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Wie wäre mein Leben, wäre ich heterosexuell?
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Life Wie wäre mein Leben, wäre ich heterosexuell?

ms - 12.11.2022 - 12:00 Uhr

Christian war sein Name. Ein junger Kerl, gerade achtzehn Jahre alt geworden. Seine Brust war noch klebrig und nass von dem Schweiß unseres gemeinsamen Abenteuers. Er lächelte. Küsste mich. Nannte mich seinen “Daddy“ und dann plötzlich sagte er: „Ich glaube, es wäre alles so viel einfacher, wenn ich heterosexuell wäre. Wärst du nicht auch lieber nicht schwul? So eine Art männlicher Cowboy?“

Viele von uns erinnern sich an diese Momente, oftmals kreisten diese Gedanken wie schwere Gewitterwolken in unserer Jugend über uns, wenn wir Angst hatten vor dem Coming Out oder gerade frisch verliebt waren, aber niemand es wissen durfte. Oder wenn die Kumpels in unserer Jugend abschätzige Witze über die “Schwuchteln“ gemacht haben oder uns die Eltern unbedacht in einem Nebensatz ihre Geringschätzigkeit von Homosexuellen offenbarten, weil beispielsweise Elton John im Fernsehen mit einem bunten Federkostüm über eine Bühne hüpfte. Immer dann, wenn wir uns sicher waren, wir würden uns niemals richtig verlieben können. Christian, der gerade seine ersten sexuellen Erfahrungen in der schwulen Welt macht, steht mehrfach genau vor diesen Hürden. Die Welt, in der er heute lebt, ist dabei auf den ersten Blick eine komplexere geworden, während sie im tiefsten Inneren die gleichen Probleme aufzeigt wie vor einigen Jahrzehnten. Komplexer deswegen, weil sich viele Jugendliche und junge Erwachsene nicht mehr nur damit auseinandersetzen müssen, ob sie beispielsweise schwul sind oder nicht, sondern auch damit, wie sie sich selbst nach außen definieren, zeigen und präsentieren wollen. Die Social-Media-Realität ist bei aller digitaler Fassade auch eine, die ihre Krallen trotzdem tief in die Wirklichkeit und den Alltag junger Homosexueller hineinpresst. Corona und die Affenpocken haben die Situation hier nur noch verschlimmert, weswegen die Fallzahlen im Bereich Depressionen in den letzten zwei Jahren nach oben geschossen sind. Auf der anderen Seite sind die Ängste noch immer die gleichen und trotz einiger positiver Beispiele fragen sich die allermeisten jungen Homosexuellen nach wie vor, wie die eigene Familie und die Freunde reagieren werden. Wie schreibt es Leo Tolstoi so schön: „Alle glücklichen Familien gleichen einander, jede unglückliche Familie ist auf ihre eigene Weise unglücklich.“ Für junge, ungeoutete Homosexuelle spielt es keine Rolle, wie offen die Gesellschaft oder die Familie eines anderen Schwulen ist, was zählt ist einzig die Frage, wie es einem selbst bei seinem Outing ergehen wird. Irgendwann glücklicherweise schaffen die meisten von uns ihr Coming Out und kommen daraus gestärkt hervor. Aber fragen wir uns an manchen Tagen als erwachsene Männer immer noch, wie unser Leben als Heterosexueller verlaufen wäre?

Es ist ein rein subjektives Wahrnehmen, ein Gedankenspiel, das grundfalsch oder zutiefst wahr sein könnte. In meinem speziellen Fall lässt sich sagen, dass ich es mir ohne das nötige Coming Out wohl relativ leicht gemacht hätte. Ich hätte nicht alles in eine Waagschale werfen müssen auf die Gefahr hin, von der Familie und Freunden verstoßen zu werden. Dieser Einschnitt, so weltbewegend und dramatisch er sich auch damals angefühlt hat, ist heute nur noch eine Erinnerung unter vielen, auch wenn er trotzdem meinem Leben eine neue Richtung gegeben hat. Dieser Einschnitt hat mich mutiger gemacht. Er hat mich Schritt für Schritt in den Jahren danach immer mehr erkennen lassen, was ich wirklich möchte und was nicht. Ich habe gelernt, mich selbst zu hinterfragen und auch andere. Weder familiäre noch freundschaftliche Bande sind bis heute für mich eine Selbstverständlichkeit, sondern eine wertvolle Besonderheit. Das trifft natürlich im gleichen Maße für heterosexuelle Männer zu, doch ihnen fehlt oftmals die schlichte Einsicht dafür. Sie mussten sich mehrheitlich niemals zur Gänze hinterfragen, gerade dann auch, wenn sie wie ich als weiße Männer in Mitteleuropa aufgewachsen sind. Für weiße heterosexuelle Männer ist diese Welt bis heute gemacht, sie sind der scheinbare Maßstab der Dinge – dafür können sie nichts, weder im positiven noch im negativen Sinne, weswegen es schlicht unsinnig ist, ihnen beispielsweise gruppenbezogenen Rassismus oder Homophobie vorzuwerfen. Wer das tut, verkennt das Lebens- und Gestaltungsrecht eines Individuums und pauschalisiert eine ganze Gruppe von Menschen aufgrund von unabänderbaren Äußerlichkeiten. Wer dies tut, verhält sich selbst rassistisch.

© iStock / PeopleImages

Aber liebe heterosexuelle Männer, lasst uns doch über Sex reden. Wenn ich heterosexuell wäre, hätte ich statistisch gesehen im bundesweiten Durchschnitt in etwa sechs verschiedene Sexualpartnerinnen – in meinem ganzen Leben! Sechs! Wäre ich Hamburger, wären es immerhin etwa zehn unterschiedliche Personen. Zum Vergleich: Knapp zwei Prozent der schwulen Männer haben jährlich mit mehr als fünfzig anderen Kerlen Sex. Die Hälfte von uns vergnügt sich binnen eines Jahres mit zwei bis zehn verschiedene Typen im Bett, wobei die Fallzahlen mit steigendem Alter anwachsen. Aber nur sechs Personen in einem ganzen Leben? Kurz gesagt, die Sexualpartner, die ein schwuler Mann pro Jahr beglückt, müssen für einen Heterosexuellen für ein ganzes Leben reichen. Nö, Danke, ich bleibe da sehr gerne weiter schwul.

 

Auch mental geht es uns schwulen Männern laut der Studie der Deutschen Aidshilfe gar nicht so schlecht – immerhin die Hälfte von uns fühlt sich niemals niedergeschlagen oder hoffnungslos. Ein weiteres Drittel nur an einzelnen Tagen. Geht doch! Klar, wir hätten es als Heterosexuelle oftmals wohl leichter: Wir würden wahrscheinlich nicht oder deutlich weniger diskriminiert, gemoppt und angefeindet werden. Wir müssten nicht überlegen, ob und wo wir in der Öffentlichkeit unseren Freund küssen können, ohne verbal oder physisch attackiert zu werden. Für uns gäbe es kaum No-Go-Areas in deutschen Großstädten, wo wir uns besser nicht als homosexuell zu erkennen geben sollten. Wir hätten bessere Chancen auf dem Arbeitsmarkt und würden auch besser bezahlt werden. Auch würden wir nicht gezwungen werden, uns immer wieder outen zu müssen – vor den neuen Arbeitskollegen, der neuen Vermieterin, dem Versicherungsvertreter. Ja, das ist alles richtig. Trotz aller rechtlichen Fortschritte leben wir definitiv noch nicht gleichberechtigt in diesem Land – von anderen Ländern weltweit einmal ganz abgesehen.

Aber deswegen gerne heterosexuell sein wollen? Für rund sechs Prozent der homosexuellen Männer Mitte vierzig scheint das ernsthaft eine Alternative zu sein. Laut einer Studie der Universität München leben diese ein heterosexuelles Leben mit Ehefrau und Kindern in dem Wissen, schwul zu sein. Die Gründe dafür können nur spekuliert werden, der Lesben- und Schwulenverband vermutet dahinter aber religiöse Motive. Es geht wohl um jene Männer, die so sehr von ihrem Glauben bis heute bevormundet werden, dass sie ihre eigene Homosexualität nicht frei leben wollen. Es ist traurig, dass eine Religion bei einigen schwulen Männern noch immer eine solche Macht besitzt, dass sie in ihrem fanatischen Wahn Menschenleben vernichtet.

Ich möchte keine Kinder. Würde ich aber welche wollen, könnte ich inzwischen ebenso Vater werden wie heterosexuelle Männer. Gut, vielleicht nicht ganz so einfach, wie im Falle der ein oder anderen Jacqueline-Chantal-Malia aus Brandenburg oder Niederbayern, die im Rausch von zu viel Pils auf dem Rücksitz eines alten Golfs mit einem Roberto-Justin-Kaleo gerade ein neues Leben in die Welt setzt. Doch es ist weit mehr als die Frage nach dem Kinderwunsch – Homosexualität schenkt mir auch eine größere Freiheit. Es geht nicht um die Tatsache, dass wir Jungs im statistischen Durchschnitt wahrscheinlich mehr Geld für Nippes ausgeben, öfter reisen oder gerne mal dem Konsum verfallen – nein. Es geht um die Freiheit, unsere Leben frei und eigenständig definieren zu dürfen. Wir kennen doch die allseits und stets irgendwann aufkommende Frage von heterosexuellen Pärchen: „Wer von euch beiden ist denn die Frau in der Beziehung?“ Mal sind wir davon genervt, dann wieder belustigt, ein anderes Mal erklären wir es geduldig. In den meisten Fällen steckt hinter dieser Frage keine negierende Absicht, sondern schlichte Neugierde. Für viele heterosexuelle Menschen ist es auch heute noch schwer vorstellbar, wie Homosexuelle gerade in einer Partnerschaft leben, ohne die festen Raster einer gesellschaftlich festgelegten Norm zu haben. Als Covid-19 erstmals im Frühjahr 2020 zu seinem ersten Höhenflug ansetzte, zeigte sich nur zu schnell wieder, wie extrem die alten Rollenbilder immer noch greifen: Die Frau bleibt zu Hause bei Küche und Kind, der Mann verlässt die Höhle, um das neuzeitliche Mammut namens Bürojob zu bewältigen.

Ich bin frei. Wir sind es. Nicht gänzlich, nicht überall, doch wir sind zumeist komplett frei, was unser Leben und Erleben unserer Partnerschaften betrifft. Es gibt kein Rollenmodell, an das wir uns halten müssen. Wir können ganz individuell entscheiden, wie wir leben wollen, wie wir lieben wollen - und wer den Abwasch macht und die Wäsche aufhängt. Mehrheitlich tragen wir diese Freiheit auch in unsere Sexualität hinein. Wir können frei und unvoreingenommen unseren Sex ausleben, wir kommunizieren oftmals offen mit unseren Partnern, was wir wollen, wie wir es wollen, was wir brauchen. Ganz gleich, ob es in der Langzeitbeziehung oder bei einem One-Night-Stand ist. Die allseits online gestellte und bekannte Frage “Auf was stehst du?“ beherbergt eine ungemeine Freiheit in sich. Im besten Sinne gehen wir ehrlicher miteinander um, wenn wir Sex haben. Und wir klären ehrlich ab, was dem anderen Partner wirklich gefällt. Eine Offenheit, die höchstwahrscheinlich in den meisten heterosexuellen Beziehungen noch immer eine Utopie ist: „Was könnte die Mutter meiner Kinder von mir denken, wenn ich ihr sagen würde, ich will, dass sie mir ihren Finger in den Hintern steckt? Oh Gott, hält sie mich für schwul? Bin ich dann kein richtiger Mann mehr?“ Auch in puncto Sex selbst leben wir ein gutes Stück befreiter und können entspannter über offene Beziehungen, Partnerschaften mit mehr als zwei Personen oder anderen Modellen reden. Weder heterosexuelle Besitzansprüche an den Partner noch historisch eingetrichterte Versorgungsängste beim Verlust des “Ernährers“ hemmen uns dabei.

In jungen Jahren mag uns manchmal diese Freiheit beängstigen, denn es gibt keine Schablone, keine Vorlage, wie wir leben sollen als schwule Männer. Wir müssen alles selbst entdecken und für uns ganz persönlich definieren. Und haben zudem die Freiheit, dass wir uns stetig neu ausrichten dürfen, wenn wir für uns merken, dass wir uns in eine andere Richtung entwickeln – das trifft bei sexuellen Vorlieben genauso zu wie bei Beziehungen oder Affären. Ein ganzes Leben lang haben wir diese Freiheit. Christian, wo immer du auch inzwischen bist, lasse dir gesagt sein: Für nichts auf der Welt würde ich diese Freiheit freiwillig aufgeben wollen. Ich bin nicht nur gerne ein schwuler Mann, ich würde nichts anderes sein wollen. Na ja, vielleicht manchmal gerne ein regenbogenfarbiges Einhorn, aber das ist eine andere Geschichte. Glaube mir, Christian: Es dauert vielleicht eine Weile, aber dann kann es wirklich großartig sein, als schwuler Mann zu leben. Und es gibt übrigens auch schwule Cowboys – und reiten können die sowieso am besten.

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