Aber es war nicht meine Absicht, auf den Zug aufzuspringen. Bei mir geht es mehr um die Motivation, pro-aktiv, wenn etwas schiefläuft, Gegenfeuer zu legen, um aus der negativen Nummer wieder herauszukommen.

2013 warst du Gast bei den Scorpions. Wo bist du entspannter: Wenn du bei so bekannten Bands vor zigtausend Fans spielst oder vor 800 Fans im sogenannten kleineren Kreis, wie zurzeit auf deiner „Alles brennt“-Tour?
Es war schon gigantisch, vor 17.000 Fans mit Klaus meine Songs zu singen. Das eigene Konzert ist dagegen familiärer, weil man weiß, dass die Leute deinetwegen kommen. Das war immer mein Ansporn bei diesen Support-Gigs; eine Herausforderung, die Leute so zu überzeugen, dass die auch in mein Konzert kommen.

Das hat ja auch funktioniert. Wen hättest du denn gerne als deine Vorband?
Auf meiner Tour habe ich gerade Sebó, den kleinen Bruder von Flo Mega, dabei. Ich mache das, weil ich weiß, wie schwer es ist, Newcomer zu sein, den kein Mensch kennt. Man muss den Unbekannten die Chance geben, auch mal vor größerem Publikum zu spielen. Das ist sehr wichtig.

Was hältst du von Fernsehformaten wie „DSDS“, „Voice of Germany“ oder „X-Factor“, bei denen junge Menschen glauben, dadurch berühmt zu werden?
Ich kenne einige, die in den letzten Jahren dabei waren und viele ärgern sich im Nachhinein, dass sie mitgemacht haben. Man muss sich darüber im Klaren sein, dass es dabei nur um eine emotionale TV-Spielshow geht, die unterhalten soll, wobei die Quote und nicht der Künstler oder die Musik zählt. Und man muss sich bewusst sein, dass das nur eine kurze Aufmerksamkeit mit sich bringt und man danach einen Stempel mit sich herumträgt. Es „brennt“ nur eine kurze Zeit. Für mich persönlich wäre das nichts. Ich bin nach wie vor ein Verfechter von dem Oldschool-Weg: Proberaum mieten und spielen, spielen, spielen; gute Songs abliefern, Supports bekommen und sich dadurch immer weiter etablieren.

Noch einmal zu 2013: Da hast du Hamburg beim Bundesvision Song Contest vertreten und mit „Nichts geht mehr“ den 2. Platz erreicht. Ein gutes Format mit deutschen Texten. Warum ist deutschsprachige Musik international nicht so angesagt?
Das hat sicher erst einmal mit der Sprache zu tun, die eher hart, holprig, manchmal hölzern ist. Dazu ist der deutsche Markt, mit Österreich und der Schweiz ein ganz eigener; aber er ist der drittgrößte der Welt. Wir alle sind mit englischsprachiger Musik aufgewachsen, die seit dem 2. Weltkrieg den Markt prägt. Ich glaube aber, dass deutsche Produktionen den internationalen in nichts nachstehen. Unsere Sprache ist nur noch nicht so etabliert, aber das kommt immer mehr.

Wie entstehen deine Songs?
Ganz klassisch, es passiert einfach. Das kann an den unmöglichsten Orten oder in den unterschiedlichsten Stimmungen sein. Mal wenn ich im Auto sitze, mal kurz vor dem Einschlafen. Ich muss die Idee dann nur festhalten, ansonsten ist sie am anderen Morgen futsch. Entweder hacke, spreche oder singe ich sie ins Handy oder schreibe sie auf Papier. Vor ein paar Tagen konnte ich nicht pennen, hatte aber eine gute Idee im Kopf. Da habe ich mich nachts um 4:00 Uhr hingesetzt, den Text notiert und fast den kompletten Song geschrieben. Da muss man sich dann von der Muse küssen lassen.

Du tourst bis Juni durch den deutschsprachigen Raum. Fallen dir dabei Texte ein, wie z.B. „Ich will noch nicht nach Haus“, „Hotel zur Einsamkeit“, „Die Tage werden anders sein.“ oder „Einfach nur weg“?
„Hotel zur Einsamkeit“ ist wirklich in einem Hotel entstanden, in dem ich 14 Tage bei einer kleinen Konzertgeschichte verbrachte. Ich liebe es, auf Tour zu sein, ich liebe Hotelzimmer, mache mich breit und kann am nächsten Tag einfach wieder fort. Ich brauche die ganzen Städte und Reisen, um etwas zu erleben. Kein Song fängt so an: „Ich bin zu Haus und esse Salat...“ Ich glaube, ich singe eher darüber, dass ich unterwegs sein will.
 

Johannes Oerding // © vvg

Wann war dir klar, dass deine Zukunft nur in der Musik liegt?
Ich glaube, da war ich 17. Ich war mit meiner Schülerband (als Blues Brothers für Bedürftige) irgendwo im Sauerland, wo mich ein Produzent ansprach, ob ich nicht Lust hätte, mal nach Hamburg zu kommen. Er fragte nach meiner Telefonnummer und wollte sich melden; was er dann auch tatsächlich drei Monate später tat und mich ins Studio einlud. Als ich dort die vielen goldenen Schallplatten an der Wand hängen sah, kam mir die Erkenntnis, dass man die Musik auch zum Beruf machen kann. Ich habe dann beschlossen, mein Studium zu machen, um meine Eltern zu beruhigen, und bin nach dem Diplom nach Hamburg gezogen. Das war meine „erste Wahl“.

Welcher deiner Songs ist dein ganz persönlichster?
Auf der aktuellen CD wohl „Das zweite Gesicht“. Den Song habe ich innerhalb von zehn Minuten geschrieben. Das ist aber ganz selten und eher ein Glücksfall.

Du bist noch so jung. Welche Sänger haben dich in deiner Jugend am meisten beeindruckt?
Ich bin Michael-Jackson-Fan, mag Guns N` Roses, Sting ist dabei, Bruce Springsteen habe ich später entdeckt. Und ich mag Justin Timberland seit seiner ersten Platte. Ich habe drei Konzerte von ihm gesehen, kenne jeden seiner Songs und mag ihn als Entertainer, Performer und Mensch. Und mir gefallen Soulklassiker wie Stevie Wonder und Prince.

Alles nur Männer?
Ich stehe gar nicht so auf Frauen. Oder doch: Pink hat die schönste Frauenstimme, die ich kenne.

Das passt: SCHWULISSIMO ist ja ein schwules Magazin aus Hamburg. Wie ist dein Verhältnis zur schwul-lesbischen Szene?
Das Magazin kenne ich natürlich. Ich bin ein Freund bunter Vielfalt und tu mich schwer damit, dass es „Szene“ heißt. Für mich sind das Menschen, wie du und ich. Ich liebe es, wenn alles bunt und unterschiedlich ist. Ich mag es, wenn Menschen sich mögen und Liebe verbreiten.

Bist du nie in eine Situation geraten, in der du dachtest: „Jetzt muss ich ganz schnell gehen“?
Als ich mit 18 oder 19 in Hamburg unterwegs war, waren wir in einer Seitenstraße in einer Kneipe, in der eine Mega-Party abging. Drinnen fiel uns auf, dass da nur Jungs feierten. Als wir kurz danach vor der Tür draußen einen Döner aßen, kamen ein paar Jungs raus und einer fragte: „Wo ist die Hete?“ Er fragte mich direkt, ob ich nicht mit reinkommen und ein bisschen rumknutschen wollte; was ich aber freundlich abgelehnte. Das Ende vom Lied war, dass ich ein Küsschen auf die Wange bekam und sie dann wieder hineingegangen sind.

Ich hoffe, es war die Wange!
Oh, so was muss man auch erst mal lernen. Ich kam ja vom Dorf und hatte mit all dem keinen Kontakt. Aber dafür war das trotzdem irgendwie Normalität; es hat mich nicht im Geringsten gestört.

Was bedeuten dir Männer-Freundschaften?
Die sind ganz wichtig. Ich habe seit 15 Jahren zwei gute Freunde, die aus meinem Dorf auch nach Hamburg gezogen sind und nichts mit Musik zu tun haben. Die holen mich immer ein bisschen runter; wenn man nur mit Musikern zusammen ist, „ver-nerded“ man irgendwann.

Männer, sagt man, haben auch eine feminine Seite. Wie drückt sich diese bei dir aus?
Ich bin mit zwei Schwestern und zwei Brüdern aufgewachsen und mit den Mädchen habe ich mich am besten verstanden. Und ich war ein Mamakind. Aber ich bin auch ein eitler Pfau. Ich schaue immer einmal zu viel in den Spiegel, was anderen auch schon auffällt. Ich lege schon großen Wert darauf, gepflegt auszusehen.

Was ja kein Fehler ist… Kannst du weinen?
Natürlich, meistens bei Restalkohol. Dann bin ich besonders empfänglich für Sentimentalitäten. In der Regel geschieht das aber aus Freude und wenn mich etwas positiv berührt; also sind das meistens die schönen Momente. Bei schmerzhaften Sachen bin ich eher wütend, da kann ich nicht weinen.

Wovor hast du Angst?
Wenn ich über den Tod nachdenke, merke ich, dass ich das Thema wegschiebe und wie mich das beunruhigt. Und je älter man wird, desto präsenter wird das auch. Wir sprachen ja schon über Joe Cocker, mit dem ich zwei Monate jeden Tag unterwegs war und gequatscht habe. Und plötzlich ist er für immer fort; das war schon ein krasser Moment. Und ich habe es auch bei einem jungen Tour-Manager erlebt. Da kommt schon automatisch die Angst, das könnte einen ja auch mal treffen.

Einer deiner Songs heißt „Wenn es einen Gott gibt“. Frage: Gibt es einen Gott?
Damit habe ich so meine Schwierigkeiten. Ich merke, dass ich sehr rational, sachlich und eher wissenschaftlich mit dem Thema umgehe und das widerspricht sich schon ein bisschen. Manchmal hoffe ich, dass ich noch etwas finde, was mich da beruhigt; gerade, wenn man sich die politische Lage in der Welt ansieht. Was ist, wenn auf einmal alles einfach „Game over“ ist? Ich bin da noch auf der Suche.

Worüber lachst du und was geht dir tierisch auf den Sack?
Ich mag flache Witze und flachen, fast schon miesen Humor. Mich ärgert Unpünktlichkeit. Und ich kann es nicht haben, wenn die Leute auf den Straßen nicht mitdenken, nur sich selbst sehen und ohne Rücksicht auf andere ihren Weg gehen. Mehr Kompromissbereitschaft im öffentlichen Leben würde mich freuen.

Wir fragen oft nach dem Beziehungsstatus. Bei dir weiß fast jeder, dass du ein Teil in „Inas Nacht“ bist. Wie reagierst du auf die immer wiederkehrende Frage, die man auch ständig Madonna, Demi Moore oder Sharon Stone gestellt hat?
Wir sind beide besondere Menschen und zusammen ein besonderes Paar. Fragen dazu nerven mich wenig. Wir sind seit sechs Jahren zusammen, es ist auch gar nicht mehr so viel „Feenstaub“ drauf. Ina ist eine polarisierende und ganz besondere Frau. Ich kann solche Fragen aber nachvollziehen, denn man steht in der Öffentlichkeit, und wenn das noch bei beiden der Fall ist, ist das einfach spannend. Wir müssen über unseren Beruf reden und da kommt man eben automatisch drauf.

Wie könnte dein Leben mit einem Musik-Titel zusammengefasst werden?
„Alles brennt".

Dieses Interview hat SCHWULISSIMO mit Johannes Oerding im April 2015 geführt.

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