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Adee
Regional

Umfrage Was war das Mutigste in deinem Leben?

vvg - 03.06.2023 - 17:00 Uhr

Adee   

aus Sri Lanca

Ich denke, das Mutigste im Leben war für mich, dass ich vor zwei Jahren alleine von Sri Lanca nach Deutschland ausgewandert bin.

Ich habe mich für Deutschland entschieden, weil ich Deutsch schon in der Schule lernte und ein Onkel von mir hier lebte. Ich hatte ihn ausgefragt, wie das Leben in „Germany“ so ist und er hat mir viel vom Leben und der deutschen Kultur erzählt. Das hat mich sehr interessiert und begeistert. Hier habe ich bessere Möglichkeiten zu lernen, zu studieren, später zu arbeiten und außerdem die deutsche Kultur und natürlich nette Menschen kennen zu lernen. Ein Grund war auch, dass ich innerhalb der EU Reisen möchte, und das funktioniert nur, wenn ich das passende Visum erhalte. Dafür habe ich meine Familie und meine Freunde aufgegeben und muss mich wie ein Kindergartenkind auf mein neues Leben vorbereiten.

Sicherlich ist auch meine sexuelle Orientierung ein Grund, denn in meiner Heimat ist es schwierig offen schwul leben zu können. Meine Generation akzeptiert das zwar mittlerweile, trotzdem verläuft in Sri Lanca alles sehr geheim und es gibt dort leider keine Freiheit. Ich liebe zwar mein Heimatland, aber meine Freiheit liebe ich noch mehr. Hier kann ich offen als schwuler Mann leben, studieren und mich später eventuell ganz auf den Beruf zum Anästhesist oder einen anderen pflegerischen Beruf konzentrieren.

Ich telefoniere oft mit meiner Mutter: ich möchte auch gerne irgendwann mal in Sri Lanca Urlaub machen aber ich möchte auf gar keinen Fall mehr dort leben. Und meinen Mut, von dort fortzugehen und mich für ein vollkommen anderes Leben zu entscheiden, habe ich bis heute nicht bereut.

 

Adora © vvg

Adora    

aus Köln

Das Mutigste war tatsächlich bislang, dass ich mich als Dragqueen ausprobiert habe. Und ich darf gar nicht sagen, seit wann ich das mache; nämlich erst seit ca. drei Jahren und zwar mit 48 Jahren. Und in dem Alter anzufangen, ist schon etwas ganz Besonderes.

Dass ich so spät anfing, ist meiner Erziehung geschuldet, die mir aufoktroyiert wurde. Ich bin in einem kleinen Dorf in der Soester Börde mit knapp 300 Einwohnern großgeworden, Da ist es schon eine Sünde, schwul zu sein.

Ich wäre gerne als junger Mensch Musicaldarsteller, Tänzer oder Sänger geworden, das durfte ich aber nicht. So habe ich einen ganz konservativen Beruf erlernt und erst nach vielen Jahren kam ich - wie viele andere Drag-Queens auch - durch den Karneval dazu, mich als Frau zu verkleiden. Das hat mir Spaß gemacht und die Komplimente, die ich bekam, machten mir Mut, mich weiter auszuprobieren. Mein allererster Auftritt war, als die Ru Paul Gruppe in Deutschland tourte. Da wurde ich doch glatt gefragt, ob ich als eine der drei Localqueens in ihrem Programm teilnehmen möchte. Das war doch wirklich eine riesengroße Auszeichnung, da ich erst ein paar Monate auf dem Markt war. Das wollte ich auch, musste aber erst mein Selbstwertgefühl aufbauen und meinen Stil finden.

Angst vor negativen Reaktionen hatte ich nie und ich habe bisher auch nie etwas Schlimmes erlebt. Ich strahle ja keine Gefahr aus, bin keine Bitch und kenne auch keine Stutenbissigkeit. Und das ich mittlerweile meinen Platz gefunden habe und auch ziemlich viel Erfolg verbuchen konnte, bin ich heute mutiger geworden, habe meinen Weg gefunden und lebe mit mir im Reinen.

 

Felix © vvg

Felix    

aus Mönchengladbach

Das war wohl, als ich vor acht Jahren für ein Jahr nach Italien gegangen bin, obwohl ich außer den Worten „Ciao“ (Hallo) und „Come stai?“ (Wie geht`s?) die Sprache gar nicht beherrschte. Ich wollte dort ein freiwilliges soziales Jahr machen und in einem Altenheim alte Menschen betreuen. Da hatte ich mich sprachlich überschätzt, weil ich dachte, auch mit Englisch durchzukommen.

Nun stand ich dort und die Italiener weigerten sich, mit mir Englisch zu sprechen. Damit wäre ich lediglich in der Touristikbranche klargekommen Meine Eltern hatten mich zwar vorgewarnt und motiviert, doch vorher einen Sprachkurs zu machen; aber mit Anfang 20 weiß man ja alles besser. Nun musste ich dringend italienisch lernen und das hat ganz viel Mut und Kraft gekostet. Ich konnte schnell viel verstehen was die Leute wollten, konnte mich aber nur schlecht verbal ausdrücken und somit Missverständnisse geraderücken.

Die traten nämlich auf, wenn Demenzkranke vergessen hatten, dass sie gefrühstückt hatten und behaupteten, ich hätte sie vergessen. Die Kollegen waren sauer auf mich, weil sie glaubten ich hätte etwas falsch gemacht oder vergessen und ich konnte es sprachlich nicht klarstellen. Das war echt ein hartes Jahr und es gab Zeiten, wo ich wirklich auch mal verzweifelt war und sogar geheult habe. Letztendlich habe ich den Mut dort nicht verloren, schließlich habe ich nach dem Motto „Never less courage“ gelebt.

Gebracht hat mir im Nachhinein das Jahr, dass ich es durchgezogen habe und dass mein italienisch heute passabel ist. Und mit den Omis und Opis hat es dann auch geklappt. Und es hat mir auch gelehrt, geduldiger mit Menschen zu sein, die mich nicht direkt verstehen.

 

Peter © vvg

Peter   

aus Vallendar/Koblenz

Das Mutigste war ein Tandemsprung vor mehreren Jahren auf Gran Canaria, als ich mit einem früheren Freund zusammen dort war. Wir litten beide unter Höhenangst, aber irgendwie reizte es uns, wenn andere das machten und auf die Erde segelten. wie leicht das aussah.

Wir überlegten, ob wir das auch einfach mal ausprobieren. Mir war bewusst, dass man bei Höhenangst so etwas nicht tun sollte, ich leide furchtbar und gerate in Panik, wenn ich keinen festen Boden mehr unter meinen Füßen habe. Aber wir wollten uns unseren Ängsten stellen - im Urlaub ist man mutiger.

Mein Tan   dempartner war sympathisch und ein erfahrener Springer. Trotzdem haben wir zunächst zweimal einen Rückzieher gemacht, weil die Angst zuerst größer war, als unser Mut. Auch beim dritten Mal hätte ich mich im letzten Moment gerne wieder aus der Situation befreit, aber da mein Freund zu allem bereit war, wollte ich nun keine Memme sein. Als im Flugzeug die Luke aufging, musste ich die Augen schließen. Die Angst schnürte mir den Brustkorb zu, meine Atmung wurde hektisch, ich verkrampfte, wurde steif wie ein Brett und zitterte am ganzen Körper. Als ich im Fall die Augen kurz öffnete und die Situation wahrnahm, war ich kurzfristig irgenwie weg. Es war die Hölle.

Wieder auf dem Boden der Tatsachen angekommen war mir übel. Ich war ganz wackelig auf den Beinen, zitterte am ganzen Körper, war kreidebleich im Gesicht und ich brauchte fast eine Stunde, bevor ich wieder vollkommen bei mir war. Und mir war 100% bewusst, dass ich so etwas definitiv nie wieder machen würde. So eine Erfahrung muss ich kein zweites Mal machen.

 

Robert © vvg

Robert   

aus Berlin

Das Mutigste was ich im Leben gemacht habe, war die Teilnahme in der letzten Staffel der Sendung „Leben leicht gemacht“. Ich habe mich dafür beworben, weil ich eine Veränderung wollte. Ich war als Kind moppelig und übergewichtig. Da blieb das Mobbing nicht aus und ich kompensierte es nochmals mit mehr Essen. Mit meinem Outing habe ich mich als siebzehnjähriger gestählt und 50 Kilo abgenommen, um den gängigen Schönheitsidealen zu entsprechen, denn ich wollte ja auch einen Freund finden. Da habe ich mir ganz schön Druck gemacht.

Durch zerbrochene Beziehungen, private und berufliche Rückschläge und letzten Endes durch die Krankheit meines Vaters, habe ich immer weniger auf mich geachtet, mich für die Familie aufgeopfert und - im doppelten Sinn des Wortes - alles in mich reingefressen. Am Ende wog ich 149.9 Kilogramm, habe mich gar nicht mehr wohlgefühlt und spürte schon wie all die Krankheiten, die Übergewicht verursacht, auf mich zukamen. Mir passten keine Sachen mehr und Kleidung, die mir gefiel, gab es gar nicht in meiner Größe. Ich sagte mir, wenn jetzt nicht etwas Radikales unternehme, dann schaffe ich es nie. Ich habe mich bei der Sendung beworben und das Glück gehabt, zu den zwanzig Auserwählten im Abnehm-Camp zu gehören. Es war ein Kampf mit mir selbst und vielleicht habe ich auch anderen durch mein Beispiel Mut gemacht. Die ersten Wochen waren sehr schwer und ich überlegte schon aufzugeben, aber durch Freundschaften im Camp, den gemeinsamen Kampf gegen die Kilos im Wettkampfmodus mit den anderen hat ungeheuer motiviert. Ich habe fast 60 Kilo abgenommen, heute wiege ich 93 Kilo, weil ich derzeit bewusst zunehme, um meine Muskulatur aufzubauen.

 

Uli & Romain © vvg

Uli & Romain  

aus Köln & Lüttich

Es war am 7. Mai 2023, als ich zusammen mit meinem Verlobten mit der Straßenbahn in Richtung Innenstadt fuhr. Wir waren bunt, zeigten Farbe, verhielten uns aber unauffällig. Urplötzlich rastete ein Mann mit dunkler Hautfarbe und offensichtlich afrikanischer Abstammung, der hinter uns saß vollkommen aus und griff uns lautstark mit Worten an: „Ich weiß, dass ihr schwul seid und heute noch f`***** werdet. Ich hole gleich mein Messer raus und schneide euere Schwänze ab!“. Mein Freund bekam Angst und zitterte und wir wollten ziemlich schockiert an der nächsten Haltestelle aussteigen. Dann stieg in mir Wut und Mut auf und ich dachte, „Nicht mit mir!“. Ich habe das Recht, meine Fahrt bis zum Ziel zu fahren und lasse mich nicht durch so einen Psycho davon abhalten. Zugleich wollte ich meinem Freund beweisen, dass wir uns nicht einschüchtern lassen und dass ich ihn gegen alles und jeden beschützen werde. So wäre ich auch zur Gegenwehr bereit gewesen, wenn der Typ handgreiflich geworden wäre. Wir fuhren also zwei Haltestellen weiter und ignorierten den Typen; denn ich wollte ihn nicht unbedingt herausfordern.

Ich fand es erbärmlich, dass ausgerechnet ein Zugewanderter, der sicher selbst schon persönliche Anfeindungen erlebt hat, auf vermeintlich in seinen Augen „Schwächere“ losgeht. Das hat mich geschockt und verärgert. Ich werde diese verbale Attacke aber auf jeden Fall zur Anzeige bringen, denn ich bin der Meinung, dass wir so etwas nicht zulassen dürfen. Wir müssen den Mut haben, uns so etwas nicht mehr bieten zu lassen.
Positiv dabei war, dass wir das Gefühl hatten, dass einige Fahrgäste im Notfall hinter uns gestanden haben, denn einige fragten, als wir ausstiegen, ob alles in Ordnung sei oder wir Hilfe bräuchten. (vvg)

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