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Moritz Netenjakob // © vvg

Interview mit Moritz Netenjakob „Humor ist immer eine Gratwanderung“

vvg - 02.09.2020 - 09:00 Uhr

Moritz Netenjakob ist ein Autor und Kabarettist, über dessen Kreativität man nur staunen kann. Es gibt wohl Niemanden im deutschsprachigen Raum, der nicht schon mal - wenn auch unbewusst - über einen Gag, Witz oder eine dargestellte Ironie von ihm gelacht hat.

Moritz, beschreibe in 3 Sätzen wer du bist!
Ich würde mich als satirischen Autor bezeichnen, der sowohl für Bühne und Kino, als auch in der Belletristik Texte schreibt. Früher habe ich das auch erfolgreich fürs Fernsehen gemacht, inzwischen nicht mehr. Ich bin ein zielstrebiger und ganz entschiedener Mensch, aber auch locker, emanzipiert und tolerant.

Nun hast du die Zeit der Pandemie genutzt und etwas ganz Neues für die Bühne gezaubert, richtig?
Wenn ihr das Musical „Himmel und Kölle" meint - das war eigentlich schon vor „Coronazeiten“ fertig. In der Corona-Zeit habe ich den Maler Monet verstanden, der unzählige Bilder von seinem Seerosenteich gemalt hat. Ich habe die Kirsch-Lorbeerhecke in meinem Garten täglich mit meiner Kamera fotografiert und dabei gesehen, was einen am Banalen so faszinieren kann. Die Idee für ein Köln-Musical wurde von meinem Nachbarn Hans ansKnipp initiiert, der viele Songs für die Bläck Fööss geschrieben hat. Er hat schon früh die Idee für ein Köln-Musical in mich gepflanzt. Zusammen mit Dietmar Jacobs habe ich drei Jahre daran gesessen, das letzte Jahr am intensivsten.

Um was geht es bei „Himmel und Kölle"?
Dietmar Jacobs hatte die Grundidee: Ein Jungpfarrer, der im Leben noch nichts von der Welt gesehen hat, wird nach Kölle versetzt. Obwohl ihm weiß gemacht wird, Köln sei die katholischste Stadt überhaupt, erlebt er Sodom und Gomorrha - inklusive einer "Männerfreundschaft". Der zweite Erzählstrang ist die Geschichte einer jungen Frau, die einen reichen Mann heiraten soll den sie nicht liebt. Beide verlorenen Seelen begegnen einander und erleben „Himmel und Kölle".

Muss man ein Kölner sein, um ein Musical über die Stadt zu schreiben?
Nein, sonst hätte mein Co-Autor nicht mitschreiben können. Aber man sollte schon eine Zeit lang in Köln gelebt haben, um die Mentalität der Menschen studieren zu können. Ich bin ein echter Kölner mit Migrationshintergrund - weil meine Eltern aus Westfalen kommen. Das Besondere an Köln ist die Atmosphäre. Die Toleranz und die Beziehung zwischen den Zugezogenen ( auch „IMIS“ genannt) und den Einheimischen ist einmalig. Das weiß jeder, der schon einmal in Köln war. Und nicht ohne Grund hat Köln den Ruf, die Hauptstadt der Schwulen zu sein.

Du bist Comedian und Kabarettist, worin liegt der Unterschied?
Das Wort Comedian vermeide ich inzwischen weil es einen negativen Beigeschmack bekommen hat. Humor und Satire werden hier oft auf unterstem Niveau praktiziert. Ich bezeichne mich inzwischen am Liebsten als Satiriker. Auf die Bühne bin ich eigentlich eher als Notlösung gegangen, weil mir beim Fernsehen immer die besten Ideen abgelehnt wurden. Auf der Bühne habe ich erkannt: hier kann ich tun, was ich will!

Du bist auch einer der bekanntesten Gag- Autoren Deutschlands - die Gags bei „Pastewka“, „Ladykracher“, „Wochenshow“, „Switch Reloaded“ und „Stromberg“ stammen alle aus deiner Feder. Wie kamst du dazu, für andere zu schreiben?
Mein erster Text war für „Hurra, Deutschland". Die Politiker-Gummipuppenserie dürfte den Älteren noch bekannt sein. Mein erster fester Job war bei RTL in der „Dirk Bach Show", die trotz des Sendeplatzes um 23 Uhr ein riesiger Überraschungs-Erfolg wurde. Sie wurde übrigens von Bill Mockridge inszeniert. So war der Weg zu den Springmäusen nicht weit, und irgendwann war ich in der Branche drin.

Moritz Netenjakob // © vvg

Haben Gags für Männer (Pastewka & Stromberg), Frauen (Anke & Hella), für Türken (Serhat Doğan & deine Ehefrau) sowie für Schwule (Dirk Bach & Markus Barth) eigene Regeln? Und lachen Heten, Türken und Schwule über die selben Witze?
Die Frage ist gut und es gibt sicher streitbare Abhandlungen darüber. Ich denke der Humor hat mehr mit den kulturellen Werten zu tun, als mit der sexuellen Orientierung oder dem Mix der Gene. Ich vermute, dass eine frei denkende lesbische Afghanin meinen Humor eher teilt als ein engstirniger heterosexueller Deutscher. Jetzt wo ich das sage würde ich es zu gerne testen. (lacht) 

Political Correctness ist sinnvoll wenn sie verhindert, dass Menschen diffamiert werden. Aber im Übermaß tötet sie jede Parodie. Humor ist immer eine Gratwanderung.

Du schreibst selbst für die Stunksitzung. Ist Humor im Karneval anders?
Karneval hat wahnsinnig viele Facetten. Ich bin eher der alternative Karnevalist und habe auch für die die Immi-Sitzung gearbeitet. Mit den meisten tradierten Sachen im Karneval z.B. Büttenreden kann ich nichts anfangen. Ausnehmen davon möchte ich aber ausdrücklich Marc Metzger, über den ich sehr herzhaft lachen kann.

Warst  du als Kind schon ein Witzbold? Ist man automatisch lustig, wenn man wie eine Titelfigur von Wilhelm Busch heißt?
Fast jeder hat mich in Kindertagen gefragt: „Wo hast du denn den Max gelassen?“. Ich habe als Kind schon immer mit Humor gearbeitet, war aber nicht extrovertiert und habe die Gags nicht so laut kommuniziert. Später im Gymnasium habe ich mich zum Pausenclown entwickelt.

Was hattest du für Träume als Kind?
Meine ersten beiden Berufswünsche waren Zirkusclown und Fußballreporter. Heute bin ich ungefähr in der Mitte von beiden. (lacht) Es gibt sogar eine Nummer in meinem Programm, bei der ich „Hänsel und Gretel“ als Fußballreporter erzähle.

Wie schaut dein Traum vom eigenen Café aus - bist du ein Milchschaumschläger?
Das war ein Projekt, welches von meiner Frau Hülya ausging. Es war ein sogenanntes intimes Kaffee-Kabarett für 50 Besucher mit Gastauftritten. Das Programm wurde sofort Kult, wir waren Monate im Voraus ausverkauft. Mit dem Café - das lief aber ehrlich gesagt nicht so. Davon übriggeblieben ist also nur der Roman „Milchschaumschläger“.

Du lebst in zwei Kulturen, deine Ehefrau, Schauspielerin Hülya, sowie Schwager, Kabarettist Serhat Doğan, kommen aus der Türkei. Du hattest ein Programm „Meine dicke, freche türkische Familie“. Fällt dir der Spagat zwischen den Kulturen leicht oder bringt er sogar Vor(ur)teile?
Es hat für mich viel mehr Vorteile als Nachteile. Alle meine größeren Erfolge, die ich in jüngster Zeit hatte, haben ja mit dem Thema „Deutsche und Türken“ zu tun. Mir ist zum ersten Mal wirklich klar geworden, das Werte kulturell bedingt sind und man viele Dinge von mehreren Seiten sehen kann. Im Westen spielt die Individualität eine große Rolle, in der Türkei die Familie. Da gibt man schon mal eine Karriere wegen der Familie auf. Heute erleben wir  - gerade in Corona-Zeiten - wie wichtig eine Familie ist.

Dein Buch „Macho Man“ wurde mit Christian Ulmen verfilmt - ist es eine Autobiografie? Das Alter und die Liebe zu einer Türkin stimmen ja.
Es ist autobiografisch und inspiriert von dem, was ich mit meiner Frau erlebt habe - im Buch eher als in der Verfilmung. Die Geschichte zeigt die Entwicklung eines „Weicheis“ zum „Macho Man“ und die Suche nach der gesunden Mitte, wie ein Mann sein könnte.

 

Wann ist denn für dich ein Mann ein Mann?
Ich selber habe mir nie Gedanken darüber gemacht. Auf jeden Fall sollte er menschlich sein. Das Thema „Mann und Frau“ ist inzwischen einfach zu klischeebelastet, um es in wenigen Sätzen abzuhandeln. Ich versuche die Antwort mit meiner Arbeit zu geben, wie eben im Roman „Macho Man“.

Moritz Netenjakob // © vvg

Du hast mit Markus Barth das Programm „Zuckerfest für Diabetiker“. Was hat euch zusammen gebracht?
Wir haben nicht nur ein Programm, sondern mehrere Projekte miteinander. Wir kennen uns schon sehr lange. Kennengelernt haben wir uns auf einem Sketch-Seminar, wo wir beide als Gast-Dozenten gebucht waren. Es war mir anfangs nicht auffällig, dass er schwul ist. Erst als er mit seinem Freund auftrat wurde mir das klar.

Welche Berührungspunkte hast du zur schwul-lesbischen Szene?
Meine ersten Texte habe ich für die Dirk Bach Show geschrieben. Ich war als Fan unzählige Male in seinem Stück „Edgar“ und kann behaupten, durch Dirk in die Branche gekommen zu sein. Eigentlich hatte ich vor, nach England zu gehen, wo die Monty Pythons für mich das Maß der Dinge waren. Durch Dirk und seine Persönlichkeit bin ich in Deutschland geblieben. Mich hat eine wunderbare kollegiale Freundschaft mit Dirk verbunden. Von ihm habe ich viel gelernt, u.a. dass der Humor viel aus der Person kommt. Der Text kann profan sein - richtig vorgetragen sorgt er für Lachanfälle. Für „Hella und Dirk“ habe ich auch alle Texte geschrieben. Wie z.B. „Adolf und Eva", "Marx & Engels", oder „Die philosophischen Sushi-Rollen". Wir hatten unglaublichen Spaß bei den Szenen. Ich finde es hätte eine Fortsetzung verdient.

Kannst du auch weinen?
Tatsächlich habe ich das erst mit 26 Jahren in der Psychotherapie gelernt. Bis dahin habe ich dem klassischen Männerbild entsprochen und eigentlich nie geweint. Vielleicht habe ich auch dadurch erst meinen Humor entwickelt. Humor stellt ja eine Distanz zu Gefühlen her und ist meine Art gewesen, mit schwierigen Themen umzugehen.

Das Theaterstück „Extrawurst“ hast du auch wieder mit Dietmar Jacobs geschrieben. Welche Extrawurst würdest du dir persönlich wünschen?
Wenn wieder richtig Publikum kommen dürfte, weil Humor am besten funktioniert wenn man eng zusammen sitzt.

Was macht dich wütend?
Schlechte Schiedsrichter, Humorlosigkeit und wenn Menschen nicht mehr miteinander kommunizieren, weil alle an der Richtigkeit der eigenen Meinung festhalten.

Ab wann, wo und wie kann man dich wieder live erleben?
Die Termine aller Programme stehen auf meiner Homepage www.netenjakob.de. Wenn alles klappt, geht es im September wieder los. Das Musical „Himmel und Kölle“ hat dann am 29. Oktober in der Kölner Volksbühne Premiere.

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