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Arabische Länder rüsten auf im digitalen Kampf

Hetzjagd auf Homosexuelle Versteckte Algorithmen entlarven viele LGBTI*-Menschen

ms - 03.10.2022 - 11:00 Uhr
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Es klingt absurd und paradox, doch die einzige, noch verbliebene Möglichkeit, ein wenig Freiheit zu erleben, kann für viele Homosexuelle in der arabischen Welt inzwischen immer mehr zu einer lebensbedrohlichen Falle werden – die Rede ist von den Social Media Profilen. Oftmals sind sie die einzige Möglichkeit, mit anderen Homosexuellen oder queeren Menschen sowie bei Bedarf auch mit LGBTI*-Hilfsorganisationen in Kontakt zu treten, auf der anderen Seite häufen sich in den letzten Wochen und Monaten die Berichte, dass immer öfter Jagd auf Homosexuelle im Netz gemacht wird.

Was früher in Deutschland auf den umgangssprachlichen Klappen Alltag war – Polizisten, die sich als Homosexuelle ausgaben, um tatsächliche Homosexuelle zu überführen – findet jetzt in digitaler Form in immer mehr Ländern in der arabischen Welt statt. Zuletzt verschärften sich die Berichte darüber beispielsweise auch aus Afghanistan, wo LGBTI*-Menschen seit der Machtübernahme der Taliban 2021 verzweifelt versuchen, mit Hilfe westlicher Länder wie Deutschland das Land zu verlassen. Organisationen wie Human Rights Watch, Amnesty International aber auch der Lesben– und Schwulenverband in Deutschland haben in den letzten Wochen abermals darauf aufmerksam gemacht, wie perfide Polizisten und homophobe Hasser auf die Jagd gehen. Dabei droht die Gefahr nicht nur in der digitalen Welt, immer öfter häuften sich zuletzt die Fälle, in denen Polizisten einzelne Männer direkt auf der Straße kontrollierten – wurden verdächtige Apps auf den Smartphones entdeckt, kamen die Passanten direkt in Untersuchungshaft.

Einige App-Anbieter haben gewisse Schutzfunktionen für Länder entwickelt, in denen Homosexualität noch immer strafbar ist, beispielsweise ist dann auf dem Button der jeweiligen News- oder Dating-App nicht das allseits bekannte Logo zu sehen, sondern ein harmloses Bild einer angeblichen Wetter-App, die den eigentlichen Inhalt verschleiern soll. Das digitale Versteckspiel mag die erste Zeit funktioniert haben, inzwischen haben aber auch Polizisten in den jeweiligen Ländern dazugelernt und kontrollieren die Smartphones sehr genau. Erwischen sie einen Homosexuellen, zwingen sie ihn dann dazu, all seine sexuellen Kontakte preiszugeben, um so seine Strafe abzumildern. Das Verfahren fand in den letzten Jahren auch abseits der arabischen Welt in Ländern wie Russland oder Tschetschenien seine Anwendung. 

Für LGBTI*-Menschen in Deutschland undenkbar, bedeutet dies für viele queere und homosexuelle Personen in gefährlichen Regionen, dass sie vor dem Verlassen des Haues erst sehr genau alle, möglicherweise problematischen Apps, persönlichen Nachrichten oder auch Bilder löschen müssen. Doch auch hier läuft diese Vorgehensweise nicht immer reibungslos, Messenger-Dienste wie WhatsApp beispielsweise speichern die versendeten Bilder auch dann noch in internen Ordnern ab, wenn sie im offen zugänglichen Bildarchiv nicht mehr ersichtlich sind. Menschenrechtsorganisationen verorten diese digitalen Überwachungen und Kontrollen derzeit in immer mehr Ländern, vom Mittleren über den Nahen Osten bis nach Nordafrika und zur arabischen Halbinsel. Die Strafen sind je nach Land drakonisch und reichen von Peitschenhieben, einem monatelangen Haftaufenthalt bis zu Hinrichtungen – in den letzten Wochen erst wurden Fälle bekannt, in denen einzelne Twitter- oder Blognachrichten von Usern, die beispielsweise eine LGBTI*-Aktion im Westen mit einem Herzen oder Like-Button versahen, für eine Verurteilung ausreichten.

Die jüngsten Zwischenfälle dieser Art hat die Wissenschaftlerin Afsaneh Rigot von der Harvard Law School in Cambridge in Zusammenarbeit mit dem Menschenrechtsverein ARTICLE 19 untersucht, dabei interviewte sie auch über einen Zeitraum von mehreren Jahren immer wieder Opfer. Die Organisation ARTICLE 19  setzt sich seit den 1980er Jahren dafür ein, dass sich alle Menschen überall frei äußern und ohne Angst vor Diskriminierung aktiv am öffentlichen Leben beteiligen können: „Wir tun dies, indem wir uns für zwei, ineinandergreifende Freiheiten einsetzen: die Freiheit zu sprechen und die Freiheit zu wissen. Wenn eine dieser beiden Freiheiten bedroht ist, spricht ARTICLE 19 mit ganzer Stimme.“ In der jüngsten Studie wird klar, dass der digitale Fußabdruck für viele LGBTI*-Menschen in gefährlichen Staaten immer mehr zu einer Bedrohung wird, denn oftmals lassen sich die digitalen Spuren für Laien nur noch schwer gänzlich verwischen. Es sind die gleichen Algorithmen, die auf unseren Smartphones beispielsweise dafür sorgen, dass nach einer Google-Suche für eine Urlaubsreise in den folgenden Wochen wie von Zauberhand punktgenau immer wieder exakt die passende Reise-Werbung als Beigabe bei jeder News-Seite erscheint. Wer in den arabischen Ländern einmal nach Themen rund um Homosexualität oder LGBTI* auf seinem Smartphone gesucht hat, kann davon ausgehen, dass sich ähnliche digitale Spuren festsetzen.

Laut Rigot werden selbst belanglose Chats inzwischen Gegenstand von gerichtlichen Verhandlungen und Verurteilungen, wobei die Ermittler immer zielgenauer und effektiver arbeiten. Eine besondere Zunahme dieser digitalen Jagd verzeichnet die Expertin aktuell in Ägypten – kein anderes Land ginge derzeit so aggressiv gegen Homosexuelle vor. Die Behörden suchen nicht nur im Netz nach Hinweisen, sondern erstellen teilweise selbst scheinbar freundlich gesinnte Beratungsseiten für arabische Homosexuelle – klicken diese darauf, sind sie in die Falle getappt. Länder wie Tunesien oder der Libanon ziehen in diesem Verhalten aktuell nach. Am Ende bleibt immer mehr queeren und homosexuellen Menschen nur ein Ausweg: Sie können ihre Sexualität und ihre Identität überhaupt nicht mehr ausleben, es gibt keinen einzigen Rückzugsort mehr.

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