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„Offene Beziehung“ // ©  VladOrlov
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„Offene Beziehung“ Mythos oder Konzept?

kk - 16.08.2020 - 10:00 Uhr

Eine Beziehung mit allen Freiheiten, die man sich wünscht und dennoch auf Vertrauen aufgebaut ist? Das verspricht das Konzept der so genannten Offenen Beziehung, in der alle Beteiligten voneinander wissentlich die Freiheit ausleben können, auch andere Sexpartner zu haben. Aber warum gibt es den Drang eine solche Partnerschaft zu führen und bedeutet dies nicht automatisch das Ende einer (klassischen) Beziehung? Worauf sollte man achten, wenn man sich auf so eine Beziehung einlässt? Diese Fragen und viel mehr, vor allem in Bezug auf LGBTI*-Partnerschaften werden im Folgenden beantwortet:
 

Gerade in der LGBTI*-Szene setzt man auf alternative Lebenskonzepte und -stile: Die offene Beziehung verspricht dabei genau das leben zu können, denn sie setzt statt auf feste (und festgefahrene) Rollenmuster auf Selbstbestimmung und Freiheit. Sie bricht mit gängigen Moralvorstellungen und konventionellen Erwartungen so wie es Schwule, Lesben, Bisexuelle bis heute in vielen Gesellschaftsbereichen immer noch tun. Eine Umfrage unter Homosexuellen in Großbritannien zeigte zum Beispiel, dass 41 Prozent bereits in einer offenen Beziehung leben oder gelebt haben. Drei Viertel finden diese Beziehungsform „großartig“. Diese Begeisterung für das Konzept der offenen Beziehung in der LGBTI*-Szene wird darauf zurückgeführt, dass vielen in der Jugend vorgeworfen wurde, nicht „normal“ zu sein und sie deshalb nun eben auch Beziehungen „außerhalb der Norm“ führen wollten.

Diese Norm wurde erstmals im Jahr 1972 in dem Buch „Open Marriage“ von den Schriftstellerehepaar Nena und George O’Neill in Frage gestellt und das Konzept führte in den USA zu kontroversen Diskussionen: Im Zuge der sexuellen Revolution und in der Hippie-Ära wurde viel damit experimentiert, da die meisten Monogamie für eine Lüge oder gar Widernatürliches hielten. Liebe sollte vielfältig verschenkt werden können und Studien zeigen, dass auch heute viele von der Idee einer offenen Beziehung fasziniert sind, auch wenn die meisten in einer monogamen Partnerschaft leben (zumindest nach außen hin). Doch was, wenn man die Fantasie in der Realität ausprobiert? Welche Probleme verschwinden und welche kommen womöglich dazu?

Bevor man sich auf dieses Abenteuer einlässt, sollte man sich fragen, ob man überhaupt der Typ dafür ist: Will man wirklich den Partner mit jemand anderem teilen und das in jeder Hinsicht? Eifersüchtige Menschen sollten das Konzept schnell hinterfragen, denn selbst wenn sie die eigene Freiheit genießen, wird sie die Freiheit des anderen nur quälen. Risikofreudige Menschen werden jedoch die neue Spannung und die Abwechslung innerhalb dieser offenen Beziehungen lieben.

Und auch wenn Offenheit das Fundament einer solchen Beziehung ist, braucht auch diese Partnerschaft feste Regeln und felsenfestes Vertrauen. Diese müssen die Liebenden individuell vereinbaren und auf absoluter Gegenseitigkeit basieren, denn es gibt eben auch Gefahren die in einer offenen Beziehung lauern: Es kann sein, dass sich Menschen innerhalb dieses Lebenskonzept verändern, da sie permanent mit Neuem konfrontiert werden und so sich auch die Balance innerhalb der Beziehung verschiebt. Man muss also bereit sein, die bereits vereinbarten Regeln neu zu verhandeln. Eine solche Beziehung ist also äußerst kommunikativ und fordernd, denn man muss nicht nur sich ständig hinterfragen, sondern auch das Konzept. Das klassische Modell ist daher bequemer und wird sicherlich eher Menschen ansprechen, die sich an gewissen Rollenbilder orientieren können und darin Halt suchen.

Und dann ist da noch diese eine Frage, um die vielleicht letztendlich alles kreist: Soll beziehungsweise kann man Sex und Liebe trennen? Eine Antwort drauf lautet vielleicht: Liebe wird nicht weniger, wenn man sie teilt. Die Maxime lautet dann, man darf nichts Fehlendes in einer Partnerschaft woanders suchen, sondern man hat einfach zusätzliche schöne Momente, die man sich gegenseitig gönnt. Nicht ausschweifende sexuelle Eskapaden sind das Ziel, sondern sich nicht mehr schuldig fühlen zu müssen, wenn man bestimmte Gedanken oder Gelüste hat. Für viele bedeutet diese Freiheit ein unsagbares Glück, denn wo Affären zur Beziehung gehören, ist diese nicht gefährdet, wenn es einmal doch zu einem so genannten Seitensprung kommen sollte.

Gerade dieses Konzept der offenen Beziehung zeigt also, dass zu einer funktionierenden Partnerschaft eben mehr als nur Sex gehört: Vertrauen, Kommunikation, Ehrlichkeit Selbstreflektion und Selbstbestimmtheit. Klingt kompliziert und anstrengend? Ja, aber hinter dem Regelwerk lockt eben das Spiel mit dem Feuer, die Aussicht ein Prickeln in Liebe und Leben zu erleben, das man eben nur mit Freiheit erlangen kann. Und damit das Feuer nicht nur wärmt und einen nicht verbrennt, sind gewisse Schutzmaßnahmen eben auch bei der offenen Beziehung nötig.

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