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Keine Finanzierung mehr dank LGBTI*-Bücher
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US-Büchereien vor dem Ende Hass, Angriffe und Bedrohungen sind Alltag für US-Bibliothekare

ms - 05.08.2022 - 16:00 Uhr

Immer wieder ist der Kulturkampf in Amerika im Zentrum zahlreicher Debatten, zumeist auf dem Rücken der LGBTI*-Community versuchen republikanische Politiker auf Stimmenfang zu gehen, stets im Blick auch die Zwischenwahlen im November dieses Jahres. Wie viele dieser Angriffe auf grundsätzliche Menschenrechte für LGBTI*-Menschen dabei tatsächlich aus Angst und Unbehagen gegenüber der “fremden queeren Welt“ geschehen oder schlicht aus politischem Kalkül passieren, ist nicht geklärt. Immer wieder gab es zuletzt Fälle, in denen Republikaner offiziell gegen die Rechte für Homosexuelle stimmten, dann aber tags darauf beispielsweise die Hochzeit des schwulen Sohnes feierten.

Was dieser Kulturkampf konkret für LGBTI*-Menschen gerade in den ländlichen Regionen Amerikas bedeutet, belegen nun einmal mehr zwei aktuelle Fälle aus Michigan und Iowa – beide Male steht im Zentrum der Angriffe eine örtliche Bibliothek. Anders als in Deutschland sind diese, zumeist kostenfreien Bildungseinrichtungen die einzige Möglichkeit im ländlichen Raum, über den sprichwörtlichen Tellerrand der Kleinstadtgazetten hinauszublicken – für schwule, lesbische und queere Menschen sind diese Bibliotheken oftmals Zufluchtsorte, um mehr über LGBTI* zu erfahren. Das ist den konservativen Kräften in den USA immer wieder ein Dorn im Auge. Mancherorts werden bereits Bücher mit queeren Themen verbrannt, in Jamestown wurde so lange gegen die örtliche Bibliothek gewettert, bis eine Mehrheit der Einwohner bei der Abstimmung der Jahresbudgets gegen weitere Finanzierung stimmte. Zwar bekundeten die meisten Bürger, wie wichtig die Bibliothek sei, doch wolle man nicht hinnehmen, dass auch Bücher mit LGBTI*-Themen angeboten werden. Wohlgemerkt handelt es sich hierbei um Unterhaltungs- und Informationsliteratur, keine Pornografie. Insgesamt verfügt die betroffene Patmos Bücherei übrigens über 90 Bücher mit LGBTI*-Themen und das bei einer Büchersammlung von insgesamt rund 67.000 unterschiedlichen Werken. Man kann die dramatische Indoktrination bereits sehen, oder?

Die Mitarbeiter der Bibliothek kämpften über viele Monate für den Erhalt der Bücher und erklärten sich sogar bereit, die LGBTI*-Bücher künftig hinter die Theke zu stellen, sodass die Besucher danach fragen müssen, wenn sie das Buch lesen wollen, doch auch das war nicht genug. Die Bücher müssen weg, sonst gibt es kein Geld mehr. Im November wird es abermals eine weitere Abstimmung geben, bleibt es bei der aktuellen Stimmenverteilung bedeutet das das Ende für die Bibliothek. Die Leidtragenden sind nicht nur alle Literatur- und Bildungsfreunde, sondern gerade auch LGBTI*-Menschen und queere Jugendliche. Vor der Abstimmung machten die Hardliner übrigens in bekannter Weise auch Stimmung gegen die Mitarbeiter der Bibliothek, sie seien allesamt pädophil und würden die Kinder mit “sündigen Wünschen“ verführen, denn immerhin wäre das alles hier keine “politische, sondern eine biblische Frage." Die erste Bibliotheksleiterin kündigte irgendwann entkräftet, der neue Chef wurde trotzdem weiterhin angegriffen und erklärte in einem verzweifelten Appell zuletzt: "Ich liebe mein Land, und ich glaube, dass das, was hier passiert, gegen den ersten Verfassungszusatz verstößt. Die Menschen, die die Bibliothek am meisten brauchen, können nicht wählen, weil sie noch Kinder sind!“ Für die Mitarbeiter der Bücherei ist klar, es handelt sich um eiskalte Erpressung. Das Ende der Posse in Jamestown ist ungewiss.

Ähnliche Vorfälle geschehen derzeit in vielen Orten und Gemeinschaften in ganz Amerika, beispielsweise zuletzt auch in Iowa. Hier musste die öffentliche Bibliothek in der Kleinstadt Vinton nach monatelangen Streitigkeiten vorübergehend geschlossen werden, weil mehrere Büchereidirektoren nach massiven Ausschreitungen immer wieder das Handtuch warfen. Hier war die Hetzjagd vom örtlichen Pastor ausgegangen, der sich selbst Bücher mit LGBTI*-Themen ausgeliehen hatte, um sie anschließend nicht mehr zurückzugeben. Darunter waren auch zwei Bücher von der First Lady Jill Biden und Vizepräsidentin Kamala Harris, die sich in einzelnen Kapiteln der Pride-Bewegung widmeten. Das reichte für die Verbannung in den Augen des Pastors bereits aus. Die aktuelle Direktorin versuchte zuletzt mit Tatendrang die Streitigkeiten zu beenden, doch die Übermacht scheint zu groß – Beobachter berichteten, wie sie aus der letzten Gemeindesitzung “kreidebleich“ hinausgeschlichen war. Abermals war über die Indoktrination der Kinder durch LGBTI*-Bücher gestritten worden. Eine örtliche Reporterin erklärte daraufhin lapidar, man müsse eben akzeptieren, dass im Mittleren Westen Homophobie weit verbreitet sei. Ob Jamestown, Vinton oder anderenorts, es sind zumeist unbekannte Kleinstädte, doch dieser Mikrokosmos zeichnet immer radikaler einen landesweiten Trend ab und markiert ein neues Schlachtfeld im Kulturkrieg: öffentliche Bibliotheken. Die Verlierer sind einmal mehr und insbesondere LGBTI*-Jugendliche.

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