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Leserumfrage // © Sabrina Bracher

Leserumfrage Wir sind bunt

vvg - 13.08.2021 - 09:00 Uhr

Als wir zum ersten Mal die Regenbogenflagge mit den bunten „Europasternen“ sahen, fragten nicht nur wir uns, was sich hinter den kleinen Fahnen verbirgt. Wir machten uns auf die Suche nach Menschen, die sich mit den ungewohnten Fahnen mehr oder weniger identifizieren.

Ich definiere mich als divers, denn ich fühle mich zwischen den Geschlechtern beheimatet. Mit dem heutigen Begriff bin ich non-binär. Ich habe schon seit frühester Kindheit den Hang, Frauenkleider anzuziehen. Meine Mutter fand das furchtbar und hat mich mit 7-8 Jahren zu einer ärztlichen Hormontherapie gebracht, wo ich Testosteron verabreicht bekam. Es hörte dadurch aber nicht auf und ich zog weiter Kleider an. Ich begriff, dass in mir beide Geschlechter stecken. Im aufkommenden Internet war ich einer der ersten, der sich über Trans informierte und stellte fest, dass ich nicht allein mit dieser Identifikationssuche war. Ich fand Gleichgesinnte, wir tauschten uns aus und es half mir, mich als „normal anders“ zu betrachten.

So richtig gehöre ich aber keiner definierten Richtung an, ich würde mich selbst als heterosexuell - lesbisch bezeichnen, da ich in meiner Person zwischen Mann und Frau nur auf Frauen stehe. Meine jeweilige Rolle finde ich über meine Kleidung, die männlich und weiblich sein kann. Eine Geschlechtsoperation ziehe ich nicht in Betracht, da möchte ich Mann bleiben. Allerdings lasse ich meine Bartbehaarung mittels Laser entfernen.

Ich habe keine Beziehung, ich habe noch nicht den richtigen Deckel gefunden. Das hat mehrere Gründe, ich war früher sehr schüchtern und habe mich eher in die Arbeit gestürzt. In den letzten Jahren habe ich meine kranken Eltern gepflegt. Ich bin aber in Siegen in einer Selbsthilfegruppe mit Gleichgesinnten im „Andersrum“, die sich einmal monatlich trifft. In Corona-Zeiten gibt es aber nur Online-Konferenzen - das ist nicht so mein Ding. Ich brauche das persönliche Gespräch. Als Heterosexueller fühle ich mich der Regenbogen-Community zugehörig, bin beim CSD in Siegen dabei und fühle mich integriert.
Christian aus Freudenberg/Siegerland
 

Christian // © vvg

Ich bezeichne mich als queer, trans*, genderqueer oder genderfluid. Bei der Geburt wurde ich als weiblich eingeordnet, aber schon als Kind habe ich gemerkt, dass das für mich nicht passt. Mit drei Jahren habe ich mich als Junge definiert, mich danach als Lesbe geoutet, was recht einfach war, da meine Mutter sich auch kurz vorher als lesbisch geoutet hatte.

Als mich jemand über Transgender aufklärte und ich mich darin wiederfand, war mein Trans-Outing dann aber schwieriger. Es ist schwer zu vermitteln oder zu erklären. Was ich aber empfehlen kann: Ich habe mir für meine Selbstfindung Zeit gelassen und habe nur auf mein Innerstes gehört. Die Phase des Beginns meiner Transition mittels Hormonbehandlung war für mich am anstrengendsten, weil ich noch unsicher war und ich in der Öffentlichkeit oft angepöbelt und misgendert wurde. Anfangs hatte ich noch weitergehende Pläne, wie Operationen, gegen die ich mich später entschieden habe. Heute mag ich meinen Körper, wie er ist, da kann keiner dran rumkriteln. Als Drag- und Burlesque-Künstler:in macht es mir Spaß, mit meinem Aussehen die Leute zu verwirren: Mein Körper macht mich dabei besonders.

Da ich in Zeiten der Regenbogenfahne großgeworden bin, bevorzuge ich dieses Symbol. Da ist alles drin, trotzdem finden sich einige Menschen nicht in ihr wieder. Bei einer weiteren Aufspaltung entsteht jedoch auch die Gefahr einer gesellschaftlichen Entsolidarisierung. Ich identifiziere mich ja auch noch mit der Trans*-Fahne, der Bären-, der BDSM-Flagge und sicher gibt es auch noch andere „Schubladen“, die zu mir passen, wie non-binär zum Beispiel. Den Begriff benutze ich manchmal, wenn ich mich mit Jugendlichen unterhalte, die sich neue Begriffswelten geschaffen haben. Ich bin weder 100% Mann noch 100% Frau und liebe Männer, Frauen und alle möglichen anderen Geschlechter.
Kay P. Rinha, Fettaktivist und Transperformer aus Berlin
 

Kay P. Rinha // © vvg

Ich habe nach meinem Outing-Prozess ein Jahr mit mir gehadert, ob ich nun wirklich schwul bin oder nicht. Ich fand zwar, wenn mein zweieiiger Zwillingsbruder von schönen Schauspielerinnen schwärmte, die männlichen Darsteller immer hübscher, aber ich war mit mir noch nicht ganz im Reinen. Nachdem ich im Internet die Staffel "Kuntergrau" gesehen hatte, habe ich mich ins schwul-lesbische Jugendzentrum anyway getraut, um Gleichaltrige kennenzulernen. Dort habe ich bemerkt, dass ich auch Mädchen attraktiv fand. Ich könnte mir mit Jungen aber dennoch eher etwas Romantisches als mit Mädchen vorstellen – das Prozentverhältnis Junge zu Mädchen ist etwa 70:30. Ich bin kein Typ, der alle zwei Wochen etwas Neues sucht; mir fehlt nichts und wenn's mal pressiert, habe ich meine Bezugspersonen. Ich muss den Menschen kennen, von schnellen Nummern halte ich nichts. Ich bin auch nicht der Typ, der einen Mann haben muss, wenn er mit einer Frau zusammen wäre, oder umgekehrt. Das entspricht eher dem Klischeedenken einiger Leute, für die eine Beziehung mit Bisexuellen nicht in Frage käme, weil sie glauben, ein Geschlecht würde allein nicht reichen.

Wenn ich mich in eine Person verliebe, kann ich auch monogam sein. Aber ich käme auch mit einer offenen Beziehung klar. Grundsätzlich ist, wenn Bedürfnisse nach SEX mit anderen auftreten, ist es wichtig, offen und ehrlich darüber zu sprechen. Wenn das nicht klappt, was soll dann klappen? Ich bin auch nicht eifersüchtig und hätte kein Recht, jemanden einzuschränken, wenn der-/ diejenige Interesse an jemand anderem hätte. Damit schade ich ja nicht nur mir, sondern auch meiner Beziehung. Meine Eltern haben auf mein Outing gut reagiert und mich unterstützt. Meine Großeltern wissen es nicht: sie leben in der erzkatholischen Bischofstadt Fulda.
Leon, Fulda / Köln
 

Leon // © vvg

Ich zähle mich zu den transsexuellen Menschen, meine geschlechtliche Identität ist männlich. Bei meiner Geburt wurde mir wegen der äußeren körperlichen Merkmale das weibliche Geschlecht zugewiesen, ich identifiziere mich aber mit dem männlichen. Das bedeutet transsexuell zu sein. Bewusst wurde mir das eher schleichend, als sich in der Pubertät die Geschlechtsmerkmale verstärkten, ich aber nicht der mir zugeordneten Rolle entsprechen konnte. Da war ich ungefähr 14. Derzeit – ich bin jetzt 20 – befinde ich mich am Anfang meines Transitionsprozesses. Es ist schwierig einen Therapieplatz zu bekommen, ich bin auf Dezember dieses Jahres vertröstet worden. Aber jeder Tag ist ein verlorener Tag für mich. Trotz alledem habe ich mich auch im Studium geoutet, ich möchte schon als männlich gesehen werden. Ich möchte auf jeden Fall die Hormontherapie machen und auch die Oberkörperangleichung. Wegen dieser zeitlichen Verzögerungen durch die behördlichen, auch psychisch belastenden Vorgänge kämpfen wir auch für das Transsexuellen Gesetz, damit der Transitionsprozess früher beginnen kann.

Meine Freunde haben das gut aufgenommen, die meisten kommen auch aus der LGBTQ*-Community. Meine Mutter hat super reagiert, mein Vater hat etwas gebraucht. Seinen Kommentar: „Da stehst du ja jetzt auch auf Frauen", musste ich verneinen, ich bevorzuge das männliche Geschlecht. Ich finde das labeln der sexuellen und geschlechtlichen Identität nicht gut. Ich bezeichne mich als queer, denn wer weiß, ob mir nicht irgendwann eine tolle Frau über den Weg läuft.

In der Community fühle ich mich in Deutschland gut aufgehoben, auch wenn es Anzeichen einer Radikalisierung gibt, z. B. in England die TERFS (trans-exclusive radikale Feministinnen), die sich in ihrem feministischen Kampf durch Trans-Frauen bedroht fühlen.
Lex aus Hürth
 

Lex // © vvg

Meine Pronomen sind ER und IHM. Ich bezeichne mich als pansexuellen, transmaskulinen und nichtbinären Menschen. Das mag im ersten Blick für den Außenstehenden Fragezeichen im Kopf hervorrufen. Ich sehe das Geschlecht eher als Spektrum und nicht nur als Mann- oder Frau-Zuschreibung. Um es verständlicher auszudrücken, alle Geschlechterrollen, die sich nicht alleinig als Mann oder Frau verstehen, könnten unter „Trans“ zusammengefasst werden. Darunter gibt es einmal die körperliche Definition, aber ebenso die seelische. Da „Trans“ aber geschichtlich oft fälschlich mit einer Krankheit verbunden ist, entstanden die Begriffe nicht-binär, genderqueer und genderfluid. Pansexuell bestimmt meine sexuelle Orientierung, es erweitert die Bisexualität um die Liebe zu nicht-binären Personen.

Ich bin 31 Jahre alt und hatte mein queeres Comingout erst vor 1 ½ Jahren. Vielleicht habe ich mich in meiner Berufswahl und meinem Tätigkeitsfeld unbewusst dafür entschieden in LGBTI*- Bereichen zu arbeiten, weil ich innerlich spürte, dass ich nicht in die vorhandenen Schubladen passe. Erst hier ist mir durch den Kontakt zu transmaskulinen Menschen klargeworden, wie ich mich einordnen kann. Wenn mich Menschen interessieren, steht nicht das Geschlecht im Vordergrund, sondern die Ausstrahlung und auch Wesenszüge wie Kritikfähigkeit, Selbstkritik oder einfach die Lebensart. Aber Sommersprossen finde ich schon sehr sexy.

In meinen neuen Ausweis müsste ich mich als nicht-Binärer Mensch entscheiden, ob ich „divers“ angebe oder das Geschlecht streichen lasse. Für meine Zukunft wünsche ich mir auf individueller Ebene, dass ich in meinen persönlichen Findungsprozess vorankomme. Für Beziehung bin ich offen, eigene Kinder kommen für mich nicht in Frage. Und ich möchte auf der LGBTI*-Ebene tätig sein, da ist noch ziemlich viel zu tun.
Samlias, Köln und Mühlhausen/Thüringen
 

Samlias // © vvg

Asexualität ist im Grunde genommen, das nicht vorhandene sexuelle Verlangen nach einem oder mehreren Geschlechtspartnern. Allerdings gibt es einen Unterschied zwischen der vollkommenen Asexualität, die Menschen beschreibt, die sogar keine Masturbation betreiben, also tatsächlich keusch leben und der Gray-A-Sexualität, die das restliche Spektrum der Asexualität umfasst, z.B. Menschen die kein Verlangen nach SEX haben, aber es aus Drittgründen machen. Sei es bei Heteropaaren der Kinderwunsch, oder auch aus Liebe und Rücksichtnahme zum Partner / zur Partnerin. Ansonsten zählt auch dazu, wenn man masturbiert. Asexualität wird oft mit Prüderie verglichen, sie kommt aber immer von einem selbst und wird nicht von anderen Personen befohlen (wie zum Beispiel in der Kirche oder in Klöstern).

Ich habe schon in meiner Jugend während meiner sexuellen Selbstfindung festgestellt, dass ich nie das Bedürfnis hatte, einen Freund oder eine Freundin zu finden. Mir ist das Geschlecht eines Menschen nicht wichtig. Ich kann mir auch eine romantische Beziehung mit trans- und nichtbinären Menschen vorstellen, ich spreche da von Panromantik. Ich hatte nie ein Outing, in meinem Umfeld spielt die sexuelle Orientierung eine untergeordnete Rolle. Wenn ich Lust auf Kuscheln habe, geschieht das eher auf freundschaftlicher Basis und dafür habe ich durchaus meine Leute. Ansonsten bin ich nicht auf Körperkontakt aus. Aber tatsächlich hatte ich im Jahr 2020 eine zweimonatige Beziehung mit einem anderen asexuellen Partner.

Ob wir der Community zugehören? Das kommt auf jedes einzelne Individuum in dieser Gesellschaft an. Wenn es um Akzeptanz geht, haben asexuelle Personen mit Sicherheit ebenso wie Bisexuelle oder Trans-Menschen in einigen Gruppen mit Vorurteilen zu kämpfen. Und die sind teilweise homo- und transphober als in der Heterogesellschaft.
Tim (Heidelberg / Düren)

 

Tim // © vvg

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