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Leserumfrage // © vvg

Leserumfrage Ist die Freude an Klatsch und Tratsch ein Klischee oder bittere Realität?

vvg - 16.07.2021 - 09:00 Uhr

Irgendwo sind wir alle Lästerschwestern, da kann sich wirklich keiner freisprechen. Es gibt aber verschiedene Arten von Lästern, eine die die Wahrheit enthält und die jeder ruhig mitbekommen darf – das braucht man und es ist eine Möglichkeit, Luft abzulassen und sich abzureagieren.

Dann gibt es noch das Lästern über Körperlichkeiten – zu dick, dünn, jung, alt, behaart oder Nacktschnecke etc.. Da finde ich, gibt es eine Grenze und man sollte viel öfter mal mit Zivilcourage einschreiten, egal ob es an der REWE-Kasse ist oder in der Szene.

Beispiel: Ich arbeite an der Kasse in einem Saunabetrieb und wir haben einen netten älteren Stammgast. Zwei Jüngere hinter ihm lassen die Bemerkung fallen: „Kommt der zum Sterben hierher?“, und zwar so, dass es alle mitbekamen. Ich kannte den einen, der Spanier ist und als sie dran waren, musste ich leider sagen, dass Spanier heute nicht reinkommen. Als sich der Spanier über meine Unverschämtheit beschwerte, wies ich ihn freundlich darauf hin, dass ich es eine Unverschämtheit finde, jemanden wegen seines Alters zu diskriminieren, der für unsere Rechte gekämpft hat, damit wir überhaupt eine schwule Sauna haben. Als sie uneinsichtig reagierten, habe ich sie vor die Tür, eine Runde zum Nachzudenken um den Block geschickt. Und sie kamen wirklich wieder und haben sich entschuldigt.

Wenn man über mich lästert, kann ich ganz gut damit leben. Dafür arbeite ich schon viel zu lange in der Szene und es gibt immer Leute, denen man es nie recht machen kann. Das will ich auch nicht und das kann auch keiner. Und was du nicht willst, das man dir tu’, das füg’ auch keinem Andern zu - also wer lästert, muss auch Lästereien ertragen.
Arnd
 

Arnd // © vvg

Schwule lästern wahrscheinlich so viel, weil sie nichts Besseres zu tun haben. Teilweise weil sie neidisch sind oder einfach, weil sie einen Grund brauchen um sich zu treffen oder einfach nur um beim Lästern einen Cocktail genießen zu können

Sie lästern über alles Mögliche: über Ex-Freunde, über Leute, die man kennt oder gerade kennen gelernt hat und meistens über Leute, die sich im selben Raum befinden. Dann natürlich ganz leise, damit es keiner mitbekommt. So nach dem Motto: „Der hat sich ja wieder gehen lassen!“ Oder: „Hast du schon gesehen, was der heute wieder anhat? Also das geht überhaupt nicht!“

Im Lästern liegt aber auch immer ein Körnchen Wahrheit. Entweder beim anderen oder bei einem selbst, denn man sagt mit der eigenen Meinung auch immer etwas über sich selber aus.  Man lästert aber auch nicht mit jedem. Man hat seine feste Klatsch- und Tratschrunde: Sonntagnachmittag mit den besten Freunden, entweder beim Kaffeeklatsch oder bei Cocktails.

Wenn ich mitbekomme, dass über mich gelästert wird, bin ich schon interessiert, weil ich mich da schon hinterfrage, was ich denn wieder angestellt habe. Wenn man etwas aus der 3., 5. oder 7. Hand erfährt, ist das Erstgesagte meistens verwischt und jeder hat noch etwas dazugefügt. Es sei denn, es handelte sich um etwas Eindeutiges.

Auf der anderen Seite: so lange über einen geredet wird, ist man ja irgendwie interessant. Das ist schon wie ein Kompliment. Anscheinend bin ich Einigen so wichtig, dass sie nichts Besseres zu tun haben, als über mich zu reden. Eigentlich ist exzessiv noch nicht viel über mich gelästert worden. Lediglich damals in der Schule wurde gelästert, als es darum ging, ob ich schwul sei. Wahrscheinlich waren die blind.
Fynn                          
 

Fynn // © vvg

Vielleicht lästern Schwule, um eigene Unsicherheiten zu überspielen. Man will zwar nicht, was man selber erlebt hat, Anderen zufügen, macht es aber trotzdem. Für den der lästert, erscheint es nicht böse, aber für den, über den gelästert wird schon – wenn er es denn mitbekommt. Schwule lästern über alles - meist über Äußerlichkeiten („Der ist zu dick, zu klein, zu tuntig"), über Beziehungen („Wie kommt der nur an so einen geilen Typen?") oder über Marotten von Leuten, die einem auf den Nerv gehen. Natürlich lästere ich auch. Ich kann mich an Strandzeiten erinnern, wo reines Schaulaufen stattfand, da kam man aus dem Lästern gar nicht mehr raus. Oder man setzte sich in ein Straßencafe und beobachtete die Vorbeiziehenden. Wer da nicht lästerte, hatte anderes zu tun.

Im Grunde braucht man zum Lästern zwei Personen: eine mit der man lästert, mit der man seine Meinung teilt und eine Person, die man gemeinsam kennt und über die gesprochen wird. Man sollte nur sicher sein, dass die Person, mit der man lästert, nicht der Person, über die gelästert wird, heimlich alles erzählt. Das könnte sonst schön in die Hose gehen.

Lästern ist Psycho-Hygiene, man muss sich von mal zu mal mit jemandem, der das Thema kennt, über etwas auskotzen. Es liegt auch einige Wahrheit im Lästern und in der Regel fühlt man sich danach besser. Allerdings nur bis zur Grenze, bevor Lästerei in Bösartigkeit umschlägt. Die Grenze ist für mich erreicht, wenn man über ganz persönliche Dinge oder intime Geschichten herzieht. Eigentlich wäre es ja wesentlich besser, einem die Meinung offen und ehrlich ins Gesicht zu sagen; aber das macht man vielleicht nur beim eigenen Partner. Dann ist es aber kein Lästern mehr, sondern Kritik.
Guido
 

Guido // © vvg

Auf der einen Seite wollen Schwule Gleichberechtigung und überall akzeptiert werden, aber selber sind sie nicht dazu bereit, dies auch Anderen zuzugestehen oder einfach den Anderen zu tolerieren oder zu akzeptieren, wie er ist. Auch glaube ich, dass sich die Intoleranz unter den jungen Schwulen noch mal verstärkt hat im Verhältnis zur mittelalten Generation. Gerade das Lästerthema „Alter“ finde ich sehr beschämend. Unsere Community lebt doch von der Mischung aller Gruppen und nicht durch die Aufspaltung der Szene. Es ist wohl keiner frei davon, nie gelästert zu haben. Aber meine Grenze ist da, wo ich es auch noch direkt ins Gesicht sagen könnte. Lustig lästern finde ich okay, aber es darf nicht gegen die Würde des Menschen gehen. Alles darüber ist Rufmord, Mobbing oder Hetze.

Lästern kann zum einen eine Neiddebatte sein, man möchte sich höherstellen oder abgrenzen. Viele definieren sich über Aussehen, Klamotten, Job und Kreditkarte, aber das ist ja nicht das, was wirklich einen Menschen ausmacht. Da ist mehr Schein als Sein.

Lästern ist aber auch der Kitt, der eine Clique zusammenhält. Sich über einen Außenstehenden auszulassen, schafft für die Gruppe eine Gemeinsamkeit. Es steht eine Gruppe einem Einzelnen gegenüber und die Grenze zum Mobbing liegt ganz nah. Das habe ich auch schon am eigenen Leib erfahren. Ich hatte einen älteren Arbeitskollegen, mit dem ich in die Szene gegangen bin und es hieß sofort, ich wäre ein Stricher mit meinem Sugardaddy.

Ich wünsche mir die Zeiten der Achtziger Jahre zurück als ich in die Szene kam. Da empfand ich das alles als lockerer und toleranter. Die Szene war nicht so aufgesplittet in jung und alt, Fetisch und Normalo.
Oliver
 

Oliver // © vvg

Schwule lästern, weil es ihnen Spaß macht oder aus Langeweile. Man sitzt in der Runde, hat nicht viel zu erzählen und dann kommt man darauf. Bevor man von sich selber erzählt, lenkt man von sich selbst ab und lästert über Außenstehende. Auch wird meist über männliche Personen als „Die“ oder „Sie“ gelästert, da passt der Begriff „Lästerschwester“ gut. Ich selbst läster nicht so gern und denke mir lieber meinen Teil. Oft ist es sehr oberflächlich, da es um Körperlichkeiten geht oder wie sich der ein oder andere anzieht. Kleidung, die angesagt ist, bringt nicht die Jugend zurück, style macht einen nicht zum Star. Es sieht oft verboten aus oder katastrophal. Man sollte sich so kleiden, dass Problemzonen eher verdeckt werden und man nicht wie eine Wurst im Pressdarm daherkommt.

Ich bekomme öfter mit, dass über mich gelästert wird. Ich bin schlank und trage gerne enge Klamotten, was ich finde gut aussieht. Aber da ich eine Gehbehinderung habe und auch älter bin, bemerke ich, dass gelästert wird. Komme ich mit meinem Rollator in eine Fetischbar, gerade in Zeiten, wie CSD oder Karneval, wo viele Besucher in Köln sind, spüre ich schon verstärkt abwertende Blicke. Hätte ich mitbekommen, dass bewusst über mich gelästert worden wäre, hätte ich sicher etwas erwidert oder die Bar verlassen.

Oder wenn ich meine Familie in einer Kleinstadt an der polnischen Grenze besuche, merke ich schon die Blicke der Einheimischen und ich bin der Exot aus dem Westen. Lederklamotten kennen die gar nicht, auch weil es keine entsprechenden Fetischläden gibt. Aber die Tochter von einem Kumpel ist gerade deshalb stolz auf mich, weil ich anders bin.
Ronny
 

Ronny // © vvg

Auch ich erwische mich schon des Öfteren dabei, über das Eine oder Andere in der Runde von „Freunden“ Bemerkungen los zu lassen, die man nüchtern betrachtet, so eigentlich nicht losgelassen hätte. Aber wenn es dann ausgesprochen ist und die meisten lachen darüber, denkt man nicht über den Schmerz nach, den der Betroffene empfindet. Das bemerkt man erst später, aber dann ist meistens schon alles zu spät. Der Grund für solche spaßigen Lästereien kann in vielen Fällen die Kleidung sein, die ja eigentlich individuell für jedem nach seinem eigenen Geschmack anders ist –

Gott sei Dank. Aber trotzdem lästert man schon mal, wenn man meint, dass das eine nicht zum anderen passt. Auch ein etwas „nicht der Norm entsprechender“ Körper ist schon mal Anlass, sich in der Szene lustig zu machen. So findet man in geselliger Runde eigentlich immer etwas, worüber man sich lustig macht – man sollte es nur nicht überzeichnen. Die Achtung des Anderen und die Freundschaft geht dadurch auf lange Sicht zu Bruch.

Daher reagiere ich – so meine ich zumindest – nicht sauer, wenn mir Tratsch über mich zugetragen wird. Es kann sogar durchaus sein, dass ich in dem Geschwätz auch mal die unangenehme Wahrheit entdecke. Dann sollte man in sich gehen und eine Revision vornehmen. Für mich persönlich gibt es eine rote Linie, die man nicht überschreiten sollte. Dazu zähle ich körperliche Gebrechen und das Altern in Würde. Ein wunder Punkt in meinem Umfeld ist die Religion: Moslems, Juden und Christen fallen sehr gerne verbal übereinander her. Es gelingt mir nicht immer, gegenzusteuern – man ist halt Mensch und muss erkennen, dass man nicht perfekt ist.
Uwe
 

Uwe // © vvg

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