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Susanne Pätzold

Susanne Pätzold "Heute schaut man völlig anders auf Geschlechterrollen und das Humorpotenzial von Genderthemen und Männerdominanz"

vvg - 03.03.2022 - 10:00 Uhr

Susanne Pätzold ist Schauspielerin und Komikerin, die vor allem durch TV-Formate wie „Switch“ oder „Mitternachtsspitzen“ einem breiten Publikum bekannt wurde. Demnächst steht sie wieder auf der Bühne, anlässlich des 100. Gründungsjubiläums des Deutschen Volksbühne Vereins.

 

Wie bezeichnet man eigentlich scherzhaft eine Comedienne deutschsprachig: Clown, Spaßvogel oder Witzfigur?
Ich persönlich habe den Begriff Komikerin ganz gerne. In erster Linie sehe ich mich als Schauspielerin und meine ursprüngliche Spielenergie ist die Komik.

Warst du früher schon ein lustiges Kind und was wolltest du ursprünglich werden?
Mit etwa zehn Jahren habe ich, wenn ich wusste, dass es am anderen Tag eine Freistunde gab, mit ein oder zwei Freundinnen Sketche eingeübt, die wir am anderen Tag vorgespielt haben. Meistens waren das Parodien auf unsere Lehrer.

Während der Grundschulzeit träumte ich vom Eiskunstlaufen, Tanzen und Operngesang. Als ich dann mit 18 eine Aufführung eines Improvisationstheaters sah, wusste ich, was ich machen wollte.

© VVG
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Du bist durch “Switch“ und „Switch reloaded" bekannt geworden, wofür ihr mit dem „Deutschen Comedypreis“ und mit der „Romy“ ausgezeichnet wurdet. Macht das stolz, überheblich oder süchtig?
Weder noch. Stolz ist keine Vokabel, mit der ich viel am Hut habe. Aber der Moment, in dem der Name aufgerufen wird, ist schon super!

Gibt es einen Unterschied zwischen parodieren und imitieren und wie hast du dich auf den zu spielenden Charakter vorbereitet?
Imitieren bedeutet nachahmen, Parodieren geht darüber hinaus. Man sieht sich die Besonderheiten einer Person an und hebt sie hervor. Ich bilde Personen nicht 1:1 ab, sondern suche nach typischem Verhalten und Eigenarten. Wenn man dann die Schraube anzieht, wird das – im Idealfall - lustig. Jedenfalls muss man sich vorher sehr intensiv mit dem „Original“ beschäftigen.

Du hast Inka Bause, Sonja Zietlow und viele Politikerinnen gespielt, gab es deswegen schon mal böses Blut?
Zu mir ist nie etwas durchgedrungen. Halt, doch: Katharina Saalfrank, die Nanny, soll sich wohl mal beschwert haben, dass wir mit ihrer Rolle falsch umgegangen sind. Ich fand unseren satirischen Ansatz genau richtig. Wir haben eine Supernanny gezeigt, die Kinder mit ihren Schwächen vor die Kamera zerrt. Das gefiel ihr wohl nicht so gut, weil sie ihr Format vermutlich spitze fand.

Du „warst" Claudia Roth, Ursula von der Leyen, Sarah Wagenknecht, Frauke Petry, Andrea Nahles und Melania Trump. Hat sich deine politische Sicht dadurch geändert und hattest du den Wunsch politisch etwas zu verändern?
Ich sag es mal so: Meine Haltung prägt mein Spiel und nicht umgekehrt. Also wenn ich mich zum Beispiel mit einer Figur aus dem rechten Spektrum beschäftige, um sie zu spielen, gewinne ich dadurch keinen Gefallen an ihren Ideen. Ganz im Gegenteil. Übrigens sehr gerne gespielt habe ich zum Beispiel Andrea Nahles, wegen ihrer Energie und weil sie authentisch ist. Man sieht und parodiert bei PolitikerInnen ja meist Contenance und Eitelkeit. Andrea Nahles hat ihren Gefühlen und ihrer Wut immer freien Lauf gelassen, ohne Rücksicht auf Verluste. Das zu spielen hat großen Spaß gemacht.

Selbst in die Politik zu gehen, käme für mich nicht in Frage. Ich fühle mich mit dem, was ich mache, genau am richtigen Platz.

© VVG
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Könntest du einen schwulen Mann spielen, ohne ihn lächerlich zu machen?
Ja, absolut. Ich persönlich will nie jemanden lächerlich machen – es sei denn richtig fiese Typen. Ich spiele ja immer wieder mal Männer. Ob schwul oder hetero – entscheidend ist, wo die jeweilige Komik liegen soll.

Ab wann wird eine Wiedergabe peinlich, bösartig oder diskriminierend?
Das hat sicherlich mit der inneren Haltung zu tun. Wer einen scharfen oder giftigen Humor hat, wird eher Grenzen überschreiten. Das muss ja nicht jedem gefallen, ist aber in Ordnung. Mein Humor hat immer damit zu tun, dass ich Menschen mag und damit auch die Figuren, die ich spiele.

Was ist das Schwierigste daran, Leute zum Lachen zu bringen?
Wenn man selber beim Spielen den Schalk und Humor fühlt und innerlich grinst, ist die Chance groß, dass man sich mit den Menschen auf der Humorebene verbinden kann. Wenn es im eigenen Bauch nicht mitkichert, dann wird es schwer.

Du warst in den Serien: „Lukas“ (mit Dirk Bach), „Danni Lewinski“, „Schillerstrasse“, „Genial daneben“, den „Springmäusen“ und den „Mitternachtsspitzen“. Hat sich Comedy seitdem verändert?
Ich glaube, Humor verändert sich ständig. Loriot hat damals sein zeitliches Umfeld und die vorherrschende Spießigkeit parodiert, die Selbstherrlichkeit der Männer, die devote Haltung der Frauen und das auf seine unnachahmliche, unglaublich präzise Weise. Heutzutage würde das anders aussehen, weil sich die Welt verändert hat. Die Gesellschaft ist freier geworden, das Humorpotenzial liegt anderswo.  Jeder Humorist hat einen eigenen Blick auf die Welt und Humor hat immer mit der darstellenden Person zu tun. Heute schaut man völlig anders auf Geschlechterrollen und das Humorpotenzial von Genderthemen und Männerdominanz.

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Danach folgte die Zeit, wo du deine Kindheitsträume umgesetzt hast: Du hast die „Wok-WM“ mitgemacht, warst nach deinem Sieg bei „Stars on Eis“ mit Kati Witt auf Eis-Tournee und mit Alex Burgos und der Show „Bis dass der Tanz uns scheidet“ auf Tanz-Tour. Woher kommt dieses Talent?
Getanzt habe ich immer gerne und jahrelang Turniertanz gemacht. Eiprinzessin zu sein, war ein Kindheitstraum und es war ein Riesengeschenk, dass ich mich hauptberuflich damit beschäftigen und jeden Tag trainieren konnte. Allerdings war ich auf dem Eis ein völliges Greenhorn und habe ordentlich blaue Flecken gesammelt.

Aber bei der Wok-WM hatte ich tatsächlich Todesangst. Auf so einer Schüssel durch den Eiskanal – das ist wirklich eine sehr zügige Angelegenheit.

Tanzen macht durstig: Deine Lieblingsgetränke sind angeblich „3 Kölsch 1 Schuss“?
Ja, könnte man meinen! Das ist der Name unserer Impro-Theatergruppe mit meinem Mann Axel Strohmeyer und unserem Freund Franco Melis. Wir führen seit 1995 eine berufliche Dreierbeziehung. Zwar ist jeder von uns mittlerweile mit vielen anderen Projekten unterwegs, aber weil es so viel Spaß macht, treten wir immer wieder auch zusammen auf: Wir greifen Anregungen und Ideen aus dem Publikum auf und setzen diese spielerisch um, z.B. im Rheinischen Landestheater Neuss mit „The NEUSS of Germany“, wo es mit kleiner Band und wechselnden Gästen rund um die Stadt am Niederrhein geht.

Und tatsächlich ist mein derzeitiges Lieblingsgetränk Aperol Sprizz.

Wann schlägt dein Herz am höchsten: bei Film, Fernsehen, Theater oder Life on Stage?
Direkter Publikumskontakt ist für mich großartig, da glitzert es in mir und da bin ich in meinem Element. Ich genieße aber auch Kameraarbeit, die Präzision und die Möglichkeit, einen Take so oft zu wiederholen, bis die Szene genau so ist, wie man sie haben will.

Wie heitert man dich auf, wenn du mal schlecht drauf bist?
Mit Humor, das kann mein Mann sehr gut, der findet in allem Humor, sogar noch im tiefsten Morast. Das ist ein top Talent und das baut mich immer auf.

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Was bringt dich überhaupt auf die Palme?
Sich aufzuregen ist ja oftmals Quatsch. Beim Autofahren kann ich zum Beispiel schon mal über andere Verkehrsteilnehmer blöde Vokabeln von mir geben, aber das bringt ja nichts und passiert auch nur, wenn ich eh schlechte Laune habe. Mich ärgern schlimme Ungerechtigkeiten und Zustände in der Welt. Ich finde das entsetzlich und traurig, aber Wut macht mich ja eher hilflos. Also schau ich: Was kann ich im Kleinen tun, um einen sinnvollen Beitrag zu leisten.

Im letzten Jahr warst du in der „Rentnercops“-Folge: "Doppelt gestorben hält besser", entstanden da Ängste?
Tatsächlich ist der Tod ein Thema, mit dem ich mich in der letzten Zeit viel beschäftigt habe, weil im letzten Jahr sehr überraschend ein Freund verstarb. Das war und ist unendlich traurig. Und ja, es löst auch Ängste aus. Es hat mir wieder mal vor Augen geführt, dass jeder in jedem Moment plötzlich einfach verschwinden kann.

Wann hattest du zuletzt mit der LGBTI*-Szene Kontakt?
Vor zwei Wochen haben wir uns mit engen Freunden getroffen – einem schwulen Paar. Vor über 25 Jahren haben Charles Ripley und ich zusammen in dem Theaterstück „Traumfrau verzweifelt gesucht“ gespielt. Seitdem sind wir und unsere Liebsten befreundet.

Du bist im Dezember bei den „Mitternachtsspitzen“ ausgestiegen, warum?
Ich hatte bei den „Mitternachtsspitzen“ eine tolle Zeit und habe irre viele Rollen gespielt und vieles ausprobieren können und nach sieben Jahren beginnt etwas Neues. Es war jetzt der Punkt, wo ich das Gefühl hatte, es ist auserzählt. Es war eine wichtige und eine super Zeit.

Dafür gibt es im März ein neues Projekt…
Ja, ab 5. März spiele ich in der Volksbühne am Rudolfplatz im Theaterstück „Das Automatenbüffet“ von Anna Gmeyner. Und ich freue mich riesig drauf. Das Stück ist eine Wiederentdeckung. In den 30er Jahren musste die jüdische Autorin emigrieren und das Stück wurde verboten. Es kommt als komödiantisches Volkstheaterstück daher und ist gleichzeitig eine scharfe und kluge Gesellschaftssatire. Großartig.

Jetzt spielen wir es anlässlich des 100-jährigen Jubiläums des Vereins Freie Volksbühne Köln. Gerade laufen die Proben und die Arbeit mit meinen tollen Kollegen ist eine wahre Freude. Außerdem habe ich das große Vergnügen, in dem Stück vier verschiedene, schräge Rollen spielen zu dürfen – drei Männer und eine Frau. 

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Wir leben wieder in den Zwanzigern, welche im letzten Jahrhundert die goldenen waren. Welche Parallele ziehst du?
Was sich im Stück zusammenbraut, ist eine unterschwellige rechte Gesinnung. Man sollte meinen, dass die Menschheit mit diesem Thema durch ist, aber das dauert wohl leider noch …
Das Stück ist jedenfalls sehr aktuell.

Wie sehen deine Pläne für die Zukunft aus?
Spielen, spielen, spielen und dabei das Leben genießen!

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