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Ratz und Rübe – Queer Family

Ratz und Rübe – Queer Family „Mir geht es darum, das Ganze weiterzuentwickeln, queer weiterzudenken und ich möchte auf jeden Fall BPoC Personen miteinbeziehen“

km - 08.03.2022 - 10:00 Uhr

Die Rosa Strippe bietet in Bochum mit dem Projekt „Ratz und Rübe – Queer Family“ die Möglichkeit des begleiteten Austausches und des Gesprächs: Sowohl mit anderen Paaren bzw. einzelnen LGBTI*-Personen, die einen Kinderwunsch haben und eine Familie gründen möchten, diesen aber bisher nicht erfüllt bekommen haben, als auch mit LGBTI*-Menschen und deren Kindern, die in Regenbogenfamilien leben. Bisher ist “Ratz und Rübe” von der Rosa Strippe ehrenamtlich geführt worden. Jetzt wird es durch die Unterstützung der Stadtwerke Bochum im Rahmen der Zukunftsprojekte weiter ausgebaut werden.

 

An jedem zweiten Sonntag im Monat von 15.00 Uhr bis 18.00 Uhr im café freiRAUM. finden die Treffen statt. Begleitet wird das Angebot von zwei ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen, die selbst in Regenbogenfamilien leben und darüber hinaus über pädagogische Fachkenntnisse und Beratungserfahrung verfügen. 
SCHWULISSIMO sprach mit Nicky Ulrich, die das Projekt übernommen und erweitert hat.

Nicky Ulrich © Privat
Nicky Ulrich © Privat

Woher kommt der Name „Ratz und Rübe“? Ist das von der Siebzigershow Rappelkiste abgeleitet und wie kam es zu diesem Projekt?
Ich befürchte, ja. Nein, den Begriff habe ich tatsächlich nur genommen, weil es dieses Projekt schon seit über 12 Jahren hier in der Rosa Strippe gibt oder gab. Bisher allerdings ehrenamtlich geführt, nur einmal im Monat und ich dachte es gibt so bestimmte Sachen, die haben sich derartig etabliert, dass ich den Namen übernehmen wollte. Ich habe nur den Zusatz „Ratz und Rübe - ein queer Family Projekt“ mit drangehangen. Mir geht es einfach darum, das Ganze weiterzuentwickeln. Weiterzudenken, also auch queer weiterzudenken, ich möchte auf jeden Fall BPoC Personen mitdenken. Die Basis meiner Arbeit in der Rosa Strippe ist ein Angebot für geflüchtete Menschen und mir war direkt von Anfang an klar, dass auch die Menschen mit Fluchthintergrund zu uns kommen. Das sind, würde ich sagen 85% männlich-gelesene Geflüchtete, also auch Schwule oder auch Trans-Menschen. Die auch später, nachdem sie sozusagen Aufenthaltsgestattung bekommen haben oder Niederlassungserlaubnis haben, eine Familie gründen möchten. Und das ist mir sehr wichtig, dass diese Punkte dann direkt schon mit integriert sind in dem ganzen Angebot. Ich möchte über den ganzen Monat hinweg beraten und habe einfach einen Antrag gestellt bei den Stadtwerken in Bochum. Wir haben eine Finanzierung für über drei Jahre bekommen.

Was sind denn so die die häufigsten und vor allen Dingen größten Hindernisse auf dem Weg zur Regenbogenfamilie?
Der Weg zum Kind ist für lesbische Paare definitiv einfacher als für schwule Paare oder für Paare die Co-Parenting machen. Dort stellt man sich die Frage, wo der Samen herkommt, wie sieht es aus mit einer begleitenden Gynäkologin und wie ist die Einbindung einer Hebamme, die offen mit diesem Thema umgeht. Wie ist es im Krankenhaus bei der Entbindung? Wie sind die Geburtsvorbereitungskurse? Ein anderer Schwerpunkt ist eine Adoption und das bei männlichen wie bei Frauen-Paaren. Wie kann man da mit dem Jugendamt in Kontakt treten? Wie kann man Jugendämter sensibilisieren, dass auch Paare verschiedenen Geschlechts oder auch Transpersonen einfach die Möglichkeit bekommen, Kinder zu adoptieren oder auch eine Pflege-Familie zu werden.

Ihr wollt mit Vorurteilen aufräumen und es gibt die sehr konservative Aussage „ein Kind braucht einen Vater und eine Mutter.“ Gibt es Studien, die solche Thesen widerlegen?
Ich habe für den Antrag welche genutzt, die gibt es definitiv, die kannst Du finden. Das ist eigentlich klar, dass gerade Kinder, die in gleichgeschlechtlichen Familien aufwachsen meistens einen sehr viel festeren Background bekommen als es vielleicht in heterosexuellen Familien oft der Fall ist. Queere Eltern setzen sich vielmehr mit dem Thema auseinander und die Kinder sind tatsächlich Wunschkinder. Aufgrund der eigenen Diskriminierung, die man so erlebt im Alltag, werden die Kinder mit einem ganz anderen Empowerment-Gedanken behandelt und erzogen.

Gibt es noch andere Vorurteile, die du gerne mit dem Projekt ad acta legen würdest? Die Du immer wieder hörst?
Ein riesiges Vorurteil ist, dass in diesem Kontext einfach auch so oft von Pädophilie gesprochen wird. Also gerade auch wenn männliche Eltern Kinder adoptieren. Das ist etwas, wo wir gesamtgesellschaftlich sehr viel mehr drüber schauen müssen und dem Ganzen etwas entgegenbringen müssen.

© Kemal Yildirim
© Kemal Yildirim

Was sind die Grundvoraussetzung für jemanden, der queer ist und der jetzt eine Familie gründen will? Was musst du mitbringen außer jede Menge Geduld?
(lacht) Erstmal muss man klären, wie man das Kind bekommen möchte. Es gibt verschiedene Möglichkeiten und dann wäre ein wichtiger Aspekt sich notariell beraten zu lassen oder vielleicht auch einen notariellen Vertrag aufsetzen zu lassen. Man darf nicht unterschätzen, dass sobald Du ein Kind bekommst, kommen Emotionen ins Spiel, mit denen hättest du nicht gerechnet.
Außerdem sollte man sich in einer Beratungsstelle wie der unseren oder überall in ganz Deutschland beraten lassen.
Du musst dich einfach auf vieles vorbereiten, wir haben einen Ablaufplan erstellt, was dann letztendlich auf die Menschen zukommt. Das ist auch von Region zu Region und von Bundesland zu Bundesland nochmal anders. Meine Empfehlung ist, sich mit einer Beratungsstelle in Verbindung zu setzen. Es geht schließlich darum, dass Du die Anerkennung für dein Kind haben möchtest, also als dein Kind, wenn du es nicht geboren hast und das baut einen unglaublichen Druck in dir auf.

Welche Kosten kommen da auf einen zu?
Die notariellen Kosten liegen so bei 190 €. Die Kosten für die Zeugung des Kindes sind im Vorfeld auf jeden Fall auch zu beachten. Diese Kosten sind hoch, egal ob das jetzt in Deutschland oder Niederlanden, Dänemark, Tschechien oder Polen gemacht wird. Allein die Grunduntersuchung, die wir in Holland gemacht haben kostete 380 € - nur für die Untersuchung. Ich weiß von anderen, die für eine künstliche Befruchtung in den 5.000 € Bereich gehen.

Kann man solche Kosten bei der Krankenkasse einreichen?
Bei lesbischen Paaren sponsert die Krankenkasse den ersten Versuch und alle weiteren musst du selber bezahlen. Ich habe gerade einen Transmann mit Gebärmutter in der Beratung und gerne der Mann würde die verbliebenen Eier aus der Gebärmutter gerne noch einfrieren lassen. Das sind unglaubliche Kosten und die übernimmt eine Krankenkasse eigentlich nur aufgrund eines Urteils.

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